Gemeinsame Stärke. Szene aus „Scores that shaped our friendship“ von und mit Lucy Wilke und Pawel Dudus. Foto: Martina Marini-Misterioso
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Performerin Lucy Wilke im Porträt Viele Arme und Beine

Berliner Theatertreffen: Lucy Wilke von den Münchner Kammerspielen kämpft für mehr Diversität.

Lucy Wilke spricht gleich Tacheles. Sie sei genervt von Artikeln, die mit „trotz Behinderung“ beginnen. Fragt man sie, wie sich selbst bezeichnet, entgegnet sie: „Ich definiere mich als Künstlerin, als Sängerin, Schauspielerin, Tänzerin, Regisseurin, Autorin, und ich benutze einen Rollstuhl.“ Für Lucy Wilke, die 1984 mit spinaler Muskelatrophie geboren wurde, ist der Kampf um Akzeptanz noch nicht beendet, auch wenn sie jetzt im Rampenlicht steht.

Die Performance „Scores that shaped our friendship“, die sie gemeinsam mit dem queeren polnischen Tänzer Pawel Dudus erarbeitet hat, wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Im November wurde den beiden bereits der Theaterpreis „Faust“ in der Kategorie Darsteller/Darstellerin Tanz verliehen.

Das Stück ist eine Feier von Freundschaft, zärtlich, verspielt und sehr sinnlich. Mehr Sein als Schein, Ausdruck einer gelebten Erfahrung. Zugleich formulieren die beiden eine Art Utopie, wie Menschen sich liebevoll und vorurteilsfrei begegnen können.

Lucy Wilke und Pavel Dudus bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit und haben doch etwas gemeinsam: „Wir beide haben diese nicht-normativen Aspekte: Pavels queere Identität und meine körperliche Beschaffenheit“, sagt Wilke. Ihre Freundschaft, die sie in „Scores“ in sieben Kapiteln erkunden, überwindet Grenzen; das Schöne ist, dass diese Entgrenzungen ohne den Gestus der Provokation daherkommen.

Auch wenn manche Szenen zu irritieren vermögen, etwa wenn Lucy Wilke sagt: „My body also gives me pleasure.“ Ihren Körper anders zu definieren als es der vorherrschenden Sichtweise entspricht, dem normierenden Blick ihre subjektiven Empfindungen entgegenzusetzen, darin besteht die befreiende Kraft der Performance.

Aktivität als innere Haltung

Kennengelernt haben die beiden sich 2017 in der freien Szene Münchens bei der Produktion „Fucking Disabled“ von David von Westphalen, die sich um das Tabuthema Sex und Behinderung drehte. Mit einer Debütförderung der Stadt München konnte Wilke dann „Scores“ realisieren, kurz bevor Corona alles lahmlegte. Sie erzählt, wie sie mit Pavel überlegte, was für ein Stück sie entwickeln könnten, bis ihnen klar wurde, dass sie schon genug Material hatten.

„Wir haben so viele Qualitäten und Farben in unserer Freundschaft. Sich inhaltlich auf Lucys Behinderung zu fokussieren, dazu hatten beide keine Lust. Sie haben sich auf einen körperpositiven Ansatz konzentriert. „Wir haben uns viel mit Aktivität und Passivität beschäftigt“, erzählt Wilke. „Und sind zu dem Schluss gekommen, dass Aktivität nicht nur Kraft ist, sondern eine aktive innere Haltung.“

Anfangs sitzen die beiden im Schneidersitz nebeneinander und führen synchron kleine Bewegungen des Kopfes aus. Wenn Pavel sie dann stützt und sehr achtsam bewegt, gibt sie sich vertrauensvoll hin. Oft ist sie es aber, die winzige Impulse gibt, die er dann vergrößert. Die Körpererkundung wird immer forscher, bis beide dann symbiotisch verschmelzen. „Unsere Bewegung gehört nicht länger nur einem von uns, sie wird eine unabhängige Kreatur, ein atmendes Tier mit vielen Armen und Beinen“, sagt sie in ihrem Monolog.

Das kreative Potential einer Behinderung

Die beiden konzentrieren sich primär auf die positiven Energien ihrer Freundschaft. Wenn er in einem Solo seiner queeren Identität Ausdruck verleiht, unterstützt, sie ihn mit ihrer Aufmerksamkeit. Doch Ausgrenzung und Abwertung werden auch thematisiert. In einer starken Szene berichtet Lucy Wilke von ihren Erfahrungen mit der Dating-Plattform Tinder: „Du hast ein so hübsches Gesicht, aber …“, so fasst sie die Zurückweisungen zusammen. Mit einer Strumpfmaske und Farbklecksen verfremdet sie ihre Gesichtszüge zu einer Fratze.

Lucy Wilke ist im intimen „Scores“-Duett nicht die Passive, die Abhängige, die Defizitäre und Pavel Dudus nicht der Autonome, der starke Retter und Ritter. Den beiden gelingt es spielerisch, sich all diesen Zuschreibungen zu entziehen. Durch die Einladung zum Theatertreffen hat Lucy Wilke viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie hat immer wieder betont, dass in der Behinderung ein großes kreatives Potential liegt, und hofft, dass dies endlich ankommt in der Kunstwelt.

[„Scores ...“ ist ab 24. Mai, 19 Uhr, als Aufzeichnung im Streaming zu sehen, berlinerfestspiele.de]

Aber so ganz kann sie es noch nicht fassen, dass sich jetzt auf einmal die Türen für sie öffnen. Denn lange Jahre ist sie gegen Mauern gerannt. Lucy Wilke ist in einer Wohnwagensiedlung im Norden Münchens aufgewachsen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Bühnenausbildung am International Munich Art Lab, sie war drei Monate in London und machte danach verschiedene Regie-Assistenzen. Um „einen Fuß in die Tür zu bekommen“, hat sie an unzugänglichen Orten gearbeitet und viele Strapazen auf sich genommen. Jeden Abend schrieb sie in ihr Tagebuch: „Ich möchte Schauspielerin werden.“

Wilke versteht sich nicht zuvorderst als Aktivistin

Seit dieser Spielzeit gehört Lucy Wilke dem neuen inklusiven Ensemble der Münchner Kammerspiele an. Sie besetzen neutral, was die Behinderung betrifft. Und seit Anfang Mai probt sie mit Jessica Glause für die Aufführung von „Bayerische Sufragetten“, auch in Jan Bosses Inszenierung „Effingers“ ist sie dabei. Neulich hat Lucy Wilke an einer baulichen Begehung der Kammerspiele teilgenommen: „Es müssen schon noch einige Dinge umgesetzt werden, aber es sind alle dort sehr bemüht und respektvoll.“

Sie ist eine Vorkämpferin für mehr Diversität, doch betont auch: „Ich mache Kunst nicht in erster Linie als Form des Aktivismus.“ Sie will nicht für alle Menschen mit Behinderung sprechen. „Es ist mir wichtig, als Individuum wahrgenommen zu werden, auch wenn ich provokante Dinge mache. Es ist hoffentlich meine Art des Seins und Tuns, die etwas bewirkt.“

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