Haus Kunst Mitte. Leiterin Anna Havemann im Treppehaus des Gründerzeitbaus. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
© Doris Spiekermann-Klaas

Neuer Kunstplatz am Berliner Hauptbahnhof Wie Anna Havemann das "Haus Kunst Mitte" stemmt

Unerschrocken: Die Kunsthistorikerin und Kuratorin hat im Alleingang den Kulturort „Haus Kunst Mitte“ wiedereröffnet. Mit der Ausstellung "Starkes Duo".


Ohne dickes Schlüsselbund geht gar nichts. Auf das Alltagsrequisit kann das Ein-Frau-Unternehmen Anna Havemann nicht verzichten. Gerade schließt sie beim Hausrundgang eine Tür im Keller des „Haus Kunst Mitte“ auf. „Mein größter Stolz“, sagt sie. Es ist der Heizungsraum. „Fernwärmeanschluss! Die Ölheizung ist raus, der Umwelt zuliebe.“ Gekostet hat das einiges.

Geld, das der Leiterin des nach Schließzeit und Umbau wiedereröffneten Kulturorts an anderer Stelle schmerzlich fehlt – „für die inhaltliche Arbeit, für die Künstlerinnen“. Aber ein Ausstellungshaus für Gegenwartskunst ohne solide Infrastruktur funktioniert nun mal nicht. Und ohne die Unterstützung der Hermann-Reemtsma-Stiftung hätte es keine Sanierung gegeben.

Kultur an einem Unort

Inmitten der Investorenarchitektur der „Europacity“ hinter dem Hauptbahnhof nimmt sich das Gründerzeithaus mit der beigen Fassade wie ein Überbleibsel von Alt-Moabit aus. Zum Hamburger Bahnhof sind es nur ein paar hundert Meter, trotzdem wirkt die in den 2000er Jahren noch von Galerien, Ateliers und Brachen geprägte Gegend jetzt wie ein Kultur-Unort.

Ein baulich versiegeltes Terrain, dem Idee und Ankerpunkte fehlen. So ein Ankerpunkt will das „Haus Kunst Mitte“ sein. Zur jüngsten Eröffnung schauten bereits 500 Menschen vorbei.
Anna Havemann bespielt 24 Räume. Mit welchem Budget? „Mit keinem.“ Die Auftaktausstellung „Starkes Duo“ hat eine Privatspende ermöglicht, nachdem der Hauptstadtkulturfonds abwinkte.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Und wie stemmt sie auf Dauer den Besucherbetrieb? Auch da sagt die Unerschrockene, wie es ist. „Das weiß ich selber noch nicht.“ Anna Havemann ist in Personalunion ehrenamtlich Vorstand der Stiftung Asyl der Kunst, die das Haus besitzt und betreibt, und zugleich als Künstlerische Leiterin die einzige Angestellte. Die jungen Frauen, die gerade Stühle vor Videokunst zurechtrücken, sind Praktikantinnen. Ansonsten hilft ein Netzwerk aus Ehrenamtlern, Bekannten, Familie.

Haus Kunst Mitte. Hier geht es weiter zur Ausstellung. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Haus Kunst Mitte. Hier geht es weiter zur Ausstellung. © Doris Spiekermann-Klaas

Die Ausstellungsräume in der ersten und zweiten Etage gleichen einer Wohnung, aber viel mehr noch einer Wunderkammer. Knarzende Dielen statt „white cube“. Zimmer folgt auf Flur folgt auf Zimmer. Mittel, klein, groß, Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus. Gefüllt mit den Gemälden, Plastiken, Videofilmen, Fotos, Installationen von 30 Künstlerinnen im Alter von Mitte 20 bis Mitte 60.

[Haus Kunst Mitte, Heidestr. 54, Moabit, bis 24. 7., Mi, Sa, So 12-18 Uhr, Do/Fr 12-20 Uhr.]

Anna Havemann hat acht Berliner Professorinnen mitsamt ausgewählten Meisterschülerinnen eingeladen, gemeinsam auszustellen. Als dezidierten Beitrag zur Sichtbarmachung von Künstlerinnen. Und als Generationenversprechen, endlich gemeinsam die Männerdominanz im Kunstbetrieb zu brechen. Weg mit dem Malerfürsten-Nimbus, hin zu kollegialer Mentorinnenschaft.
Bekannte Frauen wie Corinne Wasmuht, Monica Bonvicini, Jorinde Voigt, und Karin Sander haben sich darauf eingelassen, ihre Arbeiten einem unbekannten Ort anzuvertrauen, der nicht wie eine Galerie oder ein Museum aussieht, sondern wie ein Mietshaus.

Ein Künstler und eine Lyrikerin waren die Stifter

Besessen hat es bis zu seinem Tod 2021 der Künstler Manfred Bartling, der hier 1999 zusammen mit seiner Ehefrau Elisabeth Bartling, einer Lyrikerin, die Asyl der Kunst Stiftung gründete. Die Bartlings richteten das Haus als Kulturort her, der besonders den Berliner Künstlerinnen und Künstlern eine Ausstellungsmöglichkeit bieten sollte, die von kommerziellen Galerien und Museen übersehen werden. Die Stiftung organisierte zwei Ausstellungen pro Jahr, der Künstler selber weitere.

Kneipe als Kunst. Bildhauerin Ina Weber hat als Reaktion auf pandemische Isolation einen Treffpunkt gebaut (Bar, (2021/2022). Foto: Gregor Lengler, Ina Weber/VG Bild-Kunst Bonn 2022 Vergrößern
Kneipe als Kunst. Bildhauerin Ina Weber hat als Reaktion auf pandemische Isolation einen Treffpunkt gebaut (Bar, (2021/2022). © Gregor Lengler, Ina Weber/VG Bild-Kunst Bonn 2022

Als der bereits verwitwete Bartling schwer erkrankte und in ein Hospiz übersiedelte, bot er Haus und Stiftung Berliner Institutionen an. Peter Raue kam ins Spiel. Berlinische Galerie, die Staatlichen Museen interessierten sich. Doch schließlich setzte der Stifter Anna Havemann als Verwalterin seines künstlerisches Vermächtnisses ein. Die zuvor im Potsdam Museum beschäftigte Kunsthistorikerin und Kuratorin hat sich, vermittelt von der Leiterin des Kollwitz-Museums, bei Bartling beworben. Ihn in der Corona-Zeit wochenlang im Hospiz besucht. Und zusammen mit ihm und seiner Ministiftung eine Zukunftsvision für das Haus als renditefreier Ort für Künste und Menschen im Stadtraum entwickelt.

Knapp 2 Tonnen unverkaufte Kataloge

Was das allein bis zur Wiedereröffnung für eine Herkulesaufgabe war, wird in den Abstellräumen deutlich. Anna Havemann hat auch den privaten und künstlerischen Nachlass der Stifter geordnet, die im dritten Stock des Hauses gelebt haben und es zuvor ihrerseits mit kleinen Mitteln und viel Eigenarbeit instand setzten. Allein 80 Waschbecken habe Manfred Bartling aus dem in den 80er Jahren als Ostaussiedlerheim genutzten Haus entsorgt, erzählt Anna Havemann.

Haus Kunst Mitte. Der Innenhof des 1870 erbauten Gebäudes. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Haus Kunst Mitte. Der Innenhof des 1870 erbauten Gebäudes. © Doris Spiekermann-Klaas

Sie ihrerseits nun allein 1,8 Tonnen unverkaufter Kataloge des Künstlers. Zusammen mit einer Studentin hat sie Gemälde und Druckgrafiken inventarisiert und digital archiviert. Zukünftig sollen ein Stifterraum und eine Ausstellung an Bartling erinnern. Rahmenlager, Gemäldelager, Schachtel um Schachtel mit Grafiken – Havemanns neue Ordnung. Zu Lebzeiten des Stifters war alles kreuz und quer im Haus verteilt.
Beim Regalbau haben auch die Kinder der 52 Jahre alten Anna Havemann geholfen. Sie ist eine Enkelin des DDR-Oppositionellen Robert Havemann. Ihr Vater Utz ist Physiker, die Begeisterung für Kunst stammt von der Mutter Jelena Jamaikina, einer Professorin für Kunstgeschichte mit russischen und ukrainischen Wurzeln.

Haus Kunst Mitte. Die Außenansicht von der Heidestraße. Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Haus Kunst Mitte. Die Außenansicht von der Heidestraße. © Doris Spiekermann-Klaas

Havemann selbst hat in New York studiert und ihre Masterarbeit bei Linda Nochlin geschrieben, der Doyenne der feministischen Kunstgeschichte. „Das war prägend für mich“, sagt sie. Kunst und Kunstvermittlung müssten immer auch politische Relevanz haben. Die Frau hat nicht nur Ehrgeiz, sondern auch Sendungsbewusstsein.
Das „Haus Kunst Mitte“ erfüllt den Anspruch gleich doppelt. Mit der ersten Schau und seiner puren Existenz.

Und auch damit, dass Anna Havemann, die in einem weiteren Ehrenamt als Künstlerische Leiterin des Vereins der Berliner Künstlerinnen wirkt, der mehr als 150 Jahre alten Institution endlich wieder eine feste Heimat gegeben hat. In der ehemaligen Stifter-Wohnung, die auch noch einer anderen Firma Raum bietet. Durch diese Mieteinnahmen trägt sich das Haus.
Nach „Starkes Duo“ sollen dieses Jahr im „Haus Kunst Mitte“ weitere Ausstellungen folgen. Eine ist bereits finanziert, das Konzept steht. Um die Finanzierung der nächsten ringt Kuratorin Havemann noch. Sie lächelt. „Die inhaltliche Arbeit mache ich eigentlich nachts, wenn ich nicht schlafen kann.“ Tagsüber ist ja auch schlecht – falls sie am Empfang aushelfen muss.

Zur Startseite