Aura eines Großraumbüros. Das „Lohengrin“-Ensemble umringt die des Brudermords angeklagte Elsa (Vida Miknevičiūtė). Foto: Monika Rittershaus
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„Lohengrin“-Premiere im TV Ich heil mich selbst

Schwankram: Die „Lohengrin“-Premiere aus der Staatsoper Unter den Linden als Late Night TV.

Wenn man hätte schätzen sollen, welche der angekündigten Berliner Opernpremieren der Pandemie auf jeden Fall zum Opfer fallen würden, die Antwort hätte nur „Lohengrin“ lauten können. Das Werk Richard Wagners steht quer zu jeglicher Hygieneregel. Seine letzte romantische Oper verschmilzt großes Orchester mit gewaltigen Chören und zelebriert das Zusammentreffen mit einem Fremden unbekannter Herkunft, der sich nicht etwa in Quarantäne begibt, sondern unters Volk mischt, rauschende Hochzeit feiern und danach sogleich in den Krieg ziehen will.

„Schützer von Brabant“ soll man den Namenlosen rufen und sonst keine Fragen stellen. Auf der Rückenansicht seines Leinensakkos kann man den Schriftzug „Liebe“ entziffern, der gerade auf Querdenker-Demonstrationen Karriere macht.

Die Staatsoper Unter den Linden hat alles darangesetzt, diesen „Lohengrin“ in der Regie von Calixto Bieito irgendwie doch herausbringen zu können, obwohl sicher war, dass die Premiere ohne Publikum im Saal würde stattfinden müssen. Doch Arte stand mit seiner „Wir bleiben offen“-Initiative als Partner bereit, um Wagner europaweit auf die Heimbildschirme zu bringen.

Während die Premiere am Sonntag um 16 Uhr begann, lief die Aufzeichnung erstmals ab 22.20 Uhr bis tief in die Nacht hinein. Um sie würdigen zu können, muss man exemplarisch einen Blick auf den Chor werfen, dieses mal zart verzauberte, mal brutal aggressive Kollektiv, ohne das es keinen „Lohengrin“ geben kann. Fehlende Gesangspraxis in den vergangenen Wochen, Probenräume, die nur von 30 Singenden genutzt werden dürfen, und dann dieses Schwergewicht stemmen: Chordirektor Martin Wright gebührt der goldene Geduldsfaden.

Zwei Meter Mindestabstand und Drehstühle für die Crew

Sein auf immerhin noch 74 Sängerinnen und Sänger leicht reduzierter Chor steht auf einem Tribünenteil, das so weit in die Tiefe der Bühne geschoben wird, bis überall zwei Meter Mindestabstand erreicht sind. In vorderster Reihe darf mit Drehstühlen hantiert werden, das verleiht dem Ganzen die Aura eines Großraumbüros, dessen Insassen sich partout nicht ins Homeoffice verabschieden wollen.

Gut bekommt ihnen das nicht, Anzeichen von Stubenkoller wie nervöse Ticks und übersprunghaftes Grimassieren sind unübersehbar. Dass hier dringend mal einer die Tür zum Lüften aufmachen sollte, erkennt man sogar am heimischen Fernseher, obwohl der Beginn im wahrsten Wortsinn im Dunkeln liegt. Wie gut, dass Regisseur Bieito kurz vor der Aufführung noch anmerkt, Elsa empfinde Scham, weil sie erotische Gedanken hegte, während ihr Bruder ertrank.

Stubenkoller auf der Bühne. Dass da mal durchgelüftet werden sollte merkt man auch am heimischen Fernseher. Foto: Monika Rittershaus Vergrößern
Stubenkoller auf der Bühne. Dass da mal durchgelüftet werden sollte merkt man auch am heimischen Fernseher. © Monika Rittershaus

Beschädigt sind in diesem „Lohengrin“ alle: René Papes König Heinrich zittern die Hände, Martin Gantner zeichnet seinen Telramund als ehrpusseligen grauen Wolf, Ekaterina Gubanovas Ortrud starrt maliziös bei der Benutzung von Kinderspielzeug, während Adam Kutnys Heerrufer sich in eine Art selbstverzehrenden Joker verwandelt.

Kein Wunder, dass Elsa in dieser sinistren Runde keinen Trost findet. Vida Miknevičiūtė, eingesprungen für die erkrankte Sonya Yoncheva, hat ihre Partie eben erst kennengelernt; ihre durchschimmernde Verwunderung darüber gehört zu den schönsten Momenten dieser Fernsehnacht.

Und dann ist da noch Roberto Alagna in der Titelrolle. Eigentlich hätte er schon 2018 in Bayreuth als Schwanenritter debütieren wollen, als Entschuldigung für seine Absage nannte er eine Handvoll hammerschwerer Rollen, die er zur gleichen Zeit sang. Vielleicht lag es aber auch an der Chemie zwischen dem Startenor und Maestro Christian Thielemann.

Lohengrin ist kein strahlender Trompetenengel

Der späte Debütant steht seit 37 Jahren auf der Bühne, als Lohengrin tritt Alagna mit einem Origami-Schwan in der Hand und einem undurchdringlichen Lächeln auf. Er hat hörbar viel an der tückischen Wagner-Sprache gefeilt, doch er platziert die Silben leicht neben die Takte, während er sich von unten an die geforderte Tonhöhe herandrückt.

Dieser Lohengrin ist kein strahlender Trompetenengel wie Klaus Florian Vogt in seiner Paraderolle, Alagna wirkt wie ein etwas angetüterter Lebemann. Geheimnisse mittlerer Größe traut man ihm zu – nur, muss man sie wirklich unbedingt lüften?

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Matthias Pintscher und das Orchester überzeugen auch in kleiner Besetzung

Der einzige, der darauf eine Antwort weiß, ist Matthias Pintscher. Im Orchestergraben arbeitet er mit weniger Personal als üblich, aber mehr Musizierende standen Liszt bei der Uraufführung 1850 auch nicht zu Gebot. Das schärft die Partitur an, was dem in der Moderne beheimateten Komponisten und Dirigenten Pintscher zupasskommt. Die Staatskapelle spielt unter seiner glasklaren Taktgebung weniger verführerisch narkotisch als wunderbar quecksilbrig. Das Zusammenspiel mit der weit entfernten Chortribüne kann diese Intensität leider nie erreichen.

[Die Aufzeichnung ist 30 Tage lang in der Mediathek von Arte abrufbar.]

Als ganz am Ende der totgeglaubte Bruder Elsas tropfnass wieder auftaucht, drückt ihm Lohengrin zum Abschied noch seinen Origami-Schwan in die Hand. Doch der Junge wirft ihn einfach weg, greift sich stattdessen das für ihn deponierte Schwert und schlägt damit um sich. Mit dem Schlussakkord sticht er frontal in Richtung leeres Staatsopernparkett.

Was ist da bloß schiefgelaufen? Man kann aus Bieitos nach Heil gierender, geistig zerrütteter Bürogemeinschaft nur folgern, dass wir der nächsten Generation eine schreckliche Bürde weiterreichen. So besehen, ist es beruhigend, dass diese Inszenierung über Weihnachten und Silvester jederzeit online verfügbar bleibt. Sollte uns ein unbestimmbares Verlangen nach Heimat überfallen, gar die Familie fehlen, sind wir nach wenigen Klicks fast schon kuriert. Heil dem Schützer von Brabant? Ich heil mich selbst!

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