Juraj Valcuha, erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters Foto: Konzerthaus
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Konzerthausorchester Herbheit und ungläubiges Schauern

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Im Wind des Vergehenes: Das Konzerthaus eröffnet seine Saison mit Verdis Messa da Requiem und Juraj Valcuha am Pult.

Den neuen Chefdirigenten des Konzerthausorchesters sucht man bei der Saisoneröffnung am Gendarmenmarkt vergebens auf dem Podium. Christoph Eschenbach tritt erst 2019 an, unterdessen halten Iván Fischer, nun als Ehrendirigent, und der Erste Gastdirigent Juraj Valcuha gemeinsam die Stellung im Konzerthaus. Sebastian Nordmann gelingt dennoch ein Coup: Bevor sich mit Verdis Messa da Requiem die Gräber zum Jüngsten Gericht öffnen, kündigt der Intendant Zuwachs an. Unter der Freitreppe zum Schiller- Denkmal soll ein neuer Saal entstehen, mit Unterstützung des Bauunternehmers Klaus Groth, der diesen März seinen 80. Geburtstag im Konzerthaus feierte und die Errichtung einer Stiftung bekannt gab. Der variable Raum, früher Trafostation, soll zu Einführungen, Ausstellungen und Konzerten dienen und kann über einen separaten Eingang erreicht werden, selbst wenn das Haupthaus geschlossen ist. Zum 200. Konzerthaus-Geburtstag 2021 sollen sich die Türen erstmals öffnen.

Für Verdis Requiem gibt es Hilfe aus Italien

Kein Tag der Tränen also am Gendarmenmarkt, mag das „Dies Irae“ auch mit noch so stumpfen Hieben vom Unausweichlichen künden. Juraj Valcuha, der das Konzerthausorchester nach zwei Programmen im September auch auf Tournee im Baltikum leiten wird, hat sich für Verdis Requiem italienischer Hilfe versichert. Aus Venedig ist der Chor des Teatro La Fenice angereist, auch im Solistenquartett dominieren Sänger aus Verdis Heimat, wo der Slowake Valcuha selbst seit Jahren Chefposten bekleidet. Klangwelt und Arbeitsrealität sind dem 42-jährigen Maestro bestens vertraut. Ihm gelingt zunächst eine große Stille, bevor sich die ersten fahlen Töne erheben, wie herübergeweht aus einer anderen Welt. Valcuha beschönigt nichts, lässt Verdi, dem erklärten Kirchenkritiker und Opernfatalisten, all seine Herbheit, sein ungläubiges Erschauern. Der Fenice- Chor trägt als Theaterensemble mit sicheren Instinkten fern jener Überfeinerung seinen körnigen Anteil dazu bei. Die vernichtenden Attacken des „Dies Irae“ reitet Valcuha mit großer Übersicht und Gewandtheit, das Konzerthausorchester antwortet ihm mit weißer Glut.

Doch das eigentliche Drama spielt sich im Klangschatten ab, wo es ganz still wird, so still, dass die Angst hörbar ist, eine Angst, die das fortwährende Bitten um die ewige Ruhe nicht beenden kann. Hier müssten sich die Solisten verströmen, als hoffende Seelen im Wind des Vergehens. Dazu aber braucht es einen Ausdruck, der über einen säuerlich verknurrten Opernton hinausweist. Die Hauptlast liegt am Ende auf der Sopranistin, und Krassimira Stoyanova vermag sie kaum zu stemmen an diesem Abend. Kaum ist das „Libera me“ verklungen, klirren die Sektgläser auf der Freitreppe, und die italienischen Choristen preisen Ort und Bier mit Selfies, ein Spätsommer-Idyll. Beim Musikfest wird das Konzerthausorchester dann Dvoráks Requiem spielen, zu Gast in der Philharmonie.

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