Rote Akzente im Blau. Die Liebesbeziehungen in „Moneyboys“ sind so fließend wie die Lichtverhältnisse in den Innenräumen. Foto; Salzgeber
© Foto; Salzgeber

„Moneyboys“ im Kino Hübsche Körper als Währung

Liebe und Sexarbeit in einer chinesischen Boomtown: Das queere Drama „Moneyboys“ erschafft eine Welt aus Farben, die sich immer wieder auch gewaltsam entlädt.

Der Film erzählt seine Geschichte in Raumanordnungen, und diese Räume haben Farben. Grün ist die Farbe der Dörfer, aus denen junge Männer in die chinesischen Großstädte aufbrechen, um dort ihre Körper zu Geld zu machen. Die Dörfer liegen in Wäldern, sie inszenieren für Touristen aus der Großstadt alte Traditionen und Familienwerte. Blau sind dagegen die hippen Räume in der Boomtown Shenzhen, neonblau wie die Rooftop-Bars, pastellblau wie die geheimen privaten Zimmer, in denen Chopin läuft und die wohlhabenden Kunden hohe Summen für junge Körper zahlen.

Prostitution ist in China illegal, die Boys im coolen blauen Licht tragen das Risiko von Gewalt und Verhaftung. Weiß dagegen strahlt die Wohnung von Fei, gespielt vom taiwanesischen Sänger und Schauspieler Kai Ko, den der Film in keiner Einstellung aus den Augen lässt. Ein scheinbar neutraler Raum der Selbstverwirklichung, unbeschrieben, ungeprägt, nur das Grün der Terrasse erzählt von seiner Familie im Dorf; das Blau des Nebenzimmers von der Sexarbeit.

Die Räume, in denen die jungen Männer und Frauen zusammenkommen, neue Gemeinschaften bilden, ihr Wissen weitergeben, sich über die Fragen der Familie lustig machen und ihre Ängste vor dem Alleinsein in der Großstadt teilen, wiederum sind rot. Wärmezentren des Films, der immer mehr erzählt als ein schematisches Nebeneinander von sozialen Umständen.

Er ist an Bewegungen dazwischen interessiert, an Farbverläufen. Zum Beispiel in Momenten, in denen Liebesbeziehungen entstehen und das Rot Akzente im Blau setzt, wenn die durch den Filmtitel „Moneyboys“ kommodifizierten Jungs zu tanzen anfangen, Liebeslieder auf die Großstadt singen, ihre Körper aus den starren Architekturen herauslösen, als wären sie nicht im Dazwischen und Nirgendwo gefangen.

Von der Familie verstoßen

Feis Geschichte empfiehlt sich für ein Sozialdrama: Ein Junge aus armen Verhältnissen, der seine Familie unterstützt und gleichzeitig beschämt, der es zwar nach oben schafft, auf den aber die anderen Großstadtbewohner immer herabsehen werden. Auf- und Abstieg einer ausscherenden Figur, deren Einrichtung eines eigenen Raums schließlich doch an den normativen Verhältnissen scheitert.

Der österreichische Filmemacher C.B. Yi, der in Wien unter anderem bei Michael Haneke studiert und an der Universität die Sprache der Eltern gelernt hat, zeigt an der Welt, durch die sein Protagonist gleitet, ein eher visuelles Interesse, kein moralisches. In den von Konventionen und Tabus geprägten Räumen inszeniert er ein Melodram, in dem sich Gefühle aufstauen, in denen explosionsartig Gewalt ausbricht, in denen jeder Farbverlauf schließlich wieder im Monochromen endet.

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Die erste Liebe zum erfahrenen Sexarbeiter Xiaolai führt in die Tragödie. Die zweite zum Cousin aus seinem Dorf, der ihm nacheifert und ebenfalls ein Moneyboy wird, endet in einer Aussprache im Regen, unter einem pinkfarbenen Schirm, fast wie in einer RomCom. Neben den Farben sind es Treppenbilder, die für den sozialen Aufstieg und den drohenden Fall stehen – und vor allem: Bilder des Wassers, die die Szenen in Cinemascope verbinden.

(In den Kinos Babylon Kreuzberg, Klick, Lichtblick, Wolf, Xenon - OmU)

Vom Fluss, der den Weg vom Dorf in die Großstadt abschneidet, vom Regen, der – als Sinnbild für die großen, „natürlichen“ Gefühle – auf die Liebenden und Trauernden herabfällt. Und immer wieder: das Geld, das ständig zirkuliert, aus den Körpern eine Währung macht, das den Touristen abgeknöpft wird, als Opfergabe für verstorbene Familienmitglieder verbrannt wird, zu deren Beerdigung Fei schon lange nicht mehr eingeladen wird.

In seinen queeren Bewegungen fließt dieser ebenso konsequent geordnete wie emotional aufwühlende Film sehr eigenwillig durch die starren Strukturen des Weltkinos. Er spielt in China, wurde aber in Taiwan gedreht, als österreichisch-belgisch-französisch-taiwanesische Koproduktion finanziert, in Cannes uraufgeführt und beim deutschen Max-Ophüls-Preis als bester Spielfilm ausgezeichnet. Wie seine Helden von ihren Räumen scheint er von all diesen Kontexten, zwischen denen er steht, geprägt, er geht aber nirgends vollständig darin auf. Sein Sinn für Bilder bewahrt ihn vor Erzählkonventionen, seine Komplexität vor naheliegenden Genreformeln, seine vielen überraschenden Wendungen vor formalem Rigorismus. „Moneyboys“ endet mit einem Tanz in Blau-rot. Zu einem alten Song mit einem neuen Text.

Zur Startseite