Kann auch ein Klavier mit Macken mal toll sein, Herr Wollny?

Michael Wollny, Deutschlands erfolgreichster junger Jazzpianist. Foto: dpa/Jens Kalaene
Jazzpianist Michael Wollny im Interview „Das Klavier ist mein Avatar“

Muss man sich die allerersten Töne als Entscheidung vorstellen, oder ist dieses Wort schon übertrieben?

Eine Entscheidung würde es mit sich bringen, dass ich bewusst eine Richtung einschlage. Selbst diese ersten Sekunden sind aber ungeplant. Es ist nicht so, dass ich mir hinter der Bühne überlege: Ach, heute fange ich mal so an! Das hat viel mit Kinetik zu tun, mit der Energie, die ich im Körper spüre und auf das Instrument übertrage. Schon der Weg auf die Bühne spielt da eine Rolle, etwa, ob ich an einem Schlagzeug vorbei durch den Aufbau der Band danach durch muss.

Zu Anfang greifen Sie gern ins Saitengedärm, als würden Sie erst einmal die große Legokiste ausschütten.

So ein großes Glissando spannt die Leinwand auf. Der Griff in den Flügel hat aber immer etwas Unkonkretes. Da entsteht irgendein Klang, und ich kann zwar steuern, ob er aus der Tiefe kommt, aus der Fläche oder der einzelnen Saite, aber wie ich die Saiten erwische, hat etwas Zufälliges. Es geht darum, mich freizumachen, auch von einer bestimmten Tonart.

Warten Sie auf den Moment, in dem Sie sich selbst vergessen?

Wenn die Konzentration nicht von Anfang da war, kann ich sie tatsächlich noch herstellen. Ich muss immer wieder herausfinden: Worin besteht mein Verhältnis zum Körper des Instruments? Wie sende ich meine Signale? Das muss ich erst mal spüren, bevor ich bereit bin, in der Musik zu versinken. Es ist mysteriös. Es gibt Abende, da gehe ich auf die Bühne, und eine Stunde später stelle ich fest, dass es vorbei ist. Ich habe ein Gefühl dafür, ob ich das berühmte „Es spielt durch mich hindurch“ erreicht habe oder nicht.

Und wie weit bringt Sie die Mühsal der Konzentration?

Wenn ich gelegentlich mit allem unzufrieden bin, mit mir selbst, meinen Mitspielern, meinem Instrument und mit der Weltpolitik, dann komme ich manchmal gar nicht dazu, mir überflüssige Gedanken zu machen. Die zen-hafte Herausforderung besteht ja darin, während des Tages nicht schon zu sehr an den Abend zu denken. Man kann nicht sämtliche Antennen ausfahren und gleichzeitig bei sich bleiben.

Stellen Sie sich vor, beim Spielen mit dem Flügel zu verwachsen?

Dieses Bild trage ich durchaus in mir. Da gibt es einen Raum der Musik, und das Klavier ist mein Avatar. Die Verlässlichkeit dieser Beziehung ist über die Jahre gewachsen. Als Kind habe ich auch einige Jahre mit der Geige verbracht, aber da habe ich diese Verbindung nicht gespürt.

Mit dem Herzen des dunklen Romantikers. Michael Wollny. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Mit dem Herzen des dunklen Romantikers. Michael Wollny. © Kai-Uwe Heinrich

Wie sehr überraschen Sie sich beim Spielen denn noch selbst?

Ich bewege mich zumindest durch Szenen mit Details, die ich so noch nie wahrgenommen habe. Der beste Vergleich ist wohl der mit einer Sprache. Ich formuliere Dinge, die ich in dieser Weise noch nie auf den Punkt gebracht habe.

Wieviel Kontrolle ist dabei nötig?

Es gibt Momente, in denen ein Stück zu Ende geht, und für eine Sekunde stelle ich mich auf einen Turm, überblicke das Geschehen und frage mich, wie ich mich wieder in die Musik werfe. Kennen Sie Roald Dahls Geschichte „Der große automatische Grammatisator“? Es geht darin um eine Bücher schreibende Maschine. Sie sieht ein wenig aus wie eine Kirchenorgel mit ihren Registern, und tatsächlich erlaubt sie es dem Autor, Personen und Handlungsstränge grob zu beeinflussen. Man kann Einfluss auf Tempo, Pausen oder Höhepunkte nehmen. Das kenne ich auch vom freien Improvisieren. Man kann mit dem Grammatisator spielen, nur eben nicht im Befehlsmodus: Jetzt bitte den mixolydischen Modus in D, 120 beats per minute, und das Ganze im 7/8-Takt. Ich sage mir eher: Es braucht mehr Tempo oder mehr Statik, mehr Monochromes oder mehr Farben.

Sie schaffen Kontraste.

Ja, wir sehnen uns alle nach Resonanz. Die Konsonanz ist das, was uns glücklich macht. Wir können sie aber nur dann spüren, wenn sie nicht die ganze Zeit da ist und man sie sich über Umwege erkauft. Das Lebendige liegt im Wechsel der Aggregatszustände.

Ist ein top gestimmter Steinway D-274 in jedem Fall nützlicher als ein Klavier mit Macken?

Ja, denn ein Instrument, das schon von der Stimmung möglichst viel Resonanz bietet, ist wie ein perfekt ausgeleuchtetes Studio. Zugleich kann hin und wieder auch ein Instrument mit Fehlern Kreativität freisetzen. Es ist wie mit einer großen Leinwand und einem zerknüllten Blatt, das ich aus dem Papierkorb fische. Mit etwas Glück kann ich auch darauf etwas Wunderbares malen. Ich war einmal mit meinem Freund Heinz Sauer in Tadschikistan unterwegs. Der Saal war toll, aber sein Saxofon wurde mit einem Funkmikrofon abgenommen und lief völlig verzerrt über zwei Gitarrenverstärker. Beim Flügel gingen mindestens zehn Tasten nicht. Die Dämpfer waren kaputt, ich kämpfte mit einem völlig unberechenbaren Sustain, und es war unmöglich, etwas so zu spielen, wie es sein sollte. Aber aus dem Schock beim Soundcheck wurde ein Konzert, das wir beide in bester Erinnerung haben.

In welchen Momenten denken Sie: Diese musikalische Situation ist erschöpft, ich muss weiter?

Es gibt eine Art Atem, der mir sagt, wie lange ein bestimmter Bogen trägt. In einem dramaturgischen Sinn atme ich abwechselnd ein und aus. Je nach Material muss ich mal früher, mal später nach Luft schnappen.

Was bleibt hinterher von einer Stunde improvisierter Musik? Erschöpfung? Ein Hochgefühl? Vielleicht sogar eine Erinnerung?

Fetzen mancher Momente. Und ein Grundgefühl im Bauch.

Wir reden hier über Ihre Erfahrungen mit Musik. Was davon haben Sie in Ihren Alltag übernommen?

Vielleicht den Teil, wo es um gute Routinen geht. Wo man weiß, dass Tage mit einer bestimmten Verlässlichkeit ablaufen und dass daraus Freiheiten entstehen. Ich war bisher immer mit einem relativ glücklichen Fluss von Dingen konfrontiert, die einfach auf mich zukamen: Menschen, Orte, Lebensumstände. Ich komme gar nicht dazu, mir ein Ziel zu stecken und darauf hinzuarbeiten. Ich führe ein Leben am Strom. Ich bin nur nicht sicher, ob das auf Dauer gesund ist.

Das Gespräch führte Gregor Dotzauer.

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