Auch Daniel Brühls Regie-Debüt und Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Nebenan", mit Peter Kurth (l.) und ihm selbst in der Hauptrolle, entstand mit Medienboard-Geldern Foto: Reiner Bajo
© Reiner Bajo

Jahres- und Pandemiebilanz des Medienboards Trotz Krise wird in Berlin und Brandenburg tüchtig gedreht

Die Filmbranche hat es in der Krise nicht leicht. Zur Sommer-Berlinale zieht das MBB trotzdem positive Bilanz - auch wegen immer mehr Frauen auf dem Regiestuhl.

3500 Drehtage in nur acht Monaten seit den Lockerungen in Berlin und Brandenburg, das ist fast Normalniveau, sagt Medienboardchefin Kirsten Niehuus. Sonst sind es jährlich bis zu 5500. Bei der Jahres-, sprich: vorläufigen Pandemiebilanz des MBB betont sie die erstaunliche Resilienz der Filmbranche. Das digitale Pressegespräch findet anlässlich der Eröffnung der Sommer-Berlinale statt, auf der zwölf MBB-geförderte Filme zu sehen sind. Bei der Februar-Berlinale richtet das Medienboard mit seinem Empfang normalerweise eine der größten Partys des Festivals, aber pandemiebedingt ist bislang noch sehr wenig normal. Trotzdem, good, news: In Cannes ist das Medienboard im Juli mit fünf (Ko-)Produktionen vertreten, alleine vier davon im Wettbewerb um die Goldene Palme.

Die insgesamt positive Bilanz hat zum einen mit dem neuen Gemeinschaftsgefühl zu tun, etwa bei der Initiative „Wir sind ein Team“, die laut Filmcommission-Leiterin Christiane Krone-Raab kollektive Corona-Hygienemaßnahmen erarbeitete, oder bei der länderübergreifenden Verständigung abseits der sonst üblichen Förder-Rivalitäten.  

Und klar, es liegt auch an den staatlichen Hilfen, den schnell geflossenen Kinoprogrammpreis-Geldern, den MBB-Sondertöpfen in Höhe von 5 Millionen Euro. Nach kurzer Unterbrechung wurde und wird nicht nur tüchtig gedreht, von der vierten Staffel von „Berlin Babylon“ bis zu Bully Herbigs Relotius-Skandal-Verfilmung „1000 Zeilen“. Bisher musste auch kein Kino in der Region schließen. 

Nicht dass alles reibungslos ging beim Produzieren unter Corona-Bedingungen. Krone-Raab, zuständig für die Vermittlung zwischen Produzenten, Behörden und Location-Eigentümern, hatte zu kämpfen, mit Behörden im Lockdown und Corona-Maßnahmen, die von den Mobilitäts- und Veranstaltungseinschränkungen kurzerhand aufs Filmen übertragen wurden.  

Sport ist nicht erlaubt, das bedeutete, dass in keiner Sportstätte gedreht werden durfte. Tanzen und Singen war untersagt, also auch vor der Kamera. Fast schon skurril: Bis vor drei Wochen konnte keine einzige Szene im Zug oder auf einem Bahnhof entstehen. Der deutsche Film 2020/21 ist weitgehend bahnfahrtfrei.   

Kino, Fernsehen, Streaming-Content? Wie labelt man künftig Filme?

Gleichzeitig sind da viele Zukunftsfragen. „Wie labelt man künftig Filme?“, fragt Niehuus. Die alte Unterscheidung Kino und Fernsehen ist mit den Streamingplayern und dem Serienhype obsolet geworden, die Mediatheken der Öffentlich-Rechtlichen zählt sie explizit dazu. Immerhin passen sich die Förderer der Krise an und handhaben die Fördervoraussetzung eines Verleihvertrags, also einer Kinoauswertung bei Langfilmen derzeit flexibel.

So ging etwa Detlev Bucks Gangsterkömodie „Wir können nicht anders“ gleich als VoD an den Start, auch Dani Levys „Känguru Chroniken“ wanderte nach kurzem Startwochenende mit dem ersten Lockdown ins Netz.  

Die kniffligere Frage betrifft den Filmstau. Fast zwei Jahrgänge warten jetzt auf ihre Herausbringung.  Niehuus spricht von 300 bis 400 deutschen Filmen insgesamt.  

[Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Ein interessantes Krisen-Phänomen ist neben der weiter wachsenden Serienproduktion – ein Drittel des 26-Millionen-Euro-Medienboardbudgets geht in High-End-Serien – die deutliche Zunahme von Frauen auf dem Regiestuhl. Dazu zählen Julia von Heinz mit der „KadeWe“- und Sherry Hormann mit der „Torstraße 1“-Serie, Aelrun Goette mit „In einem Land, das es nicht mehr gibt“, Emily Atefs „Mister“ oder Nicolette Krebitz’ Komplizen-Film-Produktion „AEIOU“. Der höhere Bedarf gerade bei den Serien befördert offenbar die Gleichstellung, konstatiert Niehuus. Zumal Filmemacherinnen endlich auch Projekte mit höheren Budgets stemmen: Auch das Medienboard freut sich über die Preise für Maria Schraders Netflix-Serie „Unorthodox“ und über die Nachricht, dass Schrader mit der Verfilmung des Weinstein-Skandals ihre erste US-Regie übernimmt.  

Julia von Heinz, die mit "Und morgen die ganze Welt" 2020 im Wettbewerb von Venedig lief, dreht jetzt die Eventserie "KadeWe". Foto: dap/Gian Mattia D'alberto Vergrößern
Julia von Heinz, die mit "Und morgen die ganze Welt" 2020 im Wettbewerb von Venedig lief, dreht jetzt die Eventserie "KadeWe". © dap/Gian Mattia D'alberto

Berlin und Brandenburg wachsen mehr und mehr zusammen. Der Trend, bei Drehs in der Hauptstadt auch das Umland für Handlungsorte zu nutzen, steigt in Zeiten größerer Nachhaltigkeit und Skepsis gegenüber dem in Deutschland traditionellen Förderwanderzirkus. Auch für internationale Produktionen sind die Babelsberger Studios samt Umgebung attraktiv: Pablo Larrains „Spencer“ mit Kristen Stewart als Lady Di wurde komplett in Brandenburg gedreht. 

Europas erste virtuelle Filmbühne steht jetzt in Babelsberg

Bleibt als Riesenproblem der Fachkräftemangel vor allem bei den digitalen Dienstleistern. Her mit den Nerds, nicht zuletzt für das Studio Babelsberg, her mit neuen Ausbildungsberufen! Daniel Saltzwedel, der beim MBB für die Zukunftstechnologien zuständig ist, wirbt für Europas erstes „Virtual Production Stage“, eine Drehbühne, an der nicht mehr vor Green Screen, sondern vor Digitalfilmkulisse real gedreht werden kann. Als erstes wird sie für die Mystery-Netflixserie „1899“ genutzt, dem neuen Projekt der „Dark“-Macher, voraussichtlich ein Jahr lang.  

Apropos Serien. Ein wenig Unbehagen löst es schon aus, dass mit ihnen die Verbandelung weiter steigt. Die als geldgebende Partner am Medienboard beteiligten Sender wie RBB, ZDF oder Sky fördern selbstredend auch in die eigene Tasche. Seit Jahrzehnten ist das auch bei anderen Förderanstalten üblich – was das Unbehagen angesichts wechselseitiger Abhängigkeiten aber nicht schmälert.

Zur Startseite