Mark Knopfler Foto: picture alliance / dpa
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Mark Knopfler in Berlin Grenzen des Wohlklangs

Erik Wenk

Stadionrocker auf dem Barhocker: Der britische Gitarrist, Sänger und Songwriter Mark Knopfler in der Mercedes Benz-Arena.

Der Grat zwischen „entspannt“ und „einschläfernd“ ist schmal und kaum eine andere Diskographie ist so gut als Anschauungsmaterial für diese These geeignet, wie die von Mark Knopfler: Ist das nun von genialer Einfachheit, was der Ex-Dire-Straits-Gitarrist da von den sechs Saiten rollen lässt, oder müdes Altherren-Gedudel?

Eine Frage, die auch bei Knopflers Berlin-Auftritt nicht abschließend geklärt werden konnte. Schon der Titel des Konzerts „An Evening with Mark Knopfler“ lässt erahnen, wie laid back es heute zugehen wird. Der komplette Saal der Mehrzweckhalle ist bestuhlt, das Publikum rekrutiert sich aus gesetzten Männern und Frauen ab 50 aufwärts. Knopfler selbst sieht mit Brille, Kahlkopf und Bauchansatz aus wie ein pensionierter Buchhalter. Doch trotzdem ist der 69-jährige Brite grundsympathisch: Ein Rockstar im klassischen Sinne war er ohnehin nie, sondern stets Meister der Zurückhaltung.

Auf der Bühne steht eine elfköpfige Band, inklusive Trompeter, Saxophonist, Geiger, Flötist, zwei Schlagzeugern und Ex-Dire-Straits-Keyboarder Guy Fletcher. Dennoch wirkt der Sound sehr aufgeräumt, lässt Platz für den heimlichen Star des Konzerts: Jener verwehte, melancholische Gitarrenton, mit dem sich Knopfler seinen Platz in der Rockgeschichte gesichert hat und der auch an diesem Abend noch immer Magie entfaltet. Dies ist Knopflers eigentliche Stimme, bei allem Charme, den sein bärbeißiger Sprechgesang besitzt.

Die Zeiten des Tramp

Jubel brandet auf, als der Bandleader nach zwei Songs die Fender Stratocaster zur Hand nimmt und damit seinen größten Solohit „Sailing to Philadelphia“ anstimmt. Knopfler gehört zweifellos zu denen, die das knallrote Instrument zu der Popikone gemacht haben, die es ist. Nostalgie ist das beherrschende Gefühl des Abends: Vor „Matchstick Man“, einem Song aus seinem letzten Soloalbum „Down the Road Wherever“ von 2018, erzählt Knopfler, wie er als Jugendlicher mit Rucksack und Gitarre mitten im Winter getrampt ist und von einem Trucker irgendwo im Nirgendwo rausgeworfen wurde: „Ich sah mich um und dachte: Tja, das ist dein Leben.“

Quer geht die Reise durch das Dire-Straits- und Solo-Werk, immer im gemütlichen Tempo zwischen Blues, Folk, Country und Rock, nie die Grenzen des gut abgehangenen Wohlklangs überschreitend. Es ist eine Oldie-Show, und Knopfler, der zwischenzeitlich auf einem Barhocker Platz genommen hat, weiß das auch: „Vielleicht sollte ich in Rente gehen”, sagt er und zuckt die Achseln. „Aber ich liebe diese Musik einfach zu sehr – also was soll ich tun? Ich spiele.“

Ornamente auf der Stratocaster

Böse Zungen würden behaupten, Knopfler habe sich längst zur Ruhe gesetzt und mache nun die entsprechende Musik dazu. Tatsächlich hat das Konzert trotz der technisch hervorragenden Leistungen aller Beteiligten streckenweise etwas Behäbiges, auch Knopflers Gitarrenspiel wirkt oft unmotiviert und ornamental. Doch er kann auch anders: Besonders bei den Duellen zwischen Gitarre, Trompete und Saxophon lässt Knopfler ungewohnte Frische aufblitzen.   

Unter viel Applaus verlässt die Band die Bühne, die Zugabe lässt auf sich warten, bis endlich das Synthie-Intro von „Money for Nothing“ ertönt und Knopfler das einzige Mal an diesem Abend ein richtiges Riff spielt: „Money for nothing and the chicks for free“, nölt er über den Keyboard-Bombast seiner Mitmusiker, und für einen kurzen Moment sind die Achtziger wieder da, als die Dire Straits zu einer der größten Bands des Planeten aufstiegen. Der halbe Saal steht jetzt und es kommt tatsächlich Stadionatmosphäre auf – oder zumindest die Erinnerung daran. 

Doch ganz so gefällig, wie es den Anschein hat, ist Knopfler nicht: Viele große Hits hat er ausgelassen, kein "Walk of Life“, kein „Telegraph Road“, kein „What It Is“. Auch der Klassiker, auf den alle gewartet haben, kommt nicht: „Sultans of Swing“, der Song, mit dem 1978 alles begann. Und das ist ok so. Knopfler hat das Rockstarleben hinter sich, muss niemandem mehr etwas beweisen. Er mag ein Langweiler sein – aber einer mit Stil.

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