Wagners „Lohengrin“ bei den Salzburger Osterfestspielen. Foto: Ruth Walz
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„Lohengrin“ bei den Salzburger Osterfestspielen Krimi im Orchestergraben

Kirsten Liese

Christian Thielemann triumphiert bei seinen vorläufig letzten Salzburger Osterfestspielen mit Wagners „Lohengrin“.

Die ersten hauchfeinen Streicherklänge begleitete ein noch spannungsreicheres Knistern als zuletzt in Bayreuth. In Salzburg stand schließlich eine besonders bedeutsame „Lohengrin“-Premiere zu erleben, mit der sich Christian Thielemann als Künstlerischer Leiter der Osterfestspiele nach einer knapp zehnjährigen goldenen Ära verabschiedet.

Für ihre Inszenierung kündigten Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock einen Thriller mit Elsa als der Schuldigen am Mord ihres Bruders Gottfried und Ortrud als Zeugin des Verbrechens an, angesiedelt in einer trostlosen Hafenlandschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg.

Nun ist nichts Falsches daran, Elsa als zentrale Figur des Dramas auszumachen. Ihre Kriminalisierung lässt sich jedoch durch die Musik schwer beglaubigen. Die Regie belässt es vorsichtshalber bei dezenten Indizien im Vorspiel: Da hält die Heldin, beobachtet von Ortruds wachsamen Augen, Gottfrieds Haare in ihren Händen. Vor das Gericht tritt sie gelassen mit einem schelmischen Grinsen.

Kreuzritter mit Jesusmähne

Ab dem zweiten Akt darf sich Jacquelyn Wagner, deren Sopran anfänglich noch etwas klein anmutet, in gewohnteren Bahnen bewegen. Mit zunehmend feineren lyrischen Stimmgaben und luzideren Kopftönen singt sie die Partie immer besser.

Unter den verkrampften Bemühungen, der Oper ihre märchenhafte Romantik auszutreiben, verkommt indes der Schwanenritter zur Karikatur, dies schon als ein aus der Zeit gefallener Kreuzritter mit Jesusmähne.

Ungelenk und flapsig geriert er sich nach seiner Ankunft, tätschelt zwei Hunde, die in den Großszenen effektreich mitwirken. Loriot lässt grüßen.

Mit dem großen Strahl seines Tenors, geschmeidigen Registerwechseln und lichten Spitzentönen, die vor allem auch seine „Gralserzählung“ auszeichnen, empfiehlt sich indes der Sänger Eric Cutler als einer der aktuell besten Interpreten dieser Rolle.

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Der Krimi spielt sich im Graben ab. Unwiderstehlich gut musiziert die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann, den das Publikum schon nach den Pausen emphatisch feiert. Sie sind die Stars des Abends.

Über unruhigen, kaum hörbaren Paukenwirbeln braut sich mit düsteren Motiven der Celli die von Wagner so genial instrumentierte unheilvolle Atmosphäre zusammen, in der Elena Pankratova mit großer, bisweilen etwas flackernder Stimme, als Ortrud kundtut, wie sie Elsa zu Fall bringen will.

Minutiös ausziseliert wirken die filigranen Stellen in subtilsten Pianoschattierungen, die Violinen spinnen silbrige Fäden, die Holzbläser tönen zärtlich warm. Geht es majestätischer zur Sache wie im Vorspiel zum dritten Akt, kommt die gebotene Verve hinzu.

Große, sonore Stimmen, vor allem bei den Männern

Für die feierlichen Aufmärsche nutzt Thielemann ideal stereophone räumliche Möglichkeiten auf 100 Meter breiter Bühne. Von beiden Seiten und aus der Mitte tönen die Fanfaren, brillant und makellos. Überhaupt das Blech samt der tiefen Wagnertuben – herrlich dunkel, rund und warm lässt es sich vernehmen.

Innerhalb des rundum mit exquisiter Textverständlichkeit aufwartenden Ensembles gefielen vor allem die Männer. Hans-Peter König als König Heinrich, Martin Gantner als Telramund und Markus Brück in der kleineren Rolle des Heerrufers: Sie alle begeistern mit großen, sonoren, schlanken Stimmen.

Die massiven Buhrufe, die am Ende verdattert das Team über sich ergehen lassen musste, das die zuvor bejubelte, erstklassige Phalanx aus Dresdner Staatsopernchor, Salzburger Bachchor und Chor des Landestheaters Salzburg einstudiert hatte, resultierten aus einem unglücklichen Missverständnis: Das Publikum hielt sie für das erst später in Erscheinung tretende Regieteam.

Wechselnde Orchester und Dirigenten ab 2023

Dass die Osterfestspiele auch künftig eine so begeisterte Aufnahme finden werden, erscheint fraglich. Aus der Geschichte des Festivals lassen sich so manche Lehren ziehen. Simon Rattle, der sie im letzten Abschnitt mit den Berliner Philharmonikern bis 2012 mitschrieb, war als Zugpferd zu schwach.

Dagegen brachte der beim österreichischen Publikum beliebte Christian Thielemann das Festival mit seiner künstlerischen Ausrichtung wieder auf Karajan-Niveau.

Ab 2023 sollen wechselnde Orchester und Dirigenten an der Salzach gastieren. Mit dem Gewandhausorchester Leipzig und seinem Chef Andris Nelsons, den geladenen ersten Aspiranten, dürfte es trotz Sängerstars schwer werden, das Publikum zu halten. Zwar stehen Jonas Kaufmann, Marlis Petersen und Elīna Garanča mit ihren Rollendebüts als Tannhäuser, Elisabeth und Venus zu erwarten.

Die aus der Bayerischen Staatsoper importierte Inszenierung von Romeo Castellucci, die Kritiker schon als „hochsubventionierten Murks“ einstuften, schreckt allerdings ab.

Zumal Salzburg große Konkurrenz von parallelen österlichen Richard Strauss- Tagen erwächst, die Christian Thielemann noch vor dem Auslaufen seines Vertrags in Dresden aus der Taufe hebt. Sein erstklassig besetztes Doppelpack von „Rosenkavalier“ und „Arabella“ in bewährten Inszenierungen lässt sich nicht toppen.

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