Zwei Musiker und vier Sänger treten in dem 35-minütigen Stück "Wundernetz. rete mirabile" auf. Foto: Barbara Braun/ MuTphoto
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Performance im Naturkundemuseum Gesänge des Vampir-Tintenfischs

Sarah Kugler
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Ein unwirkliches Erlebnis: Das Naturkundemuseum lädt zu einer Mikro-Oper in seine Sammlung von Tierpräparaten.

Gruselig sehen sie aus, die eingelegten Fische im Naturkundemuseum Berlin. Wie sie verkrümmt in ihren Gläsern schweben, die Gesichter für immer erstarrt, die Augen direkt auf den Betrachter gerichtet. Und doch sind sie schön in ihrem golden leuchtenden Alkoholbad für die Ewigkeit. So schön und inspirierend, dass Komponistin Ulrike Haage ihnen jetzt eine Mikro-Oper gewidmet hat. 35 Minuten ist sie kurz, wird am 12. Februar im Naturkundemuseum uraufgeführt und trägt den Namen „Wundernetz. rete mirabile“. Ein Verweis auf die Gegenstrom-Austauschvorrichtung im Blutkreislauf der Wirbeltiere, bei der arterielles und venöses Blut parallel in entgegengesetzter Richtung aneinander vorbeiströmt. Bei Fischen dient dieses System zur Befüllung der Schwimmblase.

Was in der Begriffserklärung so fachlich klingt, ist in der Umsetzung geradezu märchenhaft. Haages Komposition wirkt mit Solo- und Chorgesängen zugleich altertümlich und modern. Altertümlich, weil sie teilweise an Gregorianische Gesänge erinnert. Modern, weil die Mischung aus verschiedenen Klangkörpern eine sphärische Atmosphäre verbreitet. Auf elektronische Elemente verzichtet Haage dabei, alle Töne werden akustisch erzeugt, etwa auf Percussions, dem Vibraphon oder eben den Einlagegläsern selbst – allerdings nur unbefüllten. Mehrere Tage hat die Berliner Komponistin für ihre Oper in der „Nass-Sammlung“ des Naturkundemuseums verbracht. So nennt sich die Ansammlung von Fischen, Schlangen und vielen anderen Tieren, die insgesamt 276 000 Gläser umfasst. „Der Ort hat mich fasziniert, obwohl ich eigentlich gar keine Fische mag“, erzählt Haage.

Das Meer als Geheimnis, das erkundet werden möchte

Doch irgendwie hat sie Zugang zu ihnen gefunden. Zu diesen geheimnisvollen Tieren, die zum Teil so tief im Wasser leben, dass wir sie ohne die Wissenschaft nie zu Gesicht bekommen würden. Trotzdem ist Haages Werk kein Loblied auf die Forschung. Es ist vielmehr eine Mahnung, dass der Mensch sich nicht über die Natur erheben soll. „Sie trägt ein Geheimnis, das sie überleben lässt und das wir nicht verstehen“, sagt Haage. Der Mensch hingegen müsse alles aufschreiben, auswerten, sein Wissen aktiv festhalten. Mark Ravenhill, Librettist von „Wundernetz. rete mirabile“, der im Jahr 1996 mit dem Stück „Shoppen und Ficken“ in London berühmt wurde, verarbeitet diese Thematik im Operntext. Ausgehend vom Vampir-Tintenfisch und dem durch ihn inspirierten gleichnamigen Essay „Vampyroteuthis infernalis“ des Philosophen Vilém Flusser hat er zehn Gesänge verfasst, die sich stilistisch voneinander unterscheiden. Dabei durchleben die Zuschauer eine Expedition vom „Raum Erde“ des Naturkundemuseums hinein in die Nass-Sammlung und damit symbolisch unter die Wasseroberfläche.

„We see our world/Stretch out we see/Mountains forest/Our world is here Below us lies/Dark-ness/O-cean/Chaos!“ heißt es gleich zu Beginn des Textes. Das Meer als Geheimnis, das erkundet werden möchte – weil es den Menschen an seine Herkunft erinnert, wie sich später erschließt. Und daran, dass er ohne die Ozeane nicht existieren kann. „We’ll look for ourselves/in you./We'll look for ourselves/But you will surely/seed yourself in us/seed yourself in us“ heißt es dazu am Ende der Oper.

Künstler und Publikum erwandern die Sammlung

Entstanden ist „Wundernetz. rete mirabile“ im Rahmen von Kunst/Natur. Dieses Projekt reiht sich ein ins Konzept von Museumsdirektor Johannes Vogel, die Themen des Naturkundemuseums mehr nach außen zu tragen. Auch um auf Klimawandel und Artensterben aufmerksam zu machen. Bei diesem konkreten Projekt bearbeiten Künstler bereits im vierten Jahr Motive des Naturkundemuseums. Neben Haages wundersamer Mikrooper sind auch eine Materialien-Installation zur Feldforschung von Mark Dion im Sauriersaal, Elizabeth Price’ Installation „Berlinwal“ – die an die ehemalige Walhalle des Naturkundemuseums erinnern will – sowie der Film „The Conspicuous Parts“ („Eine klare Sache“) von Assaf Gruber zu sehen. Auch in letzterem taucht die Nass-Sammlung kurz auf, bildet aber nur den visuellen Auftakt zu der Begegnung zwischen einer Tierpräparatorin und einer Schriftstellerin. Zu sehen sind die Installationen bis zum 29. April.

Ulrike Haages Mikro-Oper wird hingegen nur an vier Terminen zu sehen sein. Als eine Art Wanderbühne bezeichnet die Komponistin ihre Performance mit zwei Musikern und vier Sängern. Nicht nur, weil Künstler und Publikum die Nass-Sammlung wortwörtlich erwandern, sondern auch weil der Ort selbst zu einer Bühne wird. Eine Bühne, die sich erst durch die Oper wirklich entdecken lässt. Denn wenn Haages Musik erklingt, entfalten die Tierpräparate ein unwirkliches Eigenleben, irgendwo zwischen Traum und Düsternis.

„Wundernetz. rete mirabile“, am 12., 19., 26. Februar und am 5. März. Weitere Infos: www.kunst.naturkundemuseum-berlin.de

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