Monika Grütters (CDU) kündigte das Förderprogramm "Neustart Kultur" für über eine Milliarde Euro im Juni 2020 an. Foto: Jörg Carstensen/dpa
© Jörg Carstensen/dpa

„Mehr Verlierer als Gewinner“ Werden Corona-Hilfen für Künstler gerecht verteilt?

Bund und Länder versuchen, Künstlern mit Förderprogrammen durch die Krise zu helfen. Doch viele gehen leer aus, teilweise aus schwer nachvollziehbaren Gründen.

„Mehr Verlierer als Gewinner“, schrieb der Berufsverband Bildender Künstler*innen (bbk berlin) Anfang dieser Woche in einer Mitteilung.

Die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa hatte im August ein 18 Millionen Euro umfassendes Stipendienprogramm für Künstler aller Sparten aufgelegt. 2 000 Stipendien à 9 000 Euro werden in den kommenden Tagen an Musiker, Komponisten, Autoren und eben auch an bildende Künstler ausgezahlt.

Die Gewinner der im Lotterieverfahren vergebenen Hilfen wurden Anfang der Woche im Internet veröffentlicht. Die „Verlierer“ bekamen eine Absage.

Man hätte die fördern sollen, die es wirklich nötig haben, kritisiert der Berufsverband der Bildenden Künstler*innen Berlin. „Ein Stipendienprogramm ohne Konzentration auf den dringendsten Bedarf ist von Politik und Verwaltung falsch konzipiert“, heißt es in dem Schreiben. Gefehlt habe eine Prüfung der Bedürftigkeit.

Die hätte man per Selbstauskunft über das Jahreseinkommen einfach abfragen können, wie es der bbk berlin beim Atelierförderprogramm seit 1993 erfolgreich handhabe, heißt es aus dem Berufsverband. Lieber weniger Geld und mehr Begünstigte, lautet deren Credo.

Gefördert würden nur die, bei denen es gut lief

„Nur 25 Prozent der Bewerber sind zum Zug gekommen“, rechnet die Berliner Installationskünstlerin Susanne Kutter, die im Vorstand des bbk berlin sitzt, vor. Die Hauptkritik aber gilt den Förderprogrammen des Bundes.

Am 10. August hatte auch der Bund ein Sonderstipendienprogramm, speziell für bildende Künstler*innen, aufgelegt. Im Oktober wurden 581 Gewinner benachrichtigt. Sie wurden von einer Jury nach künstlerischer Qualität ausgewählt und erhalten jeweils 9000 Euro. Insgesamt hatten sich mehr als 4770 Künstler dafür beworben.

[Behalten Sie den Überblick über die Corona-Entwicklung in Ihrem Berliner Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihre Nachbarschaft. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de.]

Auch hier sagt Kutter: „Der Anteil der Geförderten ist zu gering. Das ist Elitenförderung.“ Gefördert würden die, bei denen es in den vergangenen Jahren gut gelaufen sei, die ein tolles Portfolio vorweisen könnten.

Außerdem wurde ein nicht kleiner Anteil von Antragstellern zunächst bei beiden Programmen berücksichtigt. Das habe viel Unmut unter den Künstlern erzeugt, sagt Susanne Kutter.

Absprache zwischen den Programmen sei schwierig umzusetzen

„Die seit Beginn der Coronakrise aufgelegten Förder- und Unterstützungsprogramme der Länder, des Bundes und der Kommunen sind so vielfältig, dass eine Absprache nicht immer möglich ist. Für Künstler*innen erhöhen die unterschiedlichen Angebote die Chance auf eine Förderung sogar“, sagt Karin Lingl, Geschäftsführerin der Stiftung Kunstfonds in Bonn, die das Sonderstipendienprogramm für bildende Künstler*innen im Rahmen des Programms „Neustart Kultur“ umsetzt.

„Die laut unserer Kenntnis 64 Künstler*innen, denen beide Stipendien zuerkannt wurden, müssen sich demnach entscheiden, welches der Stipendien sie annehmen werden. Diese Regelung ist übrigens nicht ,coronaspezifisch‘, sondern bei Stipendienförderungen üblich“, sagt Lingl.

Ein Künstler hilf sich mit einer Website

Einer der „Gewinner“ ist der Berliner Künstler Johannes Mundinger. Sein Atelier liegt auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain. Wie den meisten Künstlern sind ihm seit dem Frühjahr fast alle Ausstellungen weggebrochen.

Er half sich selbst, rief eine Website ins Leben, bei der Künstler Arbeiten online zeigen, die wegen Corona nicht ausgestellt werden konnten. So ließ sich zumindest etwas Sichtbarkeit herstellen.

„Bei mir ergeben sich Aufträge normalerweise relativ kurzfristig, mit zwei bis drei Monaten Vorlauf“, erzählt Mundinger, der unter anderem ortsspezifische Wandbilder kreiert.

Wer nicht bekommt, dem bleibt nur die Grundsicherung

Im Pandemiesommer passierte fast nichts. Was ihn rettete, war eine Sammlerin, die ihn mit einem Kauf unterstützte, und die Soforthilfe für Soloselbstständige, die von Berlin im März und im April schnell und unbürokratisch ausbezahlt wurde.

Auch beim oben genannten Stipendienprogramm der Berliner Kulturverwaltung hatte Mundinger Glück. Er gewann in der Lotterie und bekommt 9000 Euro. „Das Geld hält mir den Rücken frei, um weiterarbeiten zu können“, sagt Mundinger. Er will den Betrag für Lebenshaltung, Atelierkosten, Material und neue Ausstellungsprojekte verwenden.

Wer bei den Stipendienprogrammen kein Glück hatte und wegen fehlender Ausstellungen, abgesagter Kunstmessen und geschwächter Galerien nichts mehr verdient, dem bleibt nur, Grundsicherung zu beantragen. Aber die werfe Künstler aus dem Job, weil sie vom Jobcenter zu anderen Aufgaben verpflichtet würden, so Kutter.

Zur Startseite