Die Musikerin Jenny Wilson aus Stockholm. Foto: Oskar Omne
© Oskar Omne

MeToo in der Popmusik Ich habe Nein gesagt

Die schwedische Musikerin Jenny Wilson verarbeitet mit dem verstörenden Elektroalbum "Exorcism" ihre Vergewaltigung.

„Es passiert nicht nur in Hollywood oder in Washington, sondern auch hier in unserer Branche.“ Kraftvoll schleuderte Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe ihre „Time’s Up“-Rede ins Publikum. Doch sie verpuffte umgehend, genau wie der anschließende Grammy-Auftritt von Kesha, die 2014 juristisch gegen ihren Produzenten vorging, dem sie unter anderem Vergewaltigung vorwirft. Auf der Bühne sang sie zusammen mit 14 Kolleginnen die Abrechnungsballade „Praying“.

Seither war in Sachen MeToo aus der Pop-Welt wenig zu hören. Abgesehen von den Vergewaltigungsklagen gegen den Produzenten und Def-Jam-Gründer Russell Simmons, der zwar seinen Chefposten niederlegte, aber alles abstreitet, gab es keine mit der Post-Weinstein-Zeit annähernd vergleichbare Welle von Anschuldigungen und Erfahrungsberichten. Dabei ist die Branche ja eine direkte Nachbarin des Filmgeschäfts. Nicht zuletzt durch Künstlerinnen wie Janelle Monáe, die in beiden Bereichen tätig sind  gibt es viele Berührungspunkte. Die Stille dürfte nicht daher rühren, dass es keine Übergriffe in der Musikindustrie gab, sie resultiert vielmehr aus einem tief in sie eingeschriebenen Sexismus und der deshalb um so größeren Angst, sich zu offenbaren.

In Schweden sagten über 2000 Musikerinnen MeToo

Dafür spricht auch die bisher einzige große Ausnahme in der schweigenden Pop-Welt: In Schweden haben im November über 2000 Musikerinnen sowie Mitarbeiterinnen von Plattenfirmen, Streamingdiensten und PR-Agenturen in der Zeitung „Dagens Nyheter“ ein MeToo-Statement unterzeichnet, darunter Künstlerinnen wie Robyn, Ane Brun, Seinabo Sey und Nina Persson. Neun Fälle, die von sexistischen Sprüchen bis hin zu Vergewaltigungen reichten, wurden in der Zeitung dokumentiert.

Diese Liste könnte man nun um eine schreckliche Episode verlängern, wobei der Täter nicht aus der Branche stammt. Das Opfer aber sehr wohl. Es handelt sich um die 42-jährige Jenny Wilson, die das Statement ebenfalls unterzeichnete und nun ein Album über ihre Vergewaltigung und deren Folgen veröffentlicht hat. „Exorcism“ verarbeitet die rund zwei Jahre zurückliegenden Geschehnisse auf direkte, kraftvolle Weise. Schon das Eröffnungsstück „Rapin*“ macht mit seinem bedrohlichen Synthesizer-Heulen klar, dass die folgende halbe Stunde ein Horrortrip wird.

Mit metallisch verzerrter Stimme erzählt die Sängerin, wie sie spät nachts betrunken aus einem Club kommt und auf dem Heimweg einen Mann trifft, der sie dann bei ihr zu Hause vergewaltigt. Der Song wird schneller, panischer, „Hold up, another round, I’m a victim because there is no one else around“ heißt es am Ende der Tortur, auf die zwei Tage der Sprach- und Schlaflosigkeit folgen. Wilson beschreibt alles in einer klaren, metaphernfreien Sprache, auch die folgende ärztliche Untersuchung.

Im Video zu dem Song geht es ebenfalls drastisch zu. Wer es auf Youtube anschauen will, muss vorher sein Alter bestätigen, und bekommt dann unter anderem zu sehen, wie eine weibliche Figur von hinten durch die Hand und den Penis einer männlichen Figur aufgerissen wird. „Das ist das Schwierigste, was ich je gemacht habe“, erklärt Jenny Wilson in einem Statement, das sie mit dem Video veröffentlicht hat. Zuerst habe sie nicht gewusst, ob sie überhaupt noch Musik machen wollte. Doch dann habe sie sich an einem Scheideweg wiedergefunden: „Entweder schweigen – oder sprechen. Es war keine leichte Entscheidung. Ich wollte nicht reden. Ich habe es nicht geschafft zu reden. Aber ich musste reden.“ Es sei ihr nicht um Gerechtigkeit oder Rache gegangen, sondern sie wollte „loswerden, was mich verletzt hat“.

Wilson lässt die Synthesizer zucken und heulen

Weil dafür ein Song nicht reicht, beschäftigt sich Wilsons gesamtes fünftes Soloalbum mit der Bewältigung dieses Traumas. In der Summierung ist „Exorcism“ weitaus schwerer auszuhalten als thematisch verwandte Lieder wie „Me And A Gun“ von Tori Amos, „Til It Happens To You“ von Lady Gaga oder „Sullen Girl“ von Fiona Apple. Zudem geht Wilson nicht nur textlich, sondern auch musikalisch deutlich aggressiver zu Werke. Verarbeiten ihre Kolleginnen den Schrecken mittels melancholischer Balladen, gießt sie ihn in verstörende Electrotracks. So hämmert Wilson ihren Hörerinnen und Hörern in „Prediction“ zu einem hektisch vorwärts galoppierenden Beat und einem nervigen Fieps-Keyboard die Zeile „You can’t decide over your live“ ein. „Lo’Hi’ “ ist ein verzweifelt zuckendes, pluckerndes Gebilde mit sirenenhaften Vocalsampels und Wilsons in spitzer Höhe klagendem Gesang. Weitere Details der Vergewaltigung kommen zur Sprache. Darunter die Zeile „Listen close: I said no“. Dieses Nein hat sie noch rausbekommen, der Rest war Lähmung.

Sie nahm das Album im Alleingang auf

Aufgenommen hat Jenny Wilson „Exorcism“ im Alleingang. Die neun Stücke spielte sie größtenteils mit ihrem analogen Synthesizer ein, produzierte sie selbst und veröffentlicht sie auf ihrem eigenen Label. Es ist das bisher elektronischste Werk der Stockholmerin, die 2006 mit ihrem feinen Indie-Pop-Debüt „Love & Youth“ bekannt wurde und zuletzt vor fünf Jahren mit dem Album „Demand The Impossible!“ in Erscheinung trat. Darin verarbeitete sie einen anderen Schicksalsschlag: Sie kämpfte mit einer wiederkehrenden Brustkrebserkrankung.

Gerade als Wilson mit den Aufnahmen zu „Exorcism“ fertig war, nahm die MeToo-Kampagne Fahrt auf. „Das war eine Erleichterung für mich“, sagte sie dem Deutschlandfunk. „Das Timing hätte für mich nicht besser sein können. Ich wollte niemals so etwas wie Sprachrohr in dieser Sache sein.“ Dass das Private immer auch politisch ist, weiß sie sehr wohl. Es klingt etwa in dem Song „Disrespect Is Universal“ an, in dem sie ihren Angreifer nicht als Monster, sondern als einen x-beliebigen Typ aus unserer Mitte beschreibt. „Blame the history, blame the power, blame the structure, yeah, blame the battle... blame the society“, singt sie zu flackernden Synthie-Akkorden.

Am Ende scheint Hoffnung auf

Das Stück gehört zu den ruhigeren, ein wenig an The Knife erinnernden Liedern, zu denen auch das abschließende „Forever Is A Long Time“ zählt. Darin scheint Hoffnung auf, mantraartig wiederholt Wilson die Zeile „It’s gonna be alright“. Die Austreibung der Dämonen scheint geglückt zu sein – sie selbst hat dazu auch eine Therapie und viele Gespräche mit Freunden benötigt. Sie sagt, dass sie sich nun endlich erleichtert und sicher fühle. So kann „Exorsism“ auch als Ermutigung für Musikerinnen mit ähnlichen Erfahrungen gelten. MeToo ist noch lange nicht vorbei.

„Exorcism“ ist bei Gold Medal Recordings erschienen. Konzert: 26.4., 21 Uhr, Ritter Butzke, Ritterstr. 26, Kreuzberg

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