Der Schreibsekretär von Joseph Schneevogl um 1835 Foto: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Foto: Daniel Lindner Joseph Schneevogl
© Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Foto: Daniel Lindner Joseph Schneevogl

Kunstgewerbemuseum zeigt Möbelkunst Natürlich schön

Therese Mausbach

Furnieren gilt als Königsdisziplin der Möbelkunst. Die Ausstellung "Inside Out" im Berliner Kunstgewerbemuseum am Kulturforum gewährt Einblicke.

Die massenhafte Produktion von Billigmöbeln lässt das Bewusstsein für hochwertige Einrichtungsgegenstände schwinden. Die Sonderausstellung „Inside Out – Einsichten der Möbelkunst“ im Kunstgewerbemuseum am Kulturforum will deshalb einem breiten Publikum den Zugang zu qualitätsvollen Holzmöbeln verschaffen, deren höchste Kunstform die Furniertechnik ist, so Achim Stiegel. Ebendieser Technik widmet der Kurator der Berliner Möbelsammlung vom 14. bis zum 16. Februar eine Tagung. In der Ausstellung wird die technische wie künstlerische Entwicklung der pergamentdünnen Holzverkleidungen erlebbar.

Im Zentrum steht ein klassizistischer Schreibsekretär des Kunsttischlers Joseph Schneevogl aus dem Jahr 1835. Er markiert den historischen Zenit der Furnierkunst. Die Leihgabe der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ist – statt als Ganzes präsentiert – in Einzelteile zerlegt. Seine komplexe Architektur prunkt mit kurvig geschwungenen Formen und raffinierten Schub- und Geheimfächern. Anhand seiner Konstruktion konnte Schneevogl in seinem Geschäft nahe dem Berliner Schloss die vielfältigen Funktions- und Gestaltungsmöglichkeiten seiner Kundschaft vorführen. Darunter: König Friedrich Wilhelm III, der für einen Schneevogl-Sekretär dreimal so viel ausgab wie für C. D. Friedrichs berühmtestes Bilderpaar.

Dass das Schreibmobiliar im persönlichen Besitz des Tischlermeisters blieb, belegen eine Barbierquittung sowie zwei Lesebrillen, die Schneevogl vergeblich gesucht haben muss – sie wurden im Boden des Möbels wiedergefunden.

Industrie vs. Handwerk

Ganz im Sinne der Ursprungsidee des Kunstgewerbemuseums als ein Lernort finden im Rahmen der Ausstellung mehrere Kooperationen mit handwerklichen Ausbildungsstätten statt. Der Studiengang Restaurierung der Potsdamer Fachhochschule präsentiert etwa die einzelnen Arbeitsschritte, die für die Rekonstruktion eines komplizierten Sockelteils des Schneevogl-Sekretärs nötig sind. Ebenso anschaulich wird dem Besucher die industrielle Herstellungsweise von 3D-Furnieren geboten. Mit dieser Technik der Firma Danzer konnten auch jüngere Designklassiker in Holz nachproduziert werden können.

Holzstuhl in Fischform. In Anlehnung an einen Rochen entwarf der dänische Designer Thomas Pedersen 2002 seinen Schaukelstuhl. Foto: Fredericia Furniture Vergrößern
Holzstuhl in Fischform. In Anlehnung an einen Rochen entwarf der dänische Designer Thomas Pedersen 2002 seinen Schaukelstuhl. © Fredericia Furniture

Dem Designerduo Charles und Ray Eames war zeitlebens nicht geglückt, was nun in der Ausstellung zu sehen ist: die Nachbildung ihres Glasfaser-Stuhls in furniertem Formsperrholz. In Konkurrenz zu den benachbarten Industrieprodukten beeindrucken die von Schülern der Berchtesgadener Schreinerschule angefertigten Aufbewahrungsgegenstände – eine Anspielung auf Schneevogls bayrische Heimat? Statt seiner Wehrpflicht während der Napoleonischen Kriege nachzukommen, flüchtete Schneevogl zu Schinkels bevorzugter Berliner Hoftischlerei von Christian Sewening. Nach seiner Lehre und der Heirat mit Sewenings Tochter führte er dessen Werkstatt fort.

Mahagoni als Kolonialprodukt

Besonders beeindruckend: die sieben Meter hohe Mahagonibohle, eine Leihgabe des Botanischen Museums in Dahlem, die den Auftakt zur Ausstellung bildet. Sie vermittelt ein Gefühl, wie mächtig die bis zu siebzig Meter hohen Urwaldriesen waren, die in den amerikanischen Tropen unter beschwerlichsten Bedingungen gefällt und schließlich nach Europa verschifft wurden.

Die Lithografie von 1850 aus Liverpool zeigt die beschwerliche Arbeit der Sklaven beim Fällen von Mahagonibäumen fällen. Foto: Privatbesitz Vergrößern
Die Lithografie von 1850 aus Liverpool zeigt die beschwerliche Arbeit der Sklaven beim Fällen von Mahagonibäumen fällen. © Privatbesitz

Ein Prolog schlüsselt die Kolonialgeschichte der begehrten Exoten auf und spannt den Bogen zum Herzstück der Ausstellung, dem in Mahagoni furnierten Sekretär Joseph Schneevogls, dessen pyramidenförmige Fladerung in einem braunrötlichen Ton verführt. Holz – vom spröden und widerspenstigen Urzustand bis zum polierten Überzug seinesgleichen.

Kunstgewerbemuseum, Kulturforum, bis 24. 2.; Di bis Fr 10 - 18 Uhr, Sa/So 11 - 18 Uhr.

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