Ein Kerl muss eine Meinung haben, wusste Alfred Döblin. Wow, der kannte sich aus. Foto: imago images / Panthermedia
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Politisches Tagebuch Sprachspiele mit ernsten Folgen

Michael Wolf

Porträt des Intellektuellen als Distinktionsgewinnler: Ijoma Mangold begibt sich an einen inneren Stammtisch.

Ijoma Mangold müsste sich eigentlich pudelwohl fühlen in unserer Gegenwart mit ihren Verwerfungen und Krisen. Der 1971 in Heidelberg geborene Kulturkorrespondent der „Zeit“ verfolgt die politischen Debatten „wie ein Fußballfan die Sportschau“, er brauche das „wie die Luft zum Atmen“. Und doch merkt man ihm seine Verunsicherung an.

Donald Trump hat er nicht kommen sehen, sein Idol Boris Johnson hat ihn bitter enttäuscht, den Ton der Rechten wie auch linker Identitätspolitiker findet er merklich vulgär, die moralische Überlegenheit der Klimaretter bigott. Ist ihm etwa der Kontakt zur Gegenwart verloren gegangen?

Mit „Der innere Stammtisch – Ein politisches Tagebuch“ unternimmt Mangold eine teilnehmende Beobachtung seiner selbst. Ein knappes Jahr lang horchte er in sich hinein, ging dem Widerhall der Debatten in sich selbst nach. Er will Rechenschaft ablegen, all „das Instinkthafte, diese Affekte und Ressentiments“ untersuchen, die für ihn das Wesen des zoon politikon ausmachen.

Denn eben dieser innere Stammtisch sei das, „was im Tiefsten das Politische derer ausmacht, die an den politischen Vorgängen teilnehmen, ohne unmittelbar in sie verwickelt zu sein: der normalen Bürger also“.

Da versteht einer die Welt nicht mehr

Dieser Versuchsaufbau kann aber nur unter der Bedingung gelingen, dass all jene „normalen Bürger“ ihre Rolle so verstehen wie Mangold selbst: also sich zurückgelehnt eine Meinung zu bilden, keinesfalls aber darin, Subjekte oder – im schlechteren Falle – Objekte des Politischen zu werden. Und genau dieses Missverständnis ist wohl der Grund, aus dem Mangold die Welt nicht mehr versteht.

[Ijoma Mangold: Der innere Stammtisch. Ein politisches Tagebuch. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020. 272 Seiten, 22 €. Der Autor präsentiert sein Buch am Donnerstag, den 17.9. um 19.30 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin im Gespräch mit Robert Habeck.]

Politik ist für ihn etwas, zu dem man sich eine Meinung bildet, das der eigenen Profilbildung dient, nicht aber etwas, dessen Folgen einen selbst treffen könnten. Sein größtes Risiko besteht darin, eine Abendgesellschaft gegen sich aufzubringen, einen Kick, den er mit Vorliebe sucht, stört ihn doch nichts so sehr wie Konsens.

Mit dieser schiefen Haltung kann er sich nur jeden Tag aufs Neue wundern. Zum Beispiel über Greta Thunberg, die er – recht altherrenhaft – als „Hingucker“ bezeichnet, als Figur, deren Gesicht so schön sei „wie das einer frommen Jungfrau“. Die Beschreibung passt zu seiner These, das Phänomen Greta lasse sich nur in religiösen Kategorien zutreffend beschreiben. Und klar, natürlich muss ihn ihr „How dare you!“ ebenso faszinieren wie abstoßen, weil Mangold jede Unbedingtheit fremd ist, es für ihn kein Thema gibt, zu dem keine gegenteiligen Ansichten denkbar und opportun wären.

Nachplappern von Kampfbegriffen

Er schreibt, „Mündigkeit“ meine heute in erster Linie das „Nachplappern von Kampfbegriffen“, er schrumpft politische Überzeugungen auf die Größe eines Bausteins zur Konstruktion der eigenen Identität und spöttelt oberlehrerhaft über die diskursiven „Sprachspiele“ der Linken und Rechten, als bereiteten Spielchen solcherart nicht den Boden für radikale Taten wie dem Mord an Walter Lübcke.

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In düsteren Stunden übermannen den Autor Zweifel, so nach dem Wahlerfolg der AfD in Thüringen: „Angst des Kontrollverlusts: Wenn man etwas nicht mehr deuten kann, ist alles möglich.“ Doch schon am nächsten Tag ist wieder alles in Ordnung: „Nichts hilft der Laune mehr als guter Schlaf.“ Vielleicht ist das eine gute Beschreibung des Intellektuellen-Typus Mangold: ein kluger Mensch mit gutem Schlaf.

Der Erfolg der AfD ist ihm so unerklärlich wie jede radikale Idee ihn irritiert. Er selbst hält es für „unwahrscheinlich“, im Besitz einer Wahrheit zu sein. Mangold ist, wie gern er auch mit konservativen Positionen flirtet, ein Liberaler, vor allem aber ein Skeptiker aus Prinzip in bester demokratischer Tradition.

Skeptiker aus Prinzip

Als solcher muss er zuallererst das Konzept der Wahrheit an sich anzweifeln, bildeten doch der pragmatische Parlamentarismus mit seiner Langsamkeit und Kompromisslogik in den letzten Jahrzehnten ein zuverlässiges Bollwerk gegen die gewalttätige Durchsetzung jeder Wahrheit.

Im warmen Schoß der Institutionen brauchte man nicht nach höheren Idealen streben. Womöglich war dieser Sichtweise aber nur das Privileg seiner gesegneten Generation Golf, für die immer nur alles besser zu werden schien. Sein lieb gewonnener Optimismus stößt nun auf kompromisslose Überzeugung, emotionale Notstände wie Angst und Hass sowie rigorosen Moralismus.

Da kennt er sich nicht aus, Mangold fehlt die Fantasie, die neue Realität anzuerkennen. Da ist kein Verständnis für jene Menschen, für die es – sei es guten oder schlechten Gründen – um wirklich etwas geht, gar um etwas, das sie selbst übertrifft.

Den Slogan vom Politischen des Privaten verkehrt Mangold ins Gegenteil, er vertritt die Privatisierung des Politischen, bringt das Weltgeschehen mühelos diesseits des eigenen Tellerrands unter. An den zweiten Irak-Krieg erinnere er sich über die politischen Fragen hinaus „wie an ein persönliches Desaster, denn auch ich lag falsch“. Chinas Aufstieg verfolgt er mit Bewunderung, hat er doch „einen kleinen Asienfimmel“. Erst Corona weitet zaghaft seinen Horizont. Die wirtschaftlichen Probleme einer Freundin beschreibt er als „erschütternd“, wenige Zeilen später freut er sich dann aber doch – „nun wieder ganz heiter“ – über die Ruhe und Konzentration im Lockdown.

Angstfrei aus Verschontheit

Die Schriftstellerin Deborah Feldman bringt es auf den Punkt, als sie zu ihm sagt: „Du bist so angstfrei, weil du immer von allem verschont geblieben bist.“ Diese Unverwundbarkeit ist Mangold vorbehaltlos zu gönnen, und das gälte auch, wenn aus ihr heraus nicht dieses Buch entstanden wäre, in dem eine neue Konfliktlinie der Gegenwart in den Blick gerät.

Nicht links oder rechts, Provinz oder Metropole, stehen hier in Opposition, sondern Menschen, die Politik am eigenen Leib erfahren und jene wie er, die sie als gehobenes Unterhaltungsprogramm ansehen, als zuverlässigen Lieferanten emotionaler wie intellektueller Stimuli.

Natürlich ist die unaufgeregte Haltung eines Mangold enorm wertvoll, garantiert sie doch ein hohes Diskussionsniveau. Zugleich zeigt sich in ihr eben auch eine blutarme Ergebenheit in die Verhältnisse. „Natürlich sehe ich die Katastrophe, die auf uns zurollt, aber ich sage mir: Was kommt, das kommt. Katastrophen gehören zur Weltgeschichte.“ Mit solcher Zuversicht ist natürlich keine Revolution zu machen, aber eben auch keine Durchdringung der Revolten unserer Tage zu erreichen.

Vielleicht ist es schlicht eine Frage des Temperaments. Der Grundton des Buches ist heiter, so wie ein Stammtisch nun einmal Spaß machen soll. Es scheint, als freute sich da der Angehörige einer Klasse darüber, der Erste zu sein, der ihren Untergang am eigenen Beispiel beschreibt, als präsentierte er sich selbst als seine nächste geniale These.

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