Die US-amerikanische Sängerin Billie Eilish. Foto: Universal Music
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Neues Album „Happier Than Ever“ Billie Eilish singt über Herzschmerz und Ruhm

Auf ihrem zweiten Album „Happier Than Ever“ traut sich Billie Eilish stimmlich mehr zu. Sie singt viele Balladen und setzt auf den bekannten Goth-Pop-Sound.

Draußen regnet es. Du sitzt in deinem Auto, es hat gute Boxen. Du lehnst dich zurück, schließt die Augen und drehst das neue Album von Billie Eilish auf. So stellt sich die Sängerin und Sportwagenfahrerin die ideale Hörsituation für „Happier Than Ever“ vor.

In einem kürzlich veröffentlichten Videointerview schiebt die 19-Jährige noch schnell hinterher „Hör wie auch immer du willst“, doch ihre Empfehlung dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass tausende ihrer treuen jungen Fans sich auf Parkplätzen in ihr Werk vertiefen werden – so sie denn Zugang zu Autos mit guten Anlagen haben.

Das Songschreiben fühlte sich für Eilish erstmals erfüllend an

Wer sich zurücklehnt und aufdreht, hört sofort Vertrautes. Billie Eilish eröffnet die fast einstündige Platte mit ihrem typischen Murmelgesang, der zunächst nur von einem dezent pulsenden Synthesizer begleitet wird. Erst nach dem genau in der Mitte platzierten ersten Refrain von „Getting Older“ kommen ein zarter Beat und weitere Keyboard-Spuren hinzu.

Dadurch wird alle Aufmerksamkeit auf den Text gelenkt, der ein zentrales Thema des Albums vorstellt: Wie es ist, als Teenager ein Superstar zu sein, viel Gewicht auf den Schultern zu spüren und vor der Tür einen Stalker stehen zu haben. Der Spaß scheint dabei etwas auf der Strecke zu bleiben: „Things I once enjoyed/ Just keep me employed now“ lauten die ersten Refrainzeilen. Musikmachen ist nur noch ein Job.

Wobei Billie Eilish in erwähntem Videointerview beteuert, dass ihr das Songschreiben diesmal viel leichter gefallen sei als früher. Fühlte sie sich dabei einst ängstlich, nicht gut genug und unter Druck, habe sie den Prozess nun als erfüllend empfunden.

Genau wie ihr vor zwei Jahren veröffentlichtes, milliardenfach gestreamtes Debütalbum „When We Fall Asleep, Where Do We Go“ hat Billie Eilish den Nachfolger wieder mit ihrem fünf Jahre älteren Bruder Finneas aufgenommen. Allerdings in dessen neuem Kellerstudio statt im elterlichen Haus am Rand von Los Angeles. „Ich fühle mich jetzt viel sicherer in meinem Handwerk“, hat Eilish gesagt, was man bereits auf den Vorab-Singles „Your Power“ und „My Future“ hören konnte. Auch auf dem Rest des Albums traut sie sich öfter mit ihrem Sopran in die Höhe abzuheben, ihn deutlicher in den Vordergrund zu stellen als auf dem Debüt.

Das zeigt sich vor allem an reduziert arrangierten Balladen wie „Everybody Dies“ oder „Halley’s Comet“, die Billie Eilishs Ziel spiegeln, ein zeitloses Album zu machen und ihre Vorbilder Julie London, Frank Sinatra und Peggy Lee aufscheinen lassen. Mögen diese ruhigen Titel nicht zu den spannendsten auf „Happier Than Ever“ gehören, auch weil das Bemühen, gereift zu klingen, etwas zu stark durchschlägt, macht Billie Eilishs Talent als Texterin sie dennoch hörenswert.

Sie versteht es nicht nur auf prägnante Weise teenage angst auf den Punkt zu bringen, sondern kann auch allgemeingültige – auch für Erwachsene ansprechende – Lyrics schreiben. So handelt etwa das von einem Klavier und einem zurückhaltenden Beat begleitete „Halley’s Comet“ von dem Fluch, eine alte Liebe einfach nicht vergessen zu können. „I was good at feeling nothin’, now I’m hopeless“, fasst sie dieses Gefühl mit einer ihrer typischen Finster-Zeilen zusammen.

[„Happier Than Ever“ erscheint bei Interscope/Universal]

Herzschmerz und dessen Überwindung beschäftigt Billie Eilish auf „Happier Than Ever“ immer wieder. Am deutlichsten im Titelstück, das sich aus einer sehnsüchtig gecroonten Akustikgitarren- Ballade in einen verzerrten Rocksong mit fetten E-Gitarren verwandelt. Das knallt aus der Platte heraus, passt nicht recht ins ruhige Gesamtbild, doch vielleicht ist dies der Katharsis-Song, mit dem Billie Eilish die alten Dämonen endlich austreiben kann. Am Ende singt sie: „You ruined everything good/ Always said you were misunderstood/ Made all my moments your own/ Just fuckin’ leave me alone .“

Der Text ist gespickt mit Anspielungen an ihren Ex-Freund Brandon Q Adams, der sich als Rapper 7:APM nennt. Man kennt ihn aus der Apple-Dokumentation „The World’s a little Blurry“ als den Mann, dem Billie Eilish ständig hinterhertelefoniert und der sie durch seine Abwesenheit nach ihrem Auftritt beim Coachella-Festival todunglücklich macht.

Eine Szene, in der sie mit ihm am Telefon über betrunkenes Autofahren debattiert, taucht im Abrechnungssong „Happier Than Ever“ wieder auf – als Startpunkt für ihren Wutanfall. Der Albumtitel ist also hochambivalent, was schon die Tränen signalisieren, die Billie Eilish auf dem Coverfoto übers Gesicht rinnen. Eigentlich ist sie heute glücklicher denn je, wäre da nicht diese verdammte Liebe – und der Sexismus.

Sie bringt ihren Lover zum Schreien

Letzteren hat Billie Eilish bereits im Mai 2020 mit ihrem fulminanten Spoken-Word-Track „Not My Responsibility“ angeprangert, er befindet sich jetzt auch auf dem Album. Darin geht es ums Begafftwerden und die dauernde Bewertung ihres Stils: „Some people hate what I wear/ Some people praise it/ Some people use it to shame others/ Some people use it to shame me“. Zu dieser Zeit trug Eilish noch die langen Krallennägel, die grün-schwarze Frisur sowie weit geschnittene Kleidung, die ihre Figur versteckte. Im Video war ebenfalls kaum etwas von ihr zu sehen.

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Eilishs Oversize-Outfits erfüllten eine Schutzfunktion. Sie entbanden die Sängerin ein Stück weit von den Schönheitsstandards, die in der Popbranche für Frauen gelten. Viel Haut, wenig Stoff ist nach wie vor die Devise. Ob Bühne, Video oder Fotoshoot – Sängerinnen der Top-Liga haben eine genormte Form von Sexyness zu performen. Dass die noch minderjährige Billie Eilish sich dem entzog, anders etwa als die schon früh sexualisiert inszenierte Britney Spears, ließ sie herausstechen aus dem Einerlei. Es war zudem ein Identifikationsangebot für all jene pubertierenden Fans, die sich selbst in Baggy-Klamotten am wohlsten fühlen.

Inzwischen hat Billie Eilish den XL-Stil abgelegt. Per „Vogue“-Cover präsentierte sie ihren neuen Classic-Blonde-Look inklusive Korsagen und High-Heels. Was man natürlich etwas unoriginell finden kann. Doch letztlich folgt die Sängerin nur ihrem „Ich-mache-was-ich-will“-Motto – und stellt sich in eine Reihe mit US-Popikonen wie Marilyn Monroe, Madonna und Lady Gaga. In Sachen Selbstermächtigung kann sie es bereits locker mit den beiden New Yorkerinnen aufnehmen.

Das demonstriert sie etwa in dem Song „Oxytocin“, der nach dem so genannten Kuschelhormon benannt ist. Billie Eilish singt darüber, dass sie ihren Lover im Bett zum Schreien bringen will und erklärt ihm dann, dass mehr als Sex nicht drin ist, sie braucht ihn nur für ihren Hormonhaushalt: „You know I need you for the oxytocin/ If you find it hard to swallow, I can loosen up your collar“.

Dazu hat Finneas einen vorwärts drängenden Dancesound gebaut, der ein wenig an Timbaland-Produktionen der nuller Jahre erinnert. „Oxytocin“ gehört zu den besten Stücken des etwas zu langen Albums, das neben den neuen akustischen Elementen – es gibt sogar ein Bossa-Nova- Stück – wieder stark von der bekannten Goth-Pop-Formel lebt. Ein zweites „Bad Guy“ ist zwar nicht auf der Platte, dafür viele starke, berührende Momente. Die Autokarosserien werden vibrieren und die Herzen höher schlagen.

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