Aus Solidarität mit den Helferinnen und Helfern im Kampf gegen die Corona-Pandemie wird der Pariser Eiffelturm künftig jeden Abend in besonderem Licht erstrahlen. Ab Freitag soll immer um 20 Uhr das Wort «Merci» an das Pariser Wahrzeichen projiziert werden. Foto: dpa
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Plädoyer für einen neuen Lastenausgleich Der Historiker Heinrich August Winkler fordert Corona-Soli

Heinrich August Winkler

Das Prinzip Solidarität: Deutschland wird wegen der Coronakrise um eine Umverteilung großen Stils nicht herumkommen. Das gilt für die gesamte EU.

Die Coronakrise stellt vieles in Frage, was wir bislang für selbstverständlich gehalten haben, und sie verschärft Spannungen, die schon lange vor Ausbruch der Seuche nicht zu übersehen waren. Für einigermaßen gesichert konnten wir bisher den Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft halten.

Durch Corona wird er so radikal wie noch nie auf die Probe gestellt. Es wäre eine Illusion zu meinen, allein durch neue Schulden ließen sich die Folgelasten dieser Pandemie meistern. Deutschland wird um eine Umverteilung großen Stils nicht herumkommen - einen Lastenausgleich zwischen denen, die unter den materiellen Folgen dieser Krise weniger zu leiden haben als die, deren berufliche Existenz auf dem Spiel steht.

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Die Dimensionen dieser Umverteilung werden die des historischen Lastenausgleichs zugunsten der Heimatvertriebenen und Ausgebombten in der „alten“ Bundesrepublik weit übertreffen.

Möglicherweise werden die Kosten, die auf Deutschland zukommen, auch noch höher sein als die der deutschen Einheit nach 1990. Für die solidarische Anstrengung, die den Deutschen abgefordert wird, muss mehr noch als für den „Soli“ das Motto gelten, dass starke Schultern mehr tragen können als schwache.

Starke Schultern können mehr tragen als schwache

Was für Deutschland gilt, trifft auf alle Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu. Sie müssen das Gebot der Solidarität der wirtschaftlich Starken mit den wirtschaftlich Schwachen zunächst einmal im eigenen Staat durchsetzen. Doch das Prinzip der Solidarität endet nicht an den Grenzen des Nationalstaates.

Die EU würde die Coronakrise nicht überleben, wenn jeder Mitgliedstaat sich damit begnügen würde, sich selbst der Nächste zu sein. Die wirtschaftlich stärkeren Staaten müssen den wirtschaftlich schwächeren Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Doch wie immer der europäische Lastenausgleich im Zeichen von Corona aussehen wird, er darf nicht zum Ersatz für überfällige, bisher versäumte Strukturreformen werden. Die EU wird nur dann gestärkt aus der gegenwärtigen Krise hervorgehen, wenn sich alle Mitgliedstaaten an dieser Devise ausrichten.

Hintergrund über das Coronavirus:

Die Populisten werden nicht die Nutznießer von Corona sein

Wenn nicht alle Zeichen trügen, werden die Populisten nicht die Nutznießer von Corona sein. Gefragt sind zur Zeit nicht phrasendreschende Hasardeure, sondern Politiker, die sich bemühen, die Folgen ihres Tuns so realistisch wie möglich einzuschätzen, also „verantwortungsethisch“ im Sinne des Soziologen Max Weber zu handeln.

Wer wie der amerikanische Präsident seiner Bevölkerung vorgaukelt, nach wenigen Wochen werde es eine Rückkehr zur Normalität geben, verliert an Glaubwürdigkeit. Die Chancen, dass aus den Präsidentschaftswahlen im November 2020 nicht Donald Trump, sondern sein mutmaßlicher demokratischer Kontrahent Joe Biden als Sieger hervorgeht, sind gestiegen.

Wenn es so kommt, hätte nicht nur der transatlantische Westen, sondern die Welt einen Grund, aufzuatmen. Die Coronakrise hätte dann zumindest etwas Gutes bewirkt: einen Lernerfolg in der größten westlichen Demokratie.

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