Joanna (Margaret Qualley) nimmt die Fanpost von J. D. Salinger entgegen. Foto: micro_scope
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„My Salinger Year“ mit Sigourney Weaver Berlinale-Eröffnungsfilm ist ein Trip in die Neunziger

Die Frauenquote stimmt schon mal: Sigourney Weaver und Margaret Qualley spielen die Hauptrollen in „My Salinger Year“, der die Berlinale eröffnet.

Der sperrige Computer steht wie eine falsche Gottheit im Büro der ältesten Literaturagentur New Yorks. Die Chefin Margeret (Sigourney Weaver) starrt das Gerät mit einer Mischung aus Abscheu und Entsetzen an.

Digitale Kopien ihres Starautors J. D. Salinger („Jerry“, wie er im Büro genannt wird) tauchen immer wieder im sogenannten Internet auf, diesem Urheberrechtsverstoß kann man in einer Kultur von Schreibmaschine und Diktiergerät nicht anders beikommen. Die Mitarbeiter feixen über den digitalen Analphabetismus der Chefin. „Macht den Computer aus,“ meint Margeret bestimmt. Natürlich ist der gar nicht an.

Geschmackvolle Ästhetik

Die mittleren Neunziger waren digitales Neuland. Die Firma, in der Joannas (Margaret Qualley) beste Freundin Jenny (Seána Kerslake) arbeitet, hat auf papierloses Büro umgestellt. Doch auf Joannas Schreibtisch landet jeden Morgen ein Stapel Kassetten, die sie abtippen muss.

Steckt da vielleicht ein Programm hinter, wenn Carlo Chatrian seine erste Berlinale mit einem Filmerste Berlinale mit einem Film eröffnet eröffnet, der noch fest in der Welt des Analogen verankert ist? In „My Salinger Year“ des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau ist ein Abo des „New Yorker“ der Goldstandard, auch wenn Joanas neuer Freund Don (Douglas Booth), ein am Rande des Existenzminimums vor sich hin lebender Schriftsteller voll mit sozialistischem Gedankengut, das bourgeoise Geschreibsel verachtet.

Magazinabos muten in Zeiten von Netflix- und Spotify-Flatrates wie ein netter Anachronismus an, aber er passt zu Falardeaus geschmackvoller Manufaktum-Ästhetik. „Es sieht aus wie in den zwanziger Jahren,“ meint Joanna zu Jenny.

Eröffnungsfilme sind fast immer eine pragmatische Entscheidung, es geht um eine einigermaßen ausgewogene Mischung aus Starpower und Qualität. Die Balance ist der Berlinale in den letzten Jahren unter Dieter Kosslick nicht immer gelungen. „My Salinger Year“ wirkt über weite Strecken eine Nummer zu sicher, aber es ist ein guter Testballon, um die Stimmung zu testen. Die beiden Wettbewerbe stehen dieses Jahr im Zeichen des avancierten Kunstkinos, da kann es nicht schaden, das Publikum mit etwas leichter Verdaulichem zu ködern.

Berge von Fanpost kommen in der Agentur an

Joanna Rakoffs gleichnamiger Roman von 2014 erinnert an ihren eigenen Start in der New Yorker Literaturszene mit 23, frisch von der Uni. Ihren ersten Job landete sie bei der ältesten Literaturagentur der Stadt, die zufällig auch den zurückgezogen lebenden Autor des Coming-of-Age-Klassikers „Fänger im Roggen“, J.D. Salinger, vertrat. Rakoffs Aufgabe bestand darin, die Berge an Fanpost zu beantworten – und anschließend zu schreddern. Salinger, dessen freundliche Anrufe sie gelegentlich entgegennahm, wollte von seinen Fans nichts wissen. Ihre Zeit in der Agentur koinzidierte mit der Veröffentlichung der ersten Salinger-Geschichte seit über 30 Jahren.

Margaret Qualley ist eine vielversprechende Akteurin

Im Prinzip ist jeder Film ein hinreichender Vorwand, um Sigourney Weaver einzuladen, die sich zuletzt im Kino rar gemacht – vermutlich weil sie seit Jahren parallel die nächsten drei „Avatar“-Sequels dreht. In „My Salinger Year“ bekommt sie Unterstützung von Margaret Qualley, in einem anderen Leben die Tochter von Andie MacDowell, der seit ihrem kleinen, umso denkwürdigeren Auftritt als Manson-Girl in Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ eine vielversprechende Zukunft bevorsteht.

Sie läuft als Rakoffs Alter Ego mit großen Augen durch ein Manhattan vor 9/11: die Träum von einer Zukunft als Schriftstellerin zerschellen immer wieder an der schroffen Art Margerets, aber auch an den Ambitionen Dons, der rücksichtslos seine Schreiber-Ambitionen verfolgt.

Das Sujet der jungen Autorin, die sich gegen die Verhältnisse behaupten muss, hat Greta Gerwig gerade 150 Jahre früher und so modern wie nur möglich in „Little Women“ erzählt. Im Gegensatz zu Gerwigs Film, in dem Jo in einer Männerwelt zurechtfinden muss, steht sich Joanna selbst im Weg: „My Salinger Years“ ist ihre Coming-of-Age-Geschichte – mit einem unsichtbaren Protagonisten, der Joanna am Telefon in ihren Ambitionen bestärkt. Nur bei Margeret beißt Joana auf Granit; Weaver ist großartig, wenn sie wie eine Anna Wintour der Literaturwelt in ihren Designer-Outfits durchs Büro fegt. Beim Eröffnungsfilm stimmt die Frauenquote schon mal. Vor und hinter der Kamera.
Friedrichstadt-Palast Fr 21.2., 21.30 Uhr und Haus der Berliner Festspiele, 21.30 Uhr

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