Als letzte Inszenierung läuft beim Theatertreffen „Das große Heft“ vom Staatsschauspiel Dresden mit Johannes Nussbaum. Foto: Sebastian Hoppe
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Laudatio auf Johannes Nussbaum Virtuos, berührbar und eine unglaubliche Präsenz

Franz Rogowski

Franz Rogowski ehrt seinen Kollegen Johannes Nussbaum, der den Alfred-Kerr-Darstellerpreis beim Berliner Theatertreffen gewinnt. Lesen Sie hier seine Laudatio.

Ein unglaubliches Spektrum: Johannes Nussbaum. 1995 in Niederösterreich geboren, spielte im „Tatort“, in „Fack ju Göhte 2“ und bei den Salzburger Festspielen in den „Persern“ des Aischylos. Beim Theatertreffen ist er in der Dresdner Inszenierung von „Das große Heft“ von Ulrich Rasche zu sehen. Dafür wurde er am Sonntag im Haus der Berliner Festspiele mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis 2019 ausgezeichnet. Die Auszeichnung ist mit 5000 Euro dotiert und wird von der Alfred-Kerr-Stiftung verliehen und vom Tagesspiegel unterstützt. In diesem Jahr hat der nach dem Theaterkritiker Alfred Kerr benannte Preis 25. Geburtstag. Juror war der Film- und Theaterschauspieler Franz Rogowski. Hier seine Laudatio:

Ich heiße Franz Rogowski, bin Schauspieler, der eine oder andere kennt mich schon, vielleicht von der Schaubühne oder vom Film , ich war die letzten zwei Jahre an den Kammerspielen in München. Ich bin einer der Lieblingsschauspieler von Dössel , das ist eine Intellektuelle aus Bayern , die schreibt sehr viel über Theater. Ich habe ganz verschiedene Arten von Theater gemacht, von der Straßenperformance mit Saxophon bis hin zum fast klassischen Theater. Ganz klassisch ist es nie geworden, deswegen eigene ich mich auch so gut, diesen zeitgenössischen Preis hier zu vergeben.

,,Im Theater ist nichts authentischer als so tun als ob“. Diese Gleichung ist bestechend und hat uns großes Theater beschert in den letzten Jahren. Es gab auch dieses Jahr viele starke Schauspieler und Schauspielerinnen auf der Bühne zu bewundern. Ich finde, wir können stolz darauf sein, noch so viele subventionierte Theater mit eigenen Ensembles zu haben.

Es wundert mich dabei nur ein bisschen , dass kein Raum auf der Bühne zu existieren scheint für ein ,,Nicht-Funktionieren“, für ein Scheitern. Anscheinend ist der Druck trotz der Subventionen ziemlich hoch. Ich meine damit keine Pantomime oder So-tun-als-ob, sondern einen richtigen Riss in der Oberfläche. Sozusagen ein totales Scheitern als subventionierte Kulturmaßname. Das ist doch eine unserer größten Qualitäten als Menschen, aber anscheinend möchte das im Moment niemand sehen. Vielleicht gibt es ja auch keinen Raum zum Scheitern.

Ich finde Scheitern so toll, weil man dann sich selbst verliert, dieses Konstrukt, dass man da vor sich herträgt davon, wie man jetzt so ist. Das kracht dann kurz zusammen, und es zeigt sich eine andere Gestalt, die da schlummert unter deiner Oberfläche.

Ich nenne ihn Mister X

Etwas anderes, das ich noch im Namen von Alfred Kerr kritisieren will, sind die stummen Räume, in denen dieses Theater stattgefunden hat . Die Bühne und die Mittel des Theaters sind zwar oft laut und technisch auf dem neusten Stand, scheinen aber fast ausschließlich dazu da zu sein, Szenenbilder, Symbole, Texttafeln, Vorhänge, Beamerleinwände, Scheinwerfer und so weiter hin und herzuschieben . Die Bühne dient dem Menschendrama wie ein Tablett dem Süppchen.

In mir ist eine große Sehnsucht gewesen nach Räumen, die eine eigene Würde haben. Räume mit einer eigenen Dimension von Zeit. Räume, die sich verändern können, wenn sie betreten werden, weil sie nicht von Anfang an betreten sind. Räume, die auch existieren, wenn das Menschendrama sie verlässt. Wenn die Theatermaschinerie dazu da ist, Menschen zu spiegeln und zu erweitern, dann ist der Kontext des Menschen auf der Bühne er selbst. Ein Mensch im Kontext von sich selbst. Stellt man sich mal vor, dass wir vielleicht alle ein bisschen egozentristisch sind und dass der Mittelpunkt von etwas überhaupt keinen inneren Raum hat, dann müssten wir uns doch ins Verhältnis setzen zu etwas anderem, um denken zu können. Wir müssten Räume schaffen zwischen uns und einem Etwas, wir müssten einen dreidimensionalen Kontext schaffen, in dem wir überhaupt stattfinden können.

Das Unglaubliche bei dem Schauspieler, den ich auszeichnen darf, ist, dass er die kalte Dusche des Scheitern gar nicht zu brauchen scheint, um seinen Mantel abzulegen. Er kommt schon halbnackt auf die Bühne. Er ist von Anfang an halbnackt, aber das ist nicht der Grund, warum er diesen Preis bekommt. Sein Herz liegt offen, ohne dass er daraus eine Show macht. Die schlummernde Gestalt der Welt hinter Figur und Bühnendekor, die war bei diesem Schauspieler immer anwesend.

Ich nenne ihn jetzt mal Mister X. Mister X hat schon als Neunjähriger in Mödling Theater gemacht. Direkt im Anschluss an sein Theaterdebüt wurde er für Film und Fernsehen entdeckt, hat auch schon Preise bekommen, ist hoch eingestiegen mit „Import/ Export“ von Ulrich Seidl. Danach kamen verschiedene Rollen im Film und Fernsehen, eine Matura in Deutsch, English und Sportkunde, ein Schauspielstudium in Berlin an der Hoch schule ErnstBusch (während dessen er ungefähr acht Filme gedreht hat, wie macht man das?).

Die Farben des Regenbogens

Jetzt spielt Mister X in Ulrich Rasches Dresdner Inszenierung von ,,Das große Heft", nach einem Roman von Agota Kristof. Getragen von archaischen Bässen, permanent ins Publikum starrend, verausgaben sich 16 junge Zwillinge auf ihrem maskulinen Marsch. Wer Rasches letzte Arbeiten kennt, kann sich vielleicht ein Bild machen. Mister X hat es geschafft, innerhalb all dieser Dämpfe von Testosteron und Form eine Transparenz zu behalten. Und mit Transparenz meine ich nicht, dass er nicht männlich wäre oder wild oder kraftvoll. Im Gegenteil, er ist halt nicht wie ein Pavian an der Rampe gestanden, sondern eher wie eine Raubkatze mit einem Thermometer in der Hand.

Mutig entließ sich Mister X ins Ungewisse, um die Temperatur zu messen. Und seine Brüder wurden nicht zu Statisten, wenn er anfing zu sprechen. Es hat fast so gewirkt, als würde er sprechen und gleichzeitig gesprochen. Als würde er seinen Marsch unendlich fortsetzen können. Und auf einmal gab es keine Drehbühne mehr, und er hat die Welt in Gang gesetzt mit seinen Schritten.

Johannes, ich weiß nicht, wie du das gemacht hast, vielleicht warst du einfach müde und deswegen so gut, oder du hattest keinen Bock. Du bist toll, du hast alle Farben, die der Regenbogen hat, und versuchst nicht der Regenbogen zu sein. Du bist wirklich eine Bereicherung für das Theater und den Film.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, dass du nicht verblödest, dass du dich nicht korrumpieren lässt, dass du die Menschen, die mit dir arbeiten wollen, aber auch von dir profitieren, nur so weit in dich reinlässt, dass du intakt bleiben kannst.

Ich freue mich auf alles, was da kommt mit dir und von dir. Ich danke dir, dass du ein Teil bist vom diesjährigen Theatertreffen. Du hast eine unglaubliche Präsenz auf der Bühne, ohne dich in den Vordergrund spielen zu müssen. Du bist virtuos und gleichzeitig berührbar. Du bist echt der Oberhammer.  Der Alfred Kerr Preis 2019 geht an Johannes Nussbaum.

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