Blick auf die ausgegrabenen Ruinen der Felsenfestung Masada. Foto: Bernhard Schulz
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Israels Archäologie ist immer auch Politik Nützliche Helden

Jakob Hessing

Jodi Magness kratzt am Legendenglanz der Bergfestung Masada

In Israel hatte die Archäologie lange einen besonderen Status. Mit der Schoah verloren die überlebenden Juden ihre Heimat. Für viele von ihnen wurde der junge Staat zur einzigen Zuflucht, und um die altneue Heimat zu legitimieren, förderten zahlreiche Ausgrabungen seit der Staatsgründung die materiellen Beweise zutage, dass Juden schon immer in Palästina gelebt hatten.

Masada war das Prunkstück dieser Archäologie. Herodes hatte die Festung im Jahrhundert vor Christus auf einem Berg am Toten Meer angelegt; und dort – belagert von den Römern, die im Jahr 70 n. Chr., drei Jahre zuvor, Jerusalem erobert hatten – begingen die letzten jüdischen Verteidiger Massenselbstmord, um dem Feind nicht in die Hände zu fallen. So jedenfalls geht die Legende, und im israelischen Kollektivgedächtnis spielt Masada eine zwiespältige Rolle: einerseits als Ort nachweislich historischer Ereignisse, andererseits als Kern einer Mythologie, auf die der Staat Israel in seinen Gründerjahren nicht verzichten konnte.

Bei Yigal Yadin studiert

Das Buch der amerikanischen Archäologin Jodi Magness darüber ist schon deshalb lesenswert, weil sie trennscharf zwischen Fakten und Fiktion unterscheidet. Aber sie leistet noch mehr: Um Masada zieht sie konzentrische Kreise, in denen sich die beiden Jahrhunderte vor und nach Christi Geburt als Achsenzeit der Weltgeschichte erweisen.

Ihr Grundstudium absolvierte Magness in den 1970er Jahren an der Hebräischen Universität in Jerusalem, und das Kapitel über ihren ersten Lehrer gehört zu den interessantesten des Buches. Yigal Yadin war der berühmteste Archäologe Israels, er hatte die Ausgrabungen in Masada geleitet und war überdies ein ehemaliger Generalstabschef der israelischen Armee, die er von 1949 bis 1952, gleich nach der Staatsgründung, weitgehend aufgebaut hatte. Er war ein gewissenhafter Archäologe und zugleich ein überzeugter Zionist, in seiner Person verknüpften sich intellektuelle Aufrichtigkeit und eine ideologische Position.

Wissenschaft muss unbestechlich sein

Magness spricht mit Hochachtung von ihrem Lehrer – „Yadin war der faszinierendste Redner, den ich je gehört habe“ –, aber später hat sie eigene Ausgrabungen in Masada geleitet, und als Wissenschaftlerin bleibt sie unbestechlich. Israel ist keine belagerte Nation mehr, sondern selbst eine Besatzungsmacht, und spätestens um das Jahr 2000 herum hatte Masada seinen heroischen Nimbus eingebüßt. Ihr Buch erzählt die reale Geschichte der Festung, soweit sie sich heute rekonstruieren lässt, und gleichzeitig zeigt es, wie die Mythen entstanden sind, die sich um sie gebildet haben.

Wenn Masadas Verteidiger bis auf den letzten Mann Selbstmord begangen haben – mit Frauen und Kindern sollen es 967 Menschen gewesen sein –, woher wissen wir dann, dass es sich wirklich so abgespielt hat? Magness beschreibt die archäologischen Funde, die den Kampf belegen, der 72 oder 73 n. Chr. um die Festung geführt wurde – die Bauten auf dem Gipfel des Berges, die römischen Belagerungswerke an seinem Fuß –, und dann geht sie auf die Quelle ein, die uns über die Ereignisse unterrichtet.

Wie historisch ist der historische Bericht?

Nur ein einziger Autor hat sie festgehalten. Er war ein Jude, der als Josef ben Mathitjahu zur Welt gekommen war und in Galiläa gegen Rom gekämpft hatte, bevor er sich ergab und später nach Rom zog. Unter dem Namen Josephus Flavius schrieb er dort das Buch „Der jüdische Krieg“ – über einen Krieg, den er fanatischen Gruppen in Jerusalem anlastete. Für die Juden war Josephus ein Verräter, aber auch der unparteiische Leser muss seiner Darstellung mit Vorsicht gegenüberstehen.

Magness macht uns nicht nur bewusst, wie fragwürdig Josephus Flavius als historische Quelle ist, es wird auch klar, warum sonst niemand auf die Ereignisse in Masada eingeht. So ikonisch seine Bedeutung im modernen Israel auch sein mag – der Kampf um eine Bergfestung am Toten Meer bleibt im Rahmen der Weltgeschichte, die hier abläuft, kaum mehr als eine Fußnote. Indem Magness von Kapitel zu Kapitel den Blick auf die epochalen Umbrüche der Zeit ausweitet, rückt sie die Proportionen zurecht.

Verbeugung vor dem Imperator

Palästina war eine kleine römische Provinz, und im südlichen Mittelmeerraum hatte das aufsteigende Imperium mächtige Gegner überwunden. Ägyptens Königin Kleopatra, eine letzte Erbin des hellenistischen Reiches, und ihr Liebhaber Markus Antonius hatten den Machtkampf gegen Octavian verloren, der als Kaiser Augustus die römische Weltmacht begründete, und schon Herodes, der Bauherr von Masada, war ein Vasallenkönig von seinen Gnaden.

Siebzig Jahre später ist der jüdische Aufstand gegen diese Weltmacht zum Scheitern verurteilt. Vespasian – der Feldherr, der Palästina erobert hat – wird 69 n. Chr. zum römischen Kaiser gekrönt, und ihm huldigt Josephus Flavius mit seinem „Jüdischen Krieg“. Zur gleichen Zeit aber entsteht bereits der wahre Mythos des Jahrhunderts, der alles andere in den Schatten stellen wird: das Neue Testament mit der Geschichte Jesu.

Jodi Magness: Masada. Der Kampf der Juden gegen Rom. Aus dem Englischen von Thomas Bertram. WBG Theiss, Darmstadt 2020. 384 S. m. 55 farbigen u. 60 s/w Abb., 4 Karten, 36 €.

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