Josiah Wise alias Serpentwithfeet wuchs in Baltimore auf und wohnt jetzt in Los Angeles. Foto: Braylen Dion
© Braylen Dion

Neues Album von Serpentwithfeet Eine Kirche für die Liebe in mir

Serpentwithfeet ist mit seinem Album „Deacon“ ein R’n’B-Meisterwerk gelungen. Es feiert die Schwarze schwule Liebe.

Junge, du siehst gut aus. Willst du mein Date sein? Magst du lieber Bier oder Rosé? Hast du am Freitag Zeit? Die Fragenkaskade gilt einem Mann namens Amir, der im gleichnamigen Song von Josiah Wise alias Serpentwithfeet angeschmachtet wird.

Der Sänger tut das so charmant und galant, mit sanfter Stimme zu pochenden Beats und einigen Akustikgitarrenakzenten, dass Amir bestimmt nicht widerstehen kann. Beim Date gibt es dann noch mehr Fragen und einen zartschmelzenden Refrain: „Oh, Amir/ Glad I met you here/ You so kind, you so warm/ Damn, I could shed a tear“.

Amir ist nicht der einzige Mann, der auf „Deacon“ (Secretly Canadian), dem zweiten Album von Serpentwithfeet, besungen wird. Auch Malik, der Socken in Sandalen trägt, und ein gewisser Derrick tauchen auf. Letzter trägt einen Bart, den der Sänger vermisst.

Die elf Lieder sind reich an solchen Details, die beim Zuhören sofort lebendige Bilder entstehen lassen. Vor allem aber verbreiten sie dank ihrer transparenten Produktion, dem feinen Songwriting und Serpentwithfeets Gesang eine immense Wärme und Wohligkeit.

War die Musik von Serpentwithfeet bisher von Schmerz und Zweifeln durchzogen, hatte er sich vor einem Jahr in „A Comma“ von der EP „Apparition“ vorgenommen, dass jetzt Schluss ist mit der Schwere: „No heavy hearts in my next year“ schwört er sich darin.

Den Vorsatz verband Wise mit einem Umzug, tauschte New York gegen das sonnige Los Angeles – und lässt auf seinem neuen Werk tatsächlich nur positive Vibes zu. Schon das Albumcover demonstriert diese Mission: Es zeigt Josiah Wise in inniger Umarmung mit einem anderen Mann, beide tragen festliches Weiß. Der Musiker begibt sich auf dem Album gleichsam in die Rolle eines Geistlichen – der Titel „Deacon“ bedeutet Diakon – und feiert eine Messe für die Liebe.

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Für die Schwarze, schwule Liebe, um genau zu sein. Was seine Platte bei aller Sanftheit auch zu einem Statement der Selbstbehauptung macht. Denn Josiah Wise, der schon als Kind wusste, dass er schwul ist, wuchs in einem streng gläubigen Elternhaus in Baltimore auf, seine Mutter leitete einen Kirchenchor, der Vater betrieb eine Buchhandlung für religiöse Literatur.

Wise sang erst im Gospelchor, dann in einem klassischen Chor. Später studierte er Gesang, wollte Opernsänger werden, wurde aber von den Konservatorien abgelehnt. Schließlich fand er eine eigene Ausdrucksform für seinen Tenor, in der die frühen Prägungen weiter aufscheinen.

Dass er sich aus dem kirchlichen Kontext nicht so leicht vertreiben lässt, zeigt bereits sein Künstlername, der „Schlange mit Füßen“ bedeutet – eine Bibel-Anspielung. Weil die Schlange die Menschen zur Sünde verführt hatte, strafte Gott sie mit dem Verlust ihrer Füße.

Serpentwithfeet behält sie einfach – und greift in „Deacon“ munter auf gospelhafte Elemente zurück, singt mit sich selbst im Chor oder in Call-and-Response-Arrangements.

Sehr schön zu hören etwa in der Single „Same Size Shoe“, die davon handelt, dass er und sein Geliebter dieselbe Schuhgröße haben, aber implizit auch davon, dass sie in einer rassistischen Welt ähnliche Erfahrungen machen. In jemandes Schuhen laufen, heißt im Englischen, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen.

Der Sound von „Deacon“ verrät Serpentwithfeets Vorliebe für den R’n’B der Neunziger und erinnert mitunter auch an sensible Elekrosongwriter wie James Blake oder Frank Ocean. Das Album ist zugänglicher als sein Debüt „Soil“ von 2018.

Der neue Optimismus steht ihm gut und steckt an. Die Zeile „I’m thankful for the love I share with my friends/ My friends“ aus dem Song „Fellowship“, den er zum Finale mit Sampha und Lil Silva singt, rotiert noch lange durch den Kopf. Dankbar für die Liebe der Freund*innen zu sein – die perfekte Osterbotschaft. Amen.

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