Im Krisenmodus. Die Tänzer von Dorky Park probten per Zoom. Foto: Thomas Aurin
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Neues Tanzstück von Constanza Macras Wellen des Konsums

Constanza Macras zeigt erstmals ein neues Stück als Livestream: „Stages of Crisis“ wird beim Tanz im August hoffentlich vor Publikum aufgeführt

Lange hat sie gezögert, doch nun zeigt die Berliner Choreografin Constanza Macras ihren ersten Livestream. „Stages of Crisis“ war eigentlich als Bühnenversion der Outdoor-Performance „Forest: The Nature of Crisis“ gedacht, die Macras und ihr Ensemble Dorky Park 2013 im Müggelwald zeigten. Die Premiere sollte im Mai 2020 stattfinden. Ein Jahr später kann die Performance immer noch nicht live vor Publikum gespielt werden. Deswegen verlegt sich auch Macras nun auf das digitale Format, aber auch nur, weil Liveaufführungen im Rahmen von „Tanz im August“ geplant sind.

Während des ersten Lockdowns sind die Tänzer:innen von Dorky-Park alle zu Hause geblieben. Einige Wochen hat Macras mit ihnen per Zoom geprobt, doch dann hat sie das Experiment abgebrochen. Es war zu frustrierend. Später war gemeinsames Proben wieder möglich dank des Testens. Zurzeit lassen die Tänzer:innen sich mehrmals in der Woche testen. Spielort ist die Open-Air-Arena der Gärten der Welt in Marzahn.

„Stages of Crisis“, das vom HAU koproduziert wird, spielt in einem leeren Supermarkt, es ist nur eine Packung Pasta übrig. So hatte es Macras schon vor Corona konzipiert. Zitate aus einem Text von Roland Barthes, in dem er ein Reklamefoto des Teigwarenherstellers Panzani analysiert, werden in dem Stück verwendet. Es geht aber auch um Konsumverhalten und das Phänomen der Imitation. „Die Leute ahmen das nach, was sie im Internet sehen“, sagt Macras. Das sei evident geworden in der ersten Welle der Pandemie, als es zu Hamsterkäufen bei Nudeln und Klopapier kam.

„Ich beziehe mich nicht auf Corona“, sagt Macras. „Es war gedacht als Stück über Ökologie und Ökonomie; jetzt ist es auch ein Stück über die Zukunft des Theaters.“ Prestigedenken und die Hierarchien im Theatersystem werden hinterfragt. Assoziationen zur Pandemie stellen sich aber natürlich ein bei diesem dystopischen Stück.

Constanza Macras hat Hochs und Tiefs erlebt im vergangenen Jahr. Als Choreografin und Leiterin einer freien Tanzcompany muss sie ja eh oft in den Krisenmodus schalten. Während des Lockdowns hat sie versucht, ihre Tänzer:innen bei der Stange zu halten, ihnen Sicherheit zu geben. Fünf Tänzer:innen sind fest angestellt; die Freien haben Probengagen erhalten und werden jetzt auch für die fünf Streamings bezahlt.

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Eine Weile sah es so aus, als würde Dorky Park durch die Folgen der Pandemie ins Defizit rutschen, doch nun kommen sie einigermaßen über die Runden. „Wir konnten nicht alle geplanten Vorstellungen zeigen wegen Corona, deswegen hatten wir weniger Ausgaben – ein Paradox!“ Gerettet hat sie auch die große Produktion „Hyperreal“, die sie Anfang September am Düsseldorfer Schauspielhaus herausgebracht hat.

Im Februar ist sie nach Chile ist sie geflogen, um ein Stück für das Festival Santiago a Mil zu erarbeiten. Weil sich herausstellte, dass zwei Passagiere des Flugs positiv getestet wurden, musste sie sich in Quarantäne begeben und die technischen Endproben per Zoom abhalten, was extrem schwierig war. Die Performance fand dann draußen statt, am Tag der letzten Vorstellung setzte die Polizei bei einem Straßenprotest Tränengas ein.

Macras lohnt die Widerstandskraft von Tänzerinnen und Tänzern

Wenn Macras von ihrem Kampf gegen derlei Missgeschicke erzählt, klingt das eher lustig. Keine Frage: Macras ist stark. Und sie lobt die Widerstandskraft von Tänzer:innen: „Sie sind die resilientesten Menschen, die ich kenne.“ Constanza Macras hat einige Turbulenzen hinter sich, aber die Aussichten für den Sommer und Herbst sind gut. Im Juli bezieht Constanza Macras ihr neues Studio in der Fahrbereitschaft, dem Kunstort in Lichtenberg. „Es gibt da eine interessante Künstler-Community“, sagt Macras. Das Studio könne sie zu günstigen Bedingungen anmieten. Es soll eine Art Lab werden, Macras will junge Künstler aus anderen Ländern unterstützen; mit Performern aus Chile und Uruguay steht sie schon in Kontakt.

Besonders freut sie sich auf den Start von René Pollesch an der Volksbühne. Bei den bisherigen Treffen habe sie ihn als sehr zuvorkommend und zugewandt erlebt, sagt Macras. Begeistert ist sie auch von den anderen assoziierten Künster:innen und dem Ensemble der Volksbühne.

Dass die Zukunft des Theaters im Digitalen liegt, glaubt sie nicht. „Theater ist eine Live-Form.“ Es lebt von der Gemeinschaft von Zuschauern und Darstellern. Und es war immer eine Reflexion von Gesellschaft. Deswegen ist Constanza Macras auch zuversichtlich, dass das Theater nach der Pandemie weitergehen wird. „Es ist eine alte Form. Es gab schon viele Krisen – das Theater hat sie immer überlebt.“
„Stages of Crisis“: 14. bis 16. Mai, 20 Uhr, HAU4 (Livestream) und 22. und 23. Mai, 20 Uhr (Videoaufzeichnung)

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