Weltberühmter Debütant: John Williams am Dirigentenpult der Berliner Philharmoniker. Foto: Stephan Rabold
© Stephan Rabold

John Williams in Berlin Star Wars mit Philharmonikern

Kinolegende am Dirigentenpult: John Williams debütiert bei den Berliner Philharmonikern - mit 89 Jahren.

Es ist einer dieser großen Abende. Das Publikum in der Philharmonie erscheint neu gemischt, entdeckt das unbekannte Haus für sich und strahlt aus, was oft vermisst wird: freudige Aufregung. Grund dafür ist der älteste Debütant in der Geschichte der Berliner Philharmoniker. Mit 89 Jahren übernimmt John Williams den Taktstock, um seine Musik zu dirigieren, die vielen Millionen Menschen vertrauter ist als Bach, Beethoven oder Brahms. Nach dem Tod von Ennio Morricone ist Williams der Grandseigneur der Filmmusik, häufiger als er wurde nur Walt Disney für einen Oscar nominiert. Von „Star Wars“ bis „Harry Potter“ begeistert sein Werk Generationen, die sich nun bei drei ausverkauften Konzerten in der Philharmonie begegnen.

Viele im Saal erheben sich, als Williams langsam, aber zielsicher das Dirigentenpult ansteuert. Der Maestro aus Los Angeles ist bester Laune, salutiert leger und greift zum bereitliegenden Mikrofon. Großartige Stadt, dieses Berlin, ruft Williams und weiß auch warum: „Hier ist nicht nur Platz für Autos, ich habe auch Fußgänger und Radfahrer gesehen, Kinder können sich einfach so durch die Stadt bewegen.“ In ihren Augen erkenne er eine große Zukunft. Dabei klingt Williams beinahe so bewegt wie William Shatner nach seinem Minutenflug an die Grenze zum Weltall. Sollte die umkämpfte Berliner Verkehrswende je einen Soundtrack benötigen, Williams würde ihn aus tiefster Überzeugung liefern, am besten als Auftragswerk der Philharmoniker. Dann hätten sie neben der „Berliner Luft“ eine weitere Zugabe für ihre Waldbühnen-Konzerte parat.

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Mit großer Sicherheit springt ein Marsch dabei heraus, denn Märsche sind Williams’ großes Thema, und das Abendprogramm ist von Anfang bis Ende reich damit bestückt. Das Eröffnungswerk entstand nicht für einen Film, zeigt die Meisterschaft des Komponisten aber gerade deshalb exemplarisch: Die Hymne für die Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles entwirft ein von amerikanischer Idylle geprägtes Klangbild von Rechtschaffenheit und Einklang, das alsbald in einen Marsch einmündet, ein endloser Zug unter dem „Star-Spangled Banner“. Die Sowjetunion war damals nicht dabei, und der Kalte Krieg klang niemals gerechter. Dass Williams sehr wohl weiß, wie Avantgarde klingt, beweisen Auszüge aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“, irische Fiddler umarmt er in der Suite aus „In einem fernen Land“.

Für aufmarschierende Superhelden brauchen die Philharmoniker Superkräfte

Bevor Williams sich auf den Weg nach Berlin machte, hat er im vergangenen Jahr bereits ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern gegeben, mit einem Minutenauftritt für Anne-Sophie Mutter (in der Philharmonie sitzt sie im Publikum). Daraus sind eine CD und ein Video entstanden, die die Berliner Stückwahl beeinflusst: „Jaws“ nur in Wien, „Harry Potter“ nur in Berlin. Wenn es nach den jüngeren Zuhörer:innen gegangen wäre, hätte es noch viel mehr pottern dürfen, so bleiben „Hedwig’s Theme“ und das wunderbar quirlige Holzbläser-Arrangement von „Nimbus 2000“ wohltuende Ausnahmen vom salutierenden Marschieren. Obwohl es natürlich genial gemacht ist, wie im „Superman March“ elementarste Klangblöcke das Superheldenmotiv formen, eine Urgewalt wie in Strauss’ „Zarathustra“.

[Das ausverkaufte Konzert am heutigen Sonntag wird live um 19 Uhr in der Digital Concert Hall übertragen und ist zeitversetzt ab 20.03 Uhr im Radioprogramm von rbbKultur zu hören und danach 30 Tage in der Mediathek abrufbar.]

Zu spielen ist das alles andere als einfach. Präzision und vor allem durchschlagende Kraft ohne Ermüdungsbrüche sind absolutes Muss. Was allein Blechbläser und Pauken hier im Minutentakt abliefern müssen, würde ausreichen, um alle Bruckner-Symphonien aufzuführen. Selbst die Philharmoniker, deren Blech sich in einer Umbruchphase befindet, stoßen gelegentlich an ihre Grenzen, zumal das Sounddesign hier nicht durch die Hände von Toningenieuren geht. Williams fordert immer wieder nach von den Musiker:innen, die bereit sind, ihm alles zu geben. Denn für „Star Wars“ kann man gar nicht genug Energie mitbringen, vor allem, wenn man erkennen muss, dass man selbst Teil der dunklen Macht ist. Auch eine mögliche Beschreibung für das Kino. John Williams hat es viel größer gemacht als das Leben. Dafür wird er ausgiebig bejubelt.

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