Hoffnung auf politische Entspannung. Ein Kubanerin auf ihrem mit US- und Kuba-Flaggen geschmückten Balkon. Foto: AFP
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Kuba nach der US-Wahl Die neue Normalität auf der Karibikinsel

Michael Thoss

Verhaltene Freude über die US-Wahl, eine erstarkende Zivilgesellschaft und deutsches Theater. Kuba kommt vergleichbar glimpflich durch die Coronakrise.

Michael M. Thoss leitet das Verbindungsbüro des Goethe-Instituts in Havanna

Als „Western Union“ Anfang November auf Druck des Weißen Hauses seine 407 Filialen in Kuba schloss, startete ein findiger Exilkubaner seine eigene Internetplattform für den Transfer von Bitcoins. Innerhalb weniger Stunden erhielt er Dutzende von Anfragen von Landsleuten, welche die begehrte Kryptowährung in einheimische Pesos umtauschen und seiner Familie vorbeibringen wollten. Also Bitcoins statt „Western Union“? Dazu wird es so schnell nicht kommen, denn schon einen Tag nach Joe Bidens Wahlsieg versprach der Präsident des US-Finanzdienstleisters seinen kubanischen Kunden in einem Blog, alles für ihre „geliebten Wesen“ in Kuba zu tun, „die ihr Essen, ihre Miete und andere Ausgaben mit unseren Geldüberweisungen bezahlen müssen.“

So viel Mitgefühl aus der Finanzbranche begegnen Kubaner mit berechtigter Skepsis. Schließlich haben sich nahezu alle amerikanischen und europäischen Banken dem US-Embargo gegen Kuba angeschlossen, obwohl die Vereinten Nationen und die Europäische Union es als völkerrechtswidrig verurteilen. Seit 2017 erließ die Trump-Administration 120 neue Sanktionen, die sogar zu Coronazeiten die Lieferungen lebenswichtiger Medikamente und Beatmungsgeräte an kubanische Krankenhäuser unterbinden. Den verursachten Schaden der internationalen Blockade bezifferte der kubanische Außenminister vor der UNO für das letzte Jahr mit fünfeinhalb Milliarden Dollar.

Über den Wahlsieg Bidens und Vizepräsidentin Harris ist man in der Inselrepublik zwar erleichtert, gibt sich aber keiner Illusion hin. Der seit zwanzig Jahren auf Kuba lebende Harvard-Historiker Rainer Schultz teilt die Meinung des unabhängigen U.S.-Cuba Trade and Economic Council in New York, dass die Regierung Biden nicht einfach zu einer Diplomatie à la Obama zurückkehren wird: „Biden sagte in Miami, dass in Kuba heute genauso wenig Freiheit oder Demokratie herrschten als vor vier Jahren. Wenn er einen Blick in die sozialen Medien werfen würde, könnte er aber eine lebhafte Diskussion der kubanischen Zivilgesellschaft beobachten, die mittlerweile mehr als sechs Millionen Internetnutzer umfasst.“

Onlineplattformen prangern Missstände an

Tatsächlich gründen sich täglich neue WhatsApp-Gruppen, um die Versorgung mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln oder Medikamenten zu erschwinglichen Preisen zu organisieren, weil das Land gerade in die schlimmste Wirtschaftskrise seit den neunziger Jahren schlittert. In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen sind Onlineplattformen entstanden, die Missstände anprangern und Abhilfe schaffen: Das Frauennetzwerk „YoSiTeCreo“ („Ja Ich Glaube Dir“) machte die zunehmende häusliche Gewalt während des wochenlangen Lockdowns publik – vorher ein Tabuthema in den staatlichen Medien.

Auch die Reportagen des Online-Magazins „Periodismo de Barrio“ („Kiezjournalismus“) packen in kurzen Videoclips sensible gesellschaftliche und ökologische Themen an. Gleichzeitig ermutigen sie ihr Publikum zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe, stellen Künstlerinitiativen vor, die Abfall zu Kunstwerken recyceln oder baufällige Gebäude mit Graffiti in urbane Utopien verwandeln. „Kuba ist in vielen Bereichen derart zurück, dass wir in manchem schon wieder weit vorne liegen“, sagt Leire Fernández, Mitgründerin des bekannten Modekollektivs „Clandestina“. In deren neuem digitalen Showroom präsentieren und verkaufen kubanische Fashionlabels ihre neuen Kollektionen unter dem gemeinsamen Label „Calentamiento Global“ („Globale Erwärmung“), das strenge ethische und ökologische Kriterien befolgt.

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Für den kommenden Sommer planen sie eine Messe mit europäischen Modemarken, die sich ähnlichen Nachhaltigkeitszielen verpflichtet fühlen. Kreativer und künstlerischer Aktivismus ist der Motor einer neuen sozialen Bewegung in den kubanischen Netzwerken geworden, die Kubas Isolation überwinden wollen. Das versucht auch die Politik, deren wichtigste Devisenquellen versiegt sind.

Coronabedingter Verfremdungseffekt

Nachdem Anfang März die ersten Coronafälle bei italienischen Reisenden aufgetreten waren, verordnete die kubanische Regierung – nicht zuletzt aufgrund wachsender Kritik in den sozialen Netzwerken – die Schließung sämtlicher Flughäfen. Während der letzten acht Monate erkrankten lediglich rund 7000 Menschen. Gleichzeitig entwickelt die biotechnologische Unternehmensgruppe „BioCubaFarma“ gerade vier Impfstoffe gegen Covid-19. Aufgrund dieser günstigen Ausgangslage öffnet sich die Ferieninsel wieder schrittweise ausländischen Touristen, die in Hotels und Resorts notfalls auf geschulte Ärzteteams zurückgreifen können.

Diese „neue Normalität“ – so der offizielle Sprachgebrauch – hat mittlerweile auch das Kulturleben erfasst. Während des monatelangen Lockdowns in Havanna trainierten Leistungssportler, probten Musiker und Tänzer angesichts der beengten Wohnverhältnisse auf Balkonen, Dachböden und Terrassen. Jetzt laden Bühnen, Konzertsäle und Sportstätten wieder zum Besuch ein, allerdings unter strengen Sicherheitsauflagen. Den Startschuss gab am 6. November in Havanna eine „Woche des deutschen Theaters“, die das Goethe-Institut zum neunten Mal organisiert. In diesem Jahr leider ohne deutsche Gäste, aber mit rund dreißig Aufführungen und Podiumsdiskussionen im Programm.

Auf dem Spielplan stehen neue Stücke von Sybille Berg, Anja Hilling, Lutz Hübner und Sarah Nemitz, die gerade ins Spanische übersetzt wurden, aber auch eine Bühnenadaptation von Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“. Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ inszeniert Carlos Díaz als eine bitterböse Travestiekomödie. Bereits vor zehn Jahren hatte das Stück in Havanna Premiere, wurde mit fünf Theaterpreisen ausgezeichnet und erlebte mehr als hundert Vorstellungen u.a. in Miami und Washington D.C. Dieses Mal hat der Regisseur die Rollen sechs- bis achtmal besetzt, damit das gesamte Ensemble mitspielen kann. „Nach der mehrmonatigen Zwangspause musste ich einfach alle meine Schauspieler auf die Bühne bringen. Sonst wären einige durchgedreht“, sagt Carlos Diaz. Ein coronabedingter Verfremdungseffekt, der voll aufgeht.

Und natürlich darf auf Kuba ein deutscher Autor auf keinen Fall fehlen: Bertolt Brecht ist in der Theaterwoche mit seinem selten gespielten Lehrstück „Die Ausnahme und die Regel“ präsent, das die Klassenjustiz in den USA brandmarkt. Welche Aktualität Brecht bis heute auf der Karibikinsel hat, zeigte sich auch bei den ersten Gastspielen des Berliner Ensembles im vergangenen Jahr, als die Inszenierung von Michael Thalheimers „Der Kaukasische Kreidekreis“ mit den höchsten kubanischen Theaterpreisen ausgezeichnet wurde.

„Brecht war lange Zeit der am meisten gespielte und am heftigsten diskutierte Dramatiker bei uns. Doch bis heute hat die deutsche Bühnenkunst für uns seine einzigartige Vitalität bewahrt“, sagt der Schriftsteller und Stückeschreiber Reinaldo Montero, der das Theaterfestival mitkuratiert. Und was erwartet er von dem Machtwechsel im Weißen Haus? „Ein spanisches Sprichwort lautet: ’Ein Wechsel auf dem Thron erfreut nur die Dummen’. Aber immerhin kann es in Zukunft nicht schlimmer kommen als mit Trump.“

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