David Almonds Roman wurde in der Reihe "Die Bücher mit dem blauen Band" neu aufgelegt. Foto: Fischer
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Kinderbuch Ein Mädchen, das aus dem Nebel kam

Ulrich Karger
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Eine Geschichte von Tragik und Hoffnung, erzählt von David Almond.

Erin Law, January Carr und Mouse Gullane sind Freunde und leben gemeinsam in Whitegates, einem kleinen Waisenhaus. Für die Heimleiterin Maureen sind die zwölf Kinder in Whitegates allesamt „versehrt“. Sie würden es immer schwerer haben als andere Kinder. Dabei mögen sich die Kinder meistens und passen aufeinander auf, sodass sie nichts schrecken kann – selbst mit Maureens bohrenden Fragen im Stuhlkreis kommen sie klar. In den Augen der Kinder ist Maureen kaum weniger versehrt als sie, auch wenn die Gründe dafür ein Geheimnis sind.

Zudem ist Whitegates kein Gefängnis, es ist ganz leicht, daraus zu entkommen. Die meisten Kinder haben es schon gemacht, bis Hunger oder Regen sie wieder zurücktrieben. Diesmal aber schleichen Erin, January und Mouse zum Fluss in der Nähe des Heims, um sich mit einem selbst gebauten Floß von der Strömung in die Freiheit tragen zu lassen – und stranden in dichtem Nebel auf ölig stinkendem Schlamm. Jetzt gilt es, schnell das Floß aus dem Schlamm zu befreien, um es an anderer Stelle wieder zu Wasser zu lassen.

Doch da tritt aus dem Nebel Heaven Eyes hervor, ein Mädchen mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern und einer seltsamen Sprechweise. Hinter ihr steht Grampa, ein alter Mann, der die Kinder vertreiben will. Aber Heaven hält ihn zurück und lädt die Kinder in ihre Behausung ein. Die morsche Leiter hinauf zu einem verfallenen Kai, betreten sie bald eines der vielen baufälligen, längst verlassenen Lagerhäuser.

Kaum erträgliche Kinderschicksale

Der Roman „Heaven“ des vielfach preisgekrönten Autors David Almond wurde im Original bereits 2000 veröffentlicht. Nach der Ravensburger Ausgabe von 2001 („Eine Ecke vom Paradies“) liegt er nun in einer Neuübersetzung von Alexandra Ernst vor. Ihr gelingt eine eingängige Sprachregelung, deren Rhythmus den Leser bis zur letzten Zeile einfängt. Heavens bezaubernde Kindlichkeit unterstreicht sie kein Jota zu viel, wenn sie ihr kleine Silbenverdrehungen und Verdoppelungen wie „solche wunderschön Wunderschönen“ in den Mund legt.

Die Geschichte selbst ist eine Verdichtung kaum erträglicher Kinderschicksale, denen David Almond dennoch sehr glaubwürdig Silberstreifen der Hoffnung entgegenzustellen vermag. Mit Erin als Ich-Erzählerin findet er dafür sehr klare Worte, die nichts beschönigen. Einzig die von Anfang an in der Geschichte vorausgesetzte Solidarität der Kinder mit nur geringfügig angedeutetem Konfliktpotenzial untereinander unterläuft den üblichen Erwartungshorizont. Und genau daraus schlägt Almond wunderbare Funken, die dem Ganzen einen zeitlos märchenhaften Anstrich geben, für ein „so könnte“, „so sollte“ es sein.

Ein bittersüßes Happy End

Der Aufenthalt der drei aus Whitegates in dem Lagerhaus ist eingebettet in eine schaurige, gespenstische Atmosphäre, in der die Spannung immer stärker um die Frage kreist, was es mit Grampa und vor allem mit Heaven auf sich hat. Die Auflösung zum Schluss mündet in ein bittersüßes Happy End, das nicht kitschig überzieht, aber immerhin einigen Trost und Ermutigung spendet.

Tilman Spreckelsen hat jedenfalls einmal mehr Trüffelschwein-Qualitäten bewiesen, indem er als Herausgeber dieses Buch nun auch in seine ausgezeichnete Reihe „Bücher mit dem blauen Band“ aufgenommen hat.


David Almond: Heaven. Roman. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2017. 220 Seiten. 15 €. Ab 12 Jahren.

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