Seetöchter am Walchensee. Janna Ji Wonders, Norma Werner und Anna Werner. Foto: Flare Film
© Flare Film

Mutter Hippie, Oma Wirtin im Kinofilm "Walchensee Forever" Mit dem Hackbrett bis nach Mexiko

Gewebe aus Wörtern und Bildern: Janna Ji Wonders' Dokumentarfilm "Walchensee Forever" erzählt ein hundert Jahre umfassendes bayerisches Frauenepos.

Seetöchter sind sie, allesamt: Urgroßmutter Apa, die strenge Herrscherin des 1920 gegründeten Ausflugslokals. Großmutter Norma, die dem Café sogar ihre Ehe opfert und es wacker bis zum 88. Lebensjahr führt. Mutter Anna, die Fotografin, die als Hippie nach Mexiko, San Francisco und Indien reist. Janna Ji Wonders, die Filmemacherin, die in „Walchensee Forever“ eine hundert Jahre umfassende Familiensaga zeichnet. Und Tochter Rumi, der der Dokumentarfilm gewidmet ist, in dem sie selbst nur im gewölbten Bauch der Mutter vorkommt.

Von der Spanischen Grippe bis zum Summer of Love

Die spiegelnde Fläche des bayerischen Sees dient als poetischer Hallraum für das kunstvolle Gewebe aus Fotografien, Briefen, Tagebüchern, alten und neuen Filmaufnahmen. Editorin Anja Pohl, die ebenso wie „Walchensee Forever“ für den deutschen Filmpreis nominiert war, wird verdienterweise auch als Dramaturgin genannt.

Janna Ji Wonders hat sich für ihr Langfilmdebüt, das 2020 auf der Berlinale uraufgeführt wurde und seither Preise sammelt, durch das reiche Archiv einer selbstvergewisserungswütigen Frauendynastie gefräst. Im Schnitt wird daraus ein ruhiger Fluss des Sprechens und Schauens, der in jungen und alten Gesichtern den Kreislauf des Lebens und das Vergehen der Zeit abbildet.

Und dabei von Spanischer Grippe und Weltkrieg bis zur Hippiebewegung der Sechziger und heutigen individuellen Lebensentwürfen ein universelles Bild des Jahrhunderts baut.

Eva und Adam auf Mykonos. Anna Werner und Rainer Langhans leben wochenlang nackig am Strand. Foto: Flare Film Vergrößern
Eva und Adam auf Mykonos. Anna Werner und Rainer Langhans leben wochenlang nackig am Strand. © Flare Film

„Wer bist du denn?“, fragt Mutter Anna Werner aus dem Off. Das blonde Mädchen vor der Kamera ist die heute erwachsene, 1978 in Kalifornien geborene Regisseurin im Alter von vier Jahren. „Ich bin eine Fee“, antwortet die Tochter mit dem Blumenkranz. „Und woher kommst du?“ Das weiß das Kind sofort. „Vom Walchensee.“ Nicht lange und das neugierige Mädchen wechselt ihrerseits völlig selbstverständlich hinter die Kamera und fragt die Mutter aus.

Als sie stirbt zuckt Wetterleuchten über dem See

Das gegenseitige Abbilden hat Tradition im Café am bayerischen Alpensee, der auf vielen Fotos und Filmbildern als stummer Zeuge erscheint. Im Sommer, im Winter, bei Nebel und Schnee. Als Großmutter Norma während des Drehs mit 105 Jahren stirbt, zuckt ein Wetterleuchten über dem See.

Zuvor hat er ihr in jungen Jahren frisches Gesicht in vielen Jahrzehnten heller Sonne und reflektierenden Wassers in eine pigmentierte Landschaft der Schrunden und Flecken verwandelt. Ab und zu stört das Toben des Windes oder das Rauschen des Regens die vor der Kamera geführten Gespräche von Mutter und Tochter. Die Natur wirkt in „Walchensee Forever“ nicht nur als Symbol, die die menschliche Existenz erdet und relativiert, sondern auch als Macht, die die Menschen wie den Film zeichnet.

Dass die Kamera bei den Werners und Wonders eine selbstverständliche Hausgenossin ist, die Normas Tischgebet mit der Enkelin ebenso einfängt wie Streitigkeiten mit der Tochter, daran ist Janna Ji Wonders Großvater Schuld. Der Maler, der als Kunststudent an den Walchensee kommt und sich in die Gastwirtstochter Norma verliebt.

[Behalten Sie den Überblick: Jeden Morgen ab 6 Uhr berichten Chefredakteur Lorenz Maroldt und sein Team im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint über die aktuellsten Entwicklungen in Berlin. Jetzt kostenlos anmelden: checkpoint.tagesspiegel.de.]


Er bringt Tochter Anna schon früh das Fotografieren nah, was ihre Schwarzweiß-Porträts von Familie und Dorfbewohnern belegen. Später studiert sie Fotografie in München. Anna und ihre Schwester Frauke sind auch als Musikerinnen unterwegs. Auf gut Bayerisch, mit Jodlern und Hackbrett. So wagen sie sich in den wilden Sechzigern auch über den großen Teich nach Amerika und machen in Mexiko als Trachtenschwestern Furore.

Anna, deren stete verbale Selbstbespielung den denkbar größten Kontrast zur schweigsamen, zupackenden Großmutter darstellt, treibt die Sinnsuche vom „Summer of Love“ in San Francisco bis in indische Ashrams und griechische Höhlen. Dort lebt sie mit Rainer Langhans, zu dessen sogenanntem „Harem“ Anna Werner gehört, wie Adam und Eva.

Die Filmemacherin Janna Ji Wonders hat das Familienarchiv geplündert. Foto: Michael Reusse/Flare Film Vergrößern
Die Filmemacherin Janna Ji Wonders hat das Familienarchiv geplündert. © Michael Reusse/Flare Film

Langhans und Gefolge sind auch regelmäßig am Walchensee zu Gast, was Mutter Norma wie alle anderen Eskapaden des Nachwuchses stoisch hinnimmt. Ebenso wie die lärmigen Punk-Videos, die Enkelin Janna Ji Wonders, die nicht nur Filme, sondern auch Musik macht, mit der Greisin dreht

["Walchensee Forever" läuft in 14 Berliner Kinos]

„Du entschwindest mir, Oma“, spricht die Filmemacherin ihrer ertaubenden Großmutter ins Ohr, der sie bis aufs Sterbelager mit der Kamera folgt. Das bewegt. Ebenso wie deren liebevolle Pflege durch Tochter und Enkelin. Obwohl die Intimität der durch Film-im-Film-Szenen gebrochenen, fast schon voyeuristischen Offenheit manchmal irritiert.

„Walchensee Forever“, das ist Familie, aus der Sicht nonkonformistischer, aber trotzdem fürsorgender Frauen. Aber es ist auch ein Essay über die Frage, wie sich der Mensch beheimatet und wie soziale Zugehörigkeit entsteht, die die gesellschaftlichen Umbrüche zwischen den Generationen übersteht. „Solange Wut ist, ist kein Frieden“, sinniert die Walchensee-Heimkehrerin Anna Werner einmal. Genau der liegt über dem Bild, das die Seetöchter auf einer Bank am Ufer des Walchensees zeigt.

Zur Startseite