Land alter Männer. Nora (Johanna Wokalek) verliert sich bei ihrer Suche nach einem passenden Lebensmodell. Foto: Film Kino Text
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Johanna Wokalek in „Freiheit“ Frau mit tausend Gesichtern

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Lebst Du schon? Johanna Wokalek spielt in dem Drama „Freiheit“ eine Mutter, die Hals über Kopf ihre Familie verlässt.

Dem Ende wohnt ein Anfang inne, der Anfang einer Trennung. Es ist eine nicht ganz unironische Umkehrung das Klassikers vom Mann, der noch mal kurz zum Zigarettenholen vor die Tür geht und nie zurückkehrt. Nur dass diesmal der Mann seine Frau bittet, ihm beim Spaziergang noch eine Schachtel Zigaretten mitzubringen – und sie die Flucht ergreift, ihr Leben mitsamt Ehemann, Kindern und Job in einer erfolgreichen Anwaltskanzlei zurücklässt. Der Fluss, der sich träge in der Eröffnungseinstellung von Jan Speckenbachs „Freiheit“ erstreckt, ist auch nicht der mythische Lethe, der den Menschen auf dem Weg in die Nachwelt ihre Erinnerungen nimmt. Es handelt sich um die Donau, die Nora auf ihrer Reise in eine ungewisse Zukunft überquert. Sie ist noch nicht bereit zu vergessen, aber anders als ihr bisheriges Leben soll es sich schon anfühlen.

Den Anfang einer Geschichte an ihr Ende zu setzen, ist ein probates Mittel der Mystery-Erzählung. In Drehbuchklassen lernt man den Trick vermutlich in den ersten Stunden – und vergisst ihn danach am besten gleich wieder. Billiger lässt sich ein Rätsel kaum konstruieren. Es braucht schon eine besondere Hauptdarstellerin, damit dieser dramaturgische Behelf nicht wie der hilflose Versuch aussieht, eine Geschichte interessanter zu machen.

Johanna Wokalek eine besondere Schauspielerin zu nennen, ist allerdings auch eine glatte Untertreibung. Leider hat der deutsche Film viel zu wenig interessante Frauenrollen im Angebot, darum spielt Wokalek meist Theater. Pech fürs Kino. Allein deswegen ist das Aufeinandertreffen von Johanna Wokalek und Jan Speckenbach eine glückliche Konstellation: eine kosmische Fügung sozusagen, inmitten der Tristesse des fernsehformatierten deutschen Förderkinos.

Wokaleks enigmatisches Gesicht ist das große Rätsel in „Freiheit“

Den Trick mit dem an den Schluss verlagerten Anfang hat Speckenbach schon in seinem Regiedebüt „Die Vermissten“ angewandt. In der modernen Rattenfängersage im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet setzte André Hennicke dem märchenhaften Surrealismus eine rastlose Körperlichkeit entgegen. Nora dagegen ist in „Freiheit“ gar nicht mehr zu greifen. Sie lässt sich von ihrer Intuition treiben, entzieht sich den Mitmenschen. Wokaleks Gesicht bleibt unergründlich: mal seltsam abwesend, wodurch ihre Mimik fast durchscheinend wirkt, zwischendurch melancholisch – und dann flackert in ihren Zügen immer wieder auch eine trotzige Härte auf. Sie versucht sich in unterschiedlichen Rollen, nicht mehr die verantwortungsvolle Mutter, nicht die treue Ehefrau. Aber keine will so recht passen.

Wokaleks enigmatisches Gesicht ist das große Rätsel in „Freiheit“, nicht die umgebaute Dramaturgie. Speckenbach tut gut daran, Nora nicht von vorne bis hinten durcherzählen zu wollen. Die zwei Handlungsstränge, zwischen denen der Film wechselt, liefern ohnehin fast schon zu viel an Kontext, um Gefahr zu laufen, Noras Handeln psychologisch zu motivieren. Letztlich gibt Speckenbach seiner Protagonistin Recht: Nora trägt ihre Geschichte notfalls auch allein. Während sie sich geografisch und emotional immer weiter von der Familie entfernt, lebt ihr Mann Philip (Hans-Jochen Wagner) zuhause in Berlin in Ungewissheit. Er tritt in einer Fernsehsendung auf, in der er seine Vermisstenmeldung publik macht.

Regisseur Speckenbach grenzt die Freiheit seiner Hauptfigur nie ein

Teenager-Tochter Lena (Rubina Labusch) versteht nicht, warum er der Mutter hinterhertrauert, die die Familie im Stich gelassen hat. Philip und Noras beste Freundin und Kollegin beginnen eine Affäre, die nirgendwohin führt, wie im Grunde der ganze Berlin-Plot. Philip vertritt vor Gericht einen Jugendlichen, der einen Geflüchteten krankenhausreif geprügelt hat. In seiner Geschichte geht es immer wieder auch um Rassismus, aber als Kontrastfolie zu Noras Suche wirkt es eher wie eine Behauptung.

Nora schlägt sich derweil bis nach Bratislava durch, wo sie die Slowakin Etela (Andrea Szabová) kennenlernt, die ihren Lebensunterhalt in einer Live-Sex-Show verdient, ansonsten aber ein normales Familienleben führt – nicht unähnlich dem, das Nora hinter sich gelassen hat. Dieses Rollenangebot ist neu für sie, aufregend, ein alternativer Entwurf zu ihrem früheren Leben. Sie verbringt Zeit in dunklen Clubs und Backstage mit den Sexarbeiterinnen. Schön daran ist, wie Speckenbach die Freiheiten, die Nora sich nimmt, nie eingrenzt – das tut er dafür unnötigerweise mit Philips Geschichte. Tilo Haukes Kamera tastet sich durch den Film, als bewege sich Nora in einer Geisterwelt. Immer wieder überlagern Doppelbilder die Wirklichkeit, versinkt die nackte Nora in einem phosphorisierenden Lichtmeer. Speckenbach hat lange an der Berliner Volksbühne als Video-Regisseur gearbeitet, er versteht den Körper auch als Projektionsfläche. Trotzdem setzt er Noras Freiheitsgefühl nie absolut, Nora bleibt in ihren Wahlidentitäten gefangen. Am Ende bleibt ein Gefühl von Ambivalenz.

Läuft im Filmkunst 66, fsk, Kulturbrauerei, Krokodil, Passage und Zukunft

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