Hipster im Regen. Marcel Kohler und Enno Trebs in Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“. Foto: Arno Declair
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Premieren am Deutschen Theater Ehe-Elend, Hipster-Akademiker und ein rachsüchtiger Pferdehändler

Premieren-Doppelschlag am Deutschen Theater Berlin: Daniela Löffner aktualisiert „Einsame Menschen“, Andreas Kriegenburg inszeniert „Michael Kohlhaas“.

Die Stimmung ist schlecht im Hause Vockerat. Johannes, der gerade Vater geworden ist, steht schon die Kindstaufe nicht durch, ohne nebenbei aufs Handy zu schauen. Seine Frau Käthe hadert in der Bobo-Villa am Müggelsee mit postnatalen Depressionsschüben und einem akuten Minderwertigkeitskomplex: Sie meint, ihrem Mann intellektuell nicht zu genügen. Ob Johannes’ Mutter Eva Vockerat (Judith Hofmann) tatsächlich mit einem derartigen Verdrängungsvermögen gesegnet ist, dass sie sich die vorsintflutlichen Erbauungsparolen selbst glaubt, die sie wacker in dieses Ehe-Elend hinein sendet, gehört zu den spannendsten Fragen des Abends in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin.

Dort hat die Regisseurin Daniela Löffner Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ einer mittleren Aktualisierungskur unterzogen: Aus dem Privatgelehrten Johannes Vockerat wird ein Bestsellerautor in tiefer Schaffenskrise, Hausfreund Braun mutiert zur Hausfreundin Sophie (Franziska Machens) – einer Malerin mit großer Freude an der Entlarvung von Lebenslügen, solange es nicht die eigenen sind.

Und Brauns hereinschneiende Bekannte, die Philosophiestudentin und Johannes-Versteherin Anna Mahr – jene Figur, die das eheliche Kartenhaus bei Hauptmann endgültig zum Einsturz bringt –, ist bei Löffner ein herbeijettender Bekannter: Arno Mahr, seines Zeichens Junior-Prof aus den Staaten, der in Stanford „Feministische Zukunftswissenschaften“ lehrt.

Der Hipster-Akademiker, der sich frauenbewegte Theorien aneignet und in der konkreten Daseinspraxis weibliche Lebensentwürfe aushebelt – eigentlich eine Idee mit großartigem Potenzial, um den Hauptmann’schen Feminismus-Diskurs aus dem 19. ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Nur macht Löffner rein gar nichts aus dieser Konstellation; es gibt überhaupt keinen Diskurs. Halbherzig hängt ihre Textfassung zwischen der alten Vorlage und den eigenen Aktualisierungen fest, vieles bleibt dabei in reinen Oberflächenbehauptungen stecken, was wiederum zu entsprechend inkonsistenten Charakteren führt. Und mangels entsprechenden Materials spielen Marcel Kohler als Johannes Vockerat und Enno Trebs als Arno Mahr, genau wie das übrige Personal, denn auch notgedrungen eher Stereotype nebeneinander her als dramatische Konfliktkonstellationen miteinander durch.

So kommt es, dass man sich unmittelbar nach der Pause, am dramaturgischen Höhepunkt des Abends, mit ehrlicher Überraschung fragt, was sich da eigentlich überhaupt entlädt, wenn die vermeintliche wechselseitige anspannungsreiche Faszination zwischen Johannes und Arno buchstäblich hinüberfließt in eine gefühlt zwanzigminütige Sexszene mit Sprinklerbühnenregen, gefühligem Schallplattensound und Kopulation im Schlauchboot.

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Am Einsatz sämtlicher Schauspieler dieses Abends liegt es nicht, die werfen alles in die Waagschale; man hätte ihnen wirklich die entsprechenden Entfaltungsmöglichkeiten gewünscht. So aber muss plakative Symbolik fehlende Tiefendimensionen kompensieren: Wenn Linn Reusse als unglückliche Johannes-Gattin Käthe Vockerat in einem emanzipatorischen Schub davon träumt, sich nach ihrem abgebrochenen Medizinstudium – jawohl – mit einer Würstchenbude selbstständig zu machen, steigt sie zuvor aus dem Minirock in den Hosenanzug. Und dass ihr die Dinge gehörig zu entgleiten drohen im Hause Vockerat, merken sie und das Publikum daran, dass irgendwann infolge eines offenen Wasserhahns eine ganze Treppe geflutet wird, die der Bühnenbildner Wolfgang Menardi in sein Müggelsee-Villen-Interieur gebaut hat.

Der Stoff der Stunde

Weiter geht’s mit der plakativen Symbolik gleich am Folgeabend nebenan auf der großen DT-Bühne, wo Andreas Kriegenburgs Kleist-Adaption „Michael Kohlhaas“ – eine Koproduktion mit den Bregenzer Festspielen und Les Théâtres de la Ville de Luxembourg – Berlin-Premiere feiert. Heinrich von Kleists Novelle um den Pferdehändler Kohlhaas, dem, angestoßen durch einen Willkürakt des Junkers Wenzel von Tronka, immenses Unrecht widerfährt und der, da er auf dem ordentlichen Rechtsweg an Intrigen und Seilschaften scheitert, schließlich zum fanatischen Heerführer eines Rachefeldzugs der Unzufriedenen wird, gilt vielen Theatern als Stoff der Stunde. In Berlin läuft „Kohlhaas“ zurzeit bereits in einer Inszenierung von Simon McBurney und Annabel Arden an der Schaubühne.

[Nächste Vorstellungen: „Einsame Menschen“ am 3., 11. & 25. November; „Michael Kohlhaas“ am 5., 11. & 28. November]

Kriegenburgs Version, die die Novellen-Chronologie zugunsten thematischer Blöcke zu Staat, Familie oder Justiz aufsprengt, spielt in einem Bretterverschlag, mithin einem Pferdestall, in dem zu Illustrationszwecken des drastischen Geschehens von einem großen Männercast gern lautstark Bretter auf den Boden geschlagen oder anderweitige Jungs-(Seilschaften-)Choreografien aufgeführt werden.

Über den Großteil der von Kleist artikulierten Konfliktpunkte wird dabei leider grobmotorisch hinwegchargiert: Während das Team Tronka Arroganz, Niederträchtigkeit und Willkürherrschaft abendfüllend mit dreifachem Ausrufezeichen demonstrieren muss, spielt Max Simonischek Michael Kohlhaas zwar mit ungebrochenem Ernst.

Aber letztlich interessiert sich Kriegenburg eher für eine schlichte Botschaft: Durch zwei Schauspielerinnen, Lorena Handschin und Brigitte Urhausen, die als Erzählerinnen sowie, im Gerichtspart, als Verhörführerinnen des Abends agieren, wird die Frage aufgeworfen, ob Kohlhaas’ Frau an seiner Stelle eigentlich genauso agiert hätte wie er. So, wie sie gestellt wird, handelt es sich um eine Suggestivfrage. Wenn es so einfach wäre, könnte man sich das ganze Theater sparen.

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