Ekkehard Maaß, hier bei einer Protestaktion vor der Russischen Botschaft in Berlin, 2019. Foto: Imago/Olaf Wagner
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Literaturkolumne "Flugschriften" Putins Kritiker seit Jahrzehnten

Er sang die Lieder des russischen Regimekritikers Bulat Okudshawa: Über Ekkehard Maaß und die osteuropäische Kulturszene in der DDR-Subkultur.

Auswendig kennt er die Lieder seiner Lieben. Wenn Ekkehard Maaß zur Gitarre singt, auf Russisch, Georgisch oder Deutsch, wird die innige Kenntnis der Texte und Melodien spürbar, die er vorträgt. Seit 1971 verbindet ihn eine Freundschaft mit Wolf Biermann, ab 1978, schon zu DDR-Zeiten, wurde Maaß unter Dissidenten als Interpret der Chansons des russischen Regimekritikers Bulat Okudshawa (1924 - 1997) bekannt.

Bereits damals wurde seine Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg zum Treffpunkt der DDR-Subkultur von Literaten und Künstlerinnen, eifrig beobachtet von der Stasi, die das Philosophiestudium von Ekkehard Maaß aktiv sabotierte.

Bis heute lädt der 1951 Geborene im unveränderten Ambiente zu Literatursalons, in denen Goethe, Heine oder Brecht als virtuelle Gäste anwesend sind.

Vor allem trifft sich hier jedoch die zeitgenössische Kulturszene Osteuropas, genauer gesagt: Kaukasiens, die südöstlichen Nachbarregion der Ukraine, zu der Georgien gehört, Südwestrussland, Tschetschenien und Aserbaidschan. Sie grenzt an das Asowsche Meer und das Schwarze Meer. Kaukasien gilt als „Wiege der Zivilisation und Berg der Sprachen“.

1996 gründete der Pfarrersohn Maaß, erschüttert vom Krieg gegen Tschetschenien, die Deutsch-Kaukasische Gesellschaft. Bald danach wissen auch tschetschenische Flüchtlinge, dass sie sich an ihn wenden können, als Mittler, Künstler, Übersetzer, Ermutiger und Freund.

Jetzt hat Ekkehard Maaß die zahlreichen, staunenswerten Etappen der Arbeit der Gesellschaft in einen Band gefasst, der aktueller kaum unterrichten könnte.

[Fluchtzeiten. Deutsch-Kaukasische Gesellschaft: Geschichte, Kultur, Religion, Politik, Flüchtlinge. Lukas Verlag, Berlin, 2022, 312 Seiten, 646 Abb., 25 €].

Detailliert dokumentiert der Band Proteste, Kundgebungen, Debatten, Aktionen und Reisen. Er präsentiert Gesichter, Geschichten, Lyrik, Musik, Essays, Reden, Artikel und viele hundert Fotografien von Akteuren, Postern, Landschaften. 1996, so erzählt Maaß, beeindruckten Wolf Biermann die polyphonen Chöre Georgiens in Tbilissi, doch die maroden Fassaden und Autowracks am Straßenrand fand er eher bedrückend.

Im September 2005 sprachen der tschetschenische Dichter Apti Bisultanov, Maaß und andere auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin über „Das System Putin“, was vor allem Insider interessierte. Im November desselben Jahres traf André Glucksmann im Salon von Maaß dessen langjährigen Freund, den legendären georgischen Autor Giwi Margwelaschwili.

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Wiederholt wird der Literatursalon zum Zentrum, den das Studio Babelsberg 2014 komplett als Kulisse für die Dokumentation über Sascha Anderson („Trilogie des Verrats“) übernommen hatte.

Alle sind willkommen, auch Flüchtlinge mit recht traditionellen Haltungen. Ihnen macht der Gastgeber so herzlich wie unmissverständlich klar: „Ich respektiere Eure Kultur, wenn ich bei Euch zu Besuch bin, hier müsst Ihr meine Regeln einhalten. Bei mir sitzen Frauen mit am Tisch.“

Das Buch würdigt auch alle jene, die schon lange vor Putins Kreml gewarnt haben

Und das wird angenommen. Maaß, der schon als DDR-Bürger wagemutige Reisen in entlegene Teile der UdSSR unternommen hatte, und zwischen den Sprachen wechselt wie zwischen Orgelregistern, kennt keine ethnischen Schranken.

Mit dem Kaukasien-Buch liegt ein Zeitdokument vor, aber auch ein leidenschaftlicher Rechenschaftsbericht, und ein Panorama der unermüdlichen Aktivität vieler, vieler, die vor Putins Kreml warnten, ehe andere aufgewacht sind. Mithin liefert der Band eine lebendige Form der Fortbildung für alle, die Wissen über die hierzulande, so sagt der Autor, „stiefmütterlich“ behandelte Kulturregion Kaukasien erwerben oder es vertiefen wollen.

„Putin wird sich vielleicht einmal vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal verantworten müssen“ schrieb Maaß kurz nach dem Mord an Tschetscheniens demokratisch gewähltem Präsidenten Aslan Maschadow am 13. März 2005 in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Das war fast genau siebzehn Jahre vor Russlands Überfall auf die Ukraine.

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