Die 1957 geborene Berliner Literaturkritikerin und Schriftstellerin Katharina Döbler. Foto: Hans Scherhaufer/Ullstein
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Katharina Döblers Roman "Dein ist das Reich" Braun in den Tropen

Der Roman zu Restitutions- und Rassismusdebatten: Katharina Döbler erzählt in „Dein ist das Reich“ die Geschichte ihrer Großeltern.

Im Bremer Überseemuseum warten 125 Schädel auf ihre Repatriierung nach Neuguinea. Sie stammen unter anderem aus einer Sammlung der Neuguinea-Compagnie, von Angestellten der dort vor dem Ersten Weltkrieg tätigen Missionen des Deutschen Reichs.

Die Erinnerung an die koloniale Vergangenheit Deutschlands, die unter Schutt und Schuld zweier Weltkriege lange aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt worden ist, wird erst allmählich wieder zutage befördert: durch Restitutionsbemühungen oder aktuelle Rassismus-Debatten, die auch so manchen Familiennebel heben.

Durch eine solche Vernebelung, deren Schwaden von Deutschland bis in die Missionsstationen im Norden Neuguineas, das einstmals so genannte Kaiser-Wilhelm-Land, und wieder zurückwabern, hat sich die 1957 geborene Literaturkritikerin und Autorin Katharina Döbler gekämpft.

Sie habe, begleitet sie ihren Roman „Dein ist das Reich“ (Claassen-Verlag, Berlin 2021.495 S., 25 €.), nie die Geschichte ihrer Großeltern schreiben wollen. Dennoch ist es ein Glück, dass sie diesem Vorsatz nicht gefolgt ist.

Es geht um deutsch-christlichen Messianismus

Denn was alles von der evangelischen Mission im mittelfränkischen Neuendettelsau ausging, damit in den Tropen die „Wilden“ auf eine höhere Kulturstufe gehoben werden, das birgt nicht nur Stoff für einen vielstimmigen, prallen und gleichzeitig beklemmenden Roman. Es vermittelt, zentriert auf vier Generationen von zwei Familien, eine Vorstellung des politisch grundierten deutsch-christlichen Messianismus.

An diesen erinnerten in der Kindheit der Autorin noch die „Nickneger“ in den Kirchen. Für jedes Zehnerl, das man für die Kinder in Biafra oder anderswo in die Kollekte warf, verbeugte er sich dankbar.

Was die Familien einte, die Reinhardts und Marchands, die Mohrs und Hensolts, war die Armut, egal ob im Einödhof, dem der Großvater väterlicherseits, Heiner Mohr, entstammte, oder in Reucha, wo man Weltkugeln herstellte.

Von dort brach die verwegene Linette Marchand nach dem Ersten Weltkrieg nach Amerika auf. „Vielleicht hätte sie dort bleiben sollen“, sinniert die Enkelin mit dieser Großmutter, die ihr im Bett mythische Geschichten über „ihre Papuas“ erzählte. Aus der „sesshaften Armut“ in der Provinz floh man aus Not oder weil man gebildet war.

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Ein Fluchtpunkt war die Diakonie Neuendettelsau, die junge Männer fürs aufstrebende Südseereich des Kaisers und das „Gottesreich“ rekrutierte. Heiner Mohr hatte sein Handwerkszeug dabei, Johann Hensolt folgte seinem Abenteurersinn. Gottesfürchtig waren sie beide.

Damit ihm in der Fremde nicht einsam würde, gab die Mission Heiner eine Frau mit, Marie Reinhardt, die Höheres im Sinn hatte und lieber ein Mann gewesen wäre: „Ein scharfer, bitterer Geist in einem allzu weichen Körper“. Doch sie fügt sich dem Willen Gottes in die gestiftete Ehe und folgt Heiner, dem Pflanzer, in ein Land, das die Deutschen bereits verloren haben.

Johann und Linette bringt das Liebesschicksal zusammen, er mit seiner tropischen „wilden Welt“ in der Brust, sie mit Amerika. Dass es im Leben des Großvaterhelden Johann ein Geheimnis gibt, das ihn bei der Mission hat in Ungnade fallen lassen, erfährt die Enkelin erst viel später: „Sie schwiegen über ihre Sünden, solange sie lebten. Auf der Nachseite ihres Herzens kreuzten sie die Finger: Möge ES nie, nie ans Licht kommen.“ Glaube und Bigotterie, verklemmte Sexualmoral, Rassismus und politische Verirrung hausen eng beieinander.

Frauen waren die "Unteroffiziere der Mission"

Ausgehend von Aufzeichnungen und Erzählungen ihrer Großeltern und Eltern, von Erinnerungen und minutiös beschriebenen Fotografien, die teilweise auch dokumentiert sind, rekonstruiert Döbler in vier großen Zeitabschnitten das Leben dieser beiden Paare.

Die Welt, in die sie kamen, war fremd, teilweise beschwerlich und gefährlich; Frauen fungierten hier als „die Unteroffiziere der Mission“. Die ehrgeizige und strenge Marie litt besonders unter ihrer Zweitklassigkeit. Obwohl Döbler auch ihre eigene Geschichte erzählt, insbesondere die ihrer Eltern, Johanna und Reinhardt, die mit weiteren Geschwistern auf dem Archipel geboren und 1933 in der berüchtigten NS-Heil- und Pflegeanstalt Neuendettelsau zurückgelassen worden waren, entwirft sie die Großeltern als Romanfiguren. Vieles, was diese erlebt haben, kann von ihr nur imaginiert werden.

Das betrifft äußere Ereignisse: koloniale Konkurrenzen, die Folgen des Ersten Weltkriegs in den ehemaligen Kolonien, das harte Leben der Mohrs, die Missionarstätigkeit Hensolts in Holländisch-Neuguinea. Vor allem aber betrifft es die Beziehungen zwischen den Missionaren und der schwarzen Bevölkerung.

Der Ingrimm der Enkelin, wenn mit paternalistischer Überheblichkeit über „die Papuas“ gesprochen wurde beim Sonntagskaffeekränzchen im Neuendettelsau der sechziger Jahre, löst sich in der Romanhandlung auf in eine komplizierte Gemengelage von Unterdrückung und gegenseitiger Abhängigkeit: „Was hält hier was“, setzt Döbler dies naturmetaphorisch ins Bild. „Alles wächst ineinander ohne Anfang und Ende, und jede Pflanze ist anders grün.“

Döblers Roman ist spannend komponiert

Die von den Missionaren verbreitete Glaubenslehre wiederum nutzen die Indigenen entweder als Möglichkeit persönlichen Fortkommens, bauen sie in ihre magischen Vorstellungen ein oder kehren sie einfach um: „Tuan Allah macht dir viele Geschenke. Wir wollen jetzt die Kräfte und die Gulden vom Tuan Allah", fordert der selbstberufene „neue Jesus“ Pamai von Johann.

Aber auch Johann und einige Mitbrüder versuchen, ihre Botschaft mit dem heidnischen „Anutu“ zu verschmelzen, wollen gegen die Amtskirche sogar eine „Volkskirche“ aufbauen. Die Magie beflügelt nicht nur die Papuas. Erhellend sind aber auch die Schuldzusammenhänge, die dazu führen, dass die Bewohner des „Gottesstaats“ ihre Hoffnungen auf den NS-Staat und die Rückgabe der Kolonien setzen.

Auch wenn die Familie viel dafür getan hat, diese Verstrickungen bis hin zu Parteimitgliedschaften zu verschleiern, war nicht nur Neuendettelsau „braun getüncht“. Die politische Ekelfarbe ergoss sich bis in die „glücklichen Tropen“, von denen später Großmutter Linette und die traumatisierte depressive Mutter der Autorin, Johanna, zeitlebens träumen werden.

Die Verlassenheit der Kinder im NS-Deutschland hing „wie ein dunkler Stern über uns allen“, beschreibt Döbler die Atmosphäre in ihrem nach wie vor mit der Diakonie verbandelten Elternhaus.

1945 endet das Missionskapitel auf dem Archipel, es sind die Japaner, die das Schiff torpedieren, mit dem Hensolt untergeht. Mit dem Tod des anderen Patriarchen, Heiner Mohr, löst sich die Familie auf. „Die Besten waren die, die nicht mehr lebten.“

Diese breit ausgelegte, spannend komponierte und sehr informiert auch den kolonial-missionarischen Kern deutscher Vergangenheit offenlegende Familiengeschichte entfaltet ihre Aura durch die Fähigkeit Döblers, sich in die unterschiedlichen Charaktere insbesondere der Großeltern hineinzudenken und ihnen eine Rede in den Mund zu legen, die sie zu unverwechselbaren literarischen Figuren macht.

Gleichzeitig gelingt es ihr, das nicht nur behauptete, sondern nachempfindbare Näheverhältnis auszubalancieren. Das war wohl erst durch den Tod der Mutter möglich. Keiner der Familie ist je wieder in Papua-Neuguinea gewesen. Der Roman aber suggeriert, die Verstorbenen würden mit den 125 Papua-Schädeln lieber dort begraben sein als in Deutschland.

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