Man sagte mir, dass "braune Kinder" nicht mitspielen dürfen

Bei Pippi Langstrumpf war früher vom "Negerkönig" die Rede. Der Verlag änderte das nachträglich in "Südseekönig". Foto: contrasto/laif
Koloniale Altlasten Rassismus in Kinderbüchern: Wörter sind Waffen

Und diese Erfahrungen mit Zuschreibungen und Ausgrenzungen machte ich auch schon in dem Alter, in dem ich „Pippi Langstrumpf“ und „Die kleine Hexe“ las. Als schwarzes Kind der Achtziger in der US-Besatzungszone aufgewachsen, waren sich die Leute so einig, dass ich ein „Besatzerkind“ sein müsse, dass ich es beinahe selbst glaubte. Man sagte mir, ich sei nicht das Kind meiner weißen Mutter, sondern sicher adoptiert. Mir wurde von anderen Kindern gesagt, dass „braune Kinder“ nicht mitspielen dürften, und beim Streit ums Spielzeug erklärt, dass ich ohnehin bald nach Afrika zurückmüsse, wo es überhaupt kein Spielzeug gebe. Bereits in frühen Jahren wurde mir eindeutig klargemacht, dass ich anders bin. Dass ich zu diesem „Wir“ nicht dazugehöre und dass das mit meiner Hautfarbe zu tun hat.

Meine Ausgabe von „Pippi Langstrumpf“ ist von 1986. Sie steht nach wie vor in meinem Bücherregal. Darin heißt es: „Sie glaubte, dass er auf einer Insel an Land geschwemmt worden war, wo viele Neger wohnten, und dass ihr Vater König über alle Neger geworden war und jeden Tag eine goldene Krone auf dem Kopf trug.“ Gerade lese ich oft, dass Kinder nicht so blöd sind, wie wir denken. Dass sie sehr wohl wüssten, was diese Begriffe bedeuten und dass sie „schlecht“ sind. Stimmt. Auch ich als schwarzes Kind wusste, was das bedeutet. Diese Textstelle bedeutet: Weiße herrschen über Schwarze. Schwarze Menschen sind weniger wert. Und ich bin schwarz. Wenn meine Kinder diese Bücher lesen können, ohne dass sie diese Erfahrung machen müssen, dann halte ich das für einen Fortschritt.

Es kann natürlich sein, dass Astrid Lindgren es nicht so gemeint hat. Dass das nicht das Weltbild ist, das sie vermitteln wollte. Es ändert nur leider nichts an unserem Problem. Die Worte tun ihre Wirkung, auch wenn sie nicht in böser Absicht ausgesprochen werden. Was hat denn das Kind davon, wenn die Intention der Autorin eine andere war? Das N-Wort, heißt es, sei außerdem „damals“ weniger rassistisch gewesen. Es war im allgemeinen Sprachgebrauch, erst heutzutage erhielt es seine abwertende Bedeutung. Das ist falsch. Es war so normal, dieses Wort zu benutzen, weil die abwertende Haltung gegenüber schwarzen Menschen vollkommen normal war. Das N-Wort war früher nicht weniger rassistisch. Rassismus war in Europa nur allgemein akzeptiert. Das ist er jetzt nicht mehr. Es gibt jetzt Menschen wie Mekonnen Mesghena von der Heinrich-Böll-Stiftung, die an Verlage schreiben und sich beschweren, wenn schwarzen Menschen verbale Gewalt angetan wird. Es gibt Institutionen und Zusammenschlüsse wie „Der braune Mob“ oder Bühnenwatch, die sich gegen Rassismus in Medien und Theatern stark machen. Die Veränderung kommt. Und es wird um mehr gehen als Theatermittel und Kinderbuchsprache.

Die Streichung rassistischer Begriffe ist nur der Anfang vom Frühjahrsputz. Raus mit den kolonialen Altlasten! Dazu muss man aber erst mal zugeben, dass Deutschland eine Kolonialgeschichte hat. Dass zu unserem kulturellen Erbe jahrhundertealte rassistische Muster gehören, durch die wir – auch schwarze Deutsche – geprägt und sozialisiert wurden. Es geht nicht um Zensur, es geht nicht um einen Eingriff in die Kunstfreiheit, es geht nicht darum, bestimmte Wörter zu verbieten. Wer darauf besteht, seinen Kindern rassistische Wörter vorzulesen, kann das immer noch tun, auch wenn mich dieses Anliegen gruselt. Es haben sich in den letzten Wochen so viele Bewahrer der deutschen Sprache zu Wort gemeldet, dass sich bestimmt jemand finden wird, der dafür sorgt, dass auch nicht die kleinste Kindheitserinnerung verloren geht. Aber wenn sich alle darin einig sind, dass die Begriffe in den diskutierten Büchern nicht rassistisch gemeint sind, warum sie dann nicht durch welche ersetzen, die tatsächlich nicht rassistisch sind?

Simone Dede Ayivi ist Theaterregisseurin und lebt in Berlin. Zuletzt inszenierte sie „Bloodshed in Divercity“ am Ballhaus Naunynstraße.

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