Die britische Band Coldplay um Sänger und Pianist Chris Martin (2. v. l.). Foto: James Marcus Haney
©  James Marcus Haney

Neues Album „Music Of The Spheres“ Coldplay sind zurück in ihrem pinken Paralleluniversum

Coldplay versammeln auf ihrem Album „Music Of The Spheres“ euphorische Popsongs, Alien-Chöre und mäandernde Space-Exkursionen.

Nachdem William Shatner am Mittwoch von seinem zehnminütigen Raumflug zurückgekehrt war, sagte er: „Jeder Mensch auf der Welt muss das machen, jeder muss es sehen.“ Die Euphorie des Schauspielers, der einen beträchtlichen Teil seines 90-jährigen Lebens mit der Darstellung der „Star Trek“-Figur Captain Kirk zugebracht hat, ist verständlich. Doch es wird noch dauern, bis Weltraum-Tourismus für alle Menschen, statt nur für Millionäre und deren Special Guests, möglich sein wird.

Zum Glück gibt es für Musikfans schon lange die Möglichkeit, günstig und umweltfreundlich ins All zu reisen. Space is the place – das gilt seit jeher von Jazz bis Pop. Ob David Bowie, Sun Ra, George Clinton, Tangerine Dream oder in jüngerer Zeit Janelle Monáe: Sie alle haben sich mit ihren Songs ins Universum, auf ferne Planeten und in Zukunftswelten gebeamt. Nun heben auch Coldplay ab, die ja schon in den ersten Zeilen ihres ersten Hits „Yello“ vor 21 Jahren zu den Sternen aufschauten.

Das am heutigen Freitag erscheinende neunte Album der britischen Band trägt den Titel „Music Of The Spheres“ und ist laut Sänger Chris Martin inspiriert von den „Star Wars“-Filmen. In einem Interview erzählte der 44-Jährige, dass er sich beim erneuten Ansehen der Reihe gefragt habe, wie Musiker im restlichen Universum wohl drauf wären.

Nicht so viel anders als Coldplay offenbar: Zwar hört man auf dem neuen Werk allerlei sphärische Synthesizer, Roboterstimmen, einen Alien-Chor und ein paar All-Metaphern, doch letztlich macht das Quartett aus London, was man seit seiner Transformation in eine Stadionband Mitte der Nullerjahre von ihm kennt: euphorische Popsongs, zu denen gelegentlich eine Ballade gemischt wird.

Von diesem Konzept hatten sich Coldplay 2019 mit dem Doppelalbum „Everyday Life“ – das erste mit einem schwarzweißen Bandfoto auf dem Cover – kurzzeitig entfernt. Sie wurden stellenweise sehr ernst und politisch.

Weniger Politik, mehr Eskapismus

Die Texte handelten von Rassismus, Waffenwahn und Armut, die Musik ging auch mal Richtung Folk, Gospel und Blues, mit Samples von Femi Kuti, Alice Coltrane und Zitaten iranischer und pakistanischer Dichter. Bei der Musikpresse kam die ambitionierte Platte gut an, bei den Fans weniger – es war das Coldplay-Album mit den schlechtesten Verkaufszahlen, in Deutschland kam es anders als die sechs vorherigen nicht auf Platz eins, sondern nur auf Rang vier.

Das hat die Band offenbar gewurmt, und sie steuert nun heftig dagegen. Das war schon ab der ersten Single „Higher Power“ klar, die von einer energischen Snaredrum vorangeprügelt wird und nur so strotzt vor knalligen Synthie-Harmonien. Der Refrain ist dein einziges Ohhohho-Jubilieren – man hört schon die Arena-Chöre.

[„Music Of The Spheres“ erscheint bei Warner. Live: Olympiastadion Berlin, 10./12. Juli 2022, VVK-Start: 22. Oktober]

Noch deutlicher wurde Coldplays Rückkehr in ihre neonpinke Parallelwelt vor drei Wochen mit der Veröffentlichung von „My Universe“, einer Kollaboration mit der galaktisch erfolgreichen südkoreanischen Boyband BTS: Es ist ein perfekter Popsong, der direkt mit dem Ohrwurm-Refrain einsteigt: „You, you are my universe/ And I just want to put you first“, singt Chris Martin mit dem Echo seiner eigenen Stimme. Die Zeilen bleiben im Kopf, selbst über das überraschend EDM-hafte Finale hinaus.

Die Rechnung ging auf: Das auf diversen Planeten angesiedelte Video zu dem Song wurde allein bei Youtube bisher fast 65 Millionen Mal angeklickt, der Titelsong von „Everyday Life“ schaffte es innerhalb eines Jahres nur auf zwölf Millionen. In England kam „My Universe“ auf Platz drei der Singlecharts. Zum größten Teil dürften die Briten das den vielen jungen BTS-Fans zu verdanken haben sowie Max Martin, dem Produzenten und Co-Songwriter, der diese Rolle auch beim Rest von „Music Of The Spheres“ übernahm.

Was ein weiteres Indiz dafür ist, dass Coldplay ihrem Superstar-Anspruch wieder gerecht werden wollen. Denn der Schwede, der in den Neunzigern Hits für Britney Spears, N’Sync und die Backstreet Boys produzierte, scheint eine eingebaute Erfolgsgarantie zu haben. Zuletzt bewies er das mit seiner Arbeit für The Weeknd; so war er unter anderem für dessen Hit „Blinding Lights“ verantwortlich.

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Ganz so gut wie bei den Singles funktioniert sein Zauber bei den übrigen Stücken des neuen Coldplay-Albums jedoch nicht. „Humankind“ beispielsweise ist so unfassbar überladen und übereuphorisch, dass es selbst für die Verhältnisse der Band neue Maßstäbe setzt – ohne allerdings auch nur im Geringsten zu berühren. Zudem sticht hier die Dümmlichkeit der Lyrics, die sich durch die ganze Platte zieht, besonders heraus.

Der noch nie sonderlich brillante Texter Chris Martin singt: „I say I know, I know, I know/ We’re only human/ I know, I know, I know/ How we’re designed, yeah/ I know, I know, I know/ We’re only human/ But from another planet/ Still they call us humankind.“ Auf anderen Planeten spricht man also Englisch? Da hat er aber bei „Star Wars“ nicht richtig aufgepasst.

Zum ersten Mal durchatmen kann man während des knapp 42-minütigen Albums bei „Let Somebody Go“, das einem Interlude folgt. Das Balladen-Duett mit Selena Gomez – wieder schielen Coldplay auf die jungen Fans eines anderen Stars – klingt wie nach Standardformel komponiert, gesungen und getextet. Da wird bis zum Mond und wieder zurück geliebt, und die banale Holper-Refrainzeile lautet „It hurts like so/ To let somebody go.“

Da kann man schon mal etwas melancholisch an Coldplays Balladen-Großtaten wie „Everglow“ zurückdenken. Aus dieser Kategorie findet sich nichts auf „Music Of The Spheres“, dafür aus der Abteilung Gesangsexperimente. So wird Chris Martins Stimme bei „Biutyful“ derart hochgepitcht, als habe er einen tiefen Zug aus der Heliumflasche genommen.

Vielleicht soll es die Stimme eines Kindes darstellen, dem Martin dann später in normaler Tonhöhe antwortet. Es geht jedenfalls um Liebe, die auch eine elterliche sein könnte. Vor allem dank der an Sades „By Your Side“ erinnernden Drumcomputer-Gitarren-Keyboard-Begleitung entsteht dabei eine glaubwürdige Emotionalität.

Einmal düsen Coldplay geradewegs in ein schwarzes Loch: Der Song „People Of The Pride“ verschluckt alles Licht mit einer glamrockig vor sich hinröhrenden E-Gitarre und einem einfältigen Text, der vor Diktatoren warnt. Dann schon lieber das ziellos herumdriftende Instrumental „Infinity Sign“ oder der mehr als zehnminütige Schlusssong „Coloratura“, bei dem sich Coldplay in mehreren Phasen – inklusive dramatischer Harfen-Piano-Passagen – weit in den Orbit hinausschießen.

Es klingt, als hätten sie daran einigen Spaß gehabt. Trotzdem meinte Chris Martin kürzlich, dass die Band wahrscheinlich nur noch drei weitere Alben aufnehmen werde. Auftreten wolle man aber weiter. Stadien zum Abheben zu bringen - das lieben sie dann doch zu sehr. Endorphine für alle.

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