Dame en Bleu. Die farblich gefasste Terrakottastatue stammt aus Tanagra in Mittelgriechenland. Sie entstand im 4. Jahrhundert vor Christus. Foto: Johannes Laurentius/Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin
© Johannes Laurentius/Antikensammlung, Staatliche Museen zu Berlin

Prachtvoller Bildband zur Antikensammlung Wie die Antike die Maler inspirierte

Seit 350 Jahren gibt es die Berliner Antikensammlung. Ihr Direktor Andreas Scholl stellt die schönsten Werke vor.

Geradezu exotisch mutet die „Dame en bleu“ an, ihr Sonnenhut lässt an chinesische Kaiserhüte denken, doch bei der Dame handelt es sich um eine Terrakottastatue aus Tanagra in Mittelgriechenland aus dem 4. Jahrhundert vor Christus. Sie hat so gar nichts vom Klischeebild der griechischen Statue und ist doch ein Spitzenstück aus der „Antikensammlung Berlin“, das deren Direktor Andreas Scholl in dem gleichnamigen Buch vorstellt. Sie gehörte zu einer Figurinengruppe, die aus den Gräbern Tanagras im 19. Jahrhundert „eher geplündert als ausgegraben wurden“, wie Scholl schreibt.

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Die bemalte Schöne traf den Geschmack des Fin de Siècle und Maler wie Lawrence Alma-Tadema ließen sich von ihr inspirieren. Sie war so beliebt, dass viele Fälschungen angefertigt wurden, doch die Berliner Dame ist nach einer Thermolumineszenzanalyse zweifellos echt.

Die Schätze verteilen sich über drei Standorte

„Meisterwerke antiker Skulptur“ stellt Scholl in seinem üppig illustrierten Band vor, der weit mehr ist als ein Skulpturenkatalog. Die Schätze verteilen sich über das Alte Museum, das Neue Museum und das Pergamonmuseum einschließlich des Pergamonpanoramas.

Scholl geht es um eine kulturgeschichtliche Betrachtung dieser weltweit bedeutenden Sammlung, die über 350 Jahre alt ist. Getreu Schinkels Motto „erst erfreuen, dann belehren“, skizziert der Autor zunächst die jüngste Geschichte der Museen, bevor er sich den Spitzenwerken griechischer, etruskischer und römischer Kulturgeschichte widmet.

Eigens für die Sammlung und die königliche Gemäldesammlung wurde das Alte Museum angelehnt an griechische Architektur als erstes öffentliches Museum in Preußen gebaut und am 3. August 1830 eröffnet. Schinkel kopierte nicht die Antike, sondern entwickelte sie weiter.

Andreas Scholl ordnet die Objekte in ihren historischen Kontext ein

Ebenso hat Scholl 2011 die Antikensammlung neu inszeniert und Akzente gesetzt. Die Sammlung der Kykladenkultur wurde fortan auf der dritten Ebene des Neuen Museums im europäischen prähistorischen Kontext gezeigt.

Kontext ist ein wichtiges Stichwort, denn Scholl geht es auch bei der Beschreibung der Skulpturen nicht nur um ihren hohen künstlerischen Wert, sondern auch um die Funktion und die Bedeutung der Werke in ihrem gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld. So wird die Kultur Zyperns, der Insel der Aphrodite, erstmals im Neuen Museum als eigene Kultur als Handelsplatz zwischen den Hochkulturen des östlichen Mittelmeerraumes dargestellt.

Nicht nur die Klassiker sind spannend, der Band macht neugierig

Der Band lädt zum Entdecken ein, nicht nur der Klassiker wie der „Berliner Göttin“, dem „Grünen Cäsar“ oder eben den Figuren des Pergamonaltars, sondern etwa von Werken wie dem „Bronzegreif von Samos“ aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, der in seiner Expressivität seine altorientalischen Vorbilder nicht leugnen kann.

[Andreas Scholl: Antikensammlung Berlin. Meisterwerke antiker Skulpturen. C.H. Beck, München 2020. 256 Seiten. 24 €]

Zum Abschluss des Bandes, der vom Verein „Freunde der Antike“ finanziert wurde, erzählt Scholl die Geschichte der Antikensammlung in Berlin von der Kunstkammer des Königs bis heute. Dabei zeigt er, wie Museumspräsentation und archäologische Forschung sich im Laufe der Zeit gewandelt, wie der Zweite Weltkrieg und die Teilung der Sammlung mitgespielt haben und wie sich dann wieder alles 1998 im Alten Museum zusammengefügt hat.

Der prächtig illustrierte Band ist eine Einladung an alle, sich die Antikensammlung nun im Original und im Kontext in den drei Häusern anzuschauen.  Rolf Brockschmidt

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