Die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf. Sie wurde 1958 in Ahrensburg geboren. Foto: Gene Glover/Verlag
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"Jahre später" von Angelika Klüssendorf In den dunklen Winkeln der Seele

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Das Mädchen, seine Gespenster und Frank Schirrmacher: Angelika Klüssendorfs autobiografisch grundierter Eheroman „Jahre später“.

Es fliegt Scheiße durch die Luft – und eine Frau weiß, dass sie nun über ihr eigenes Leben schreiben und mit dieser Szene beginnen wird. So beendet Angelika Klüssendorf ihren neuen Roman „Jahre später“ – was sich nicht zuletzt einem apathisch in der Ecke liegenden Hund verdankt. Ein Knochen steckt diesem nur halb verschluckt in der Kehle. Klüssendorfs Heldin April geht mit dem Hund zum Tierarzt, der den Knochen entfernt und noch ein Hundeleben verspricht. Für April ein Moment, „da spürt sie eine Verbindung mit sich und dem Leben“. Als sie mit dem Tier nach Hause zurückkehrt, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Zum Beispiel an den Blinddarm, den sie sich hat herausnehmen lassen, obwohl sie gar keine Schmerzen hatte, ihren „Lügenblinddarm“. Oder eben an das Mädchen, das aus dem Fenster einer Wohnung braune Batzen wirft:  „Scheiße fliegt durch die Luft.“

Genau mit diesem Satz hatte es auch einmal angefangen – in Angelika Klüssendorfs 2011 veröffentlichtem Roman „Das Mädchen“, dem Auftakt einer stark autobiografisch grundierten Trilogie, die nun mit dem Band „Jahre später“ ihren Abschluss findet. Klüssendorf, die 1958 in Ahrensburg, Schleswig Holstein, geboren wurde und von 1961 bis 1985 in Leipzig lebte, erzählt darin vom Werdegang einer Heranwachsenden und von deren vermeintlichem Reifeprozess. Von einem Mädchen mit einer hässlichen, verkorkst-verwahrlosten Kindheit. Der Vater ist Alkoholiker, die Mutter alles andere als fürsorglich, die Tochter landet im Heim. 

Der zweite Teil handelt von einer jungen Frau, die sich den Namen April gibt, so auch der Titel dieses zweiten Romans, nach einem Song von Deep Purple. April wird deutsch ausgesprochen, von wegen des vielseitigen Wetters: als Ausdruck ihres wetterwendischen Charakters, ihrer komplizierten Psyche. Im Roman wird sie als Borderlinerin identifiziert, als Hysterikerin, als kindlich noch im höheren Alter, als narzisstisch und als „antisoziale Persönlichkeit“.

Der Verleger schlug vor, sie solle über ihr Leben schreiben

Dieser zweite Roman schloss mit der Ausreise in die Bundesrepublik. April schlägt sich als Putzfrau durch und beginnt zu schreiben – so wie ihr schon als Mädchen die Literatur als Ausweg aus den miesen Lebensverhältnissen erschien. Sie verschlang Alexandre Dumas’ „Graf von Monte Christo“ in der Bücherei, später folgte die Lektüre von Balzac, Zola und Hemingway, von deren Geschichten sie sich erschüttert zeigte und deren Romanfiguren sie „voller Zärtlichkeit“ liebte.

Man muss Klüssendorfs Trilogie gleichermaßen als Entwicklungs- wie Künstlerinnenroman verstehen, mit „Jahre später“ als zumindest in dieser Hinsicht krönendem Abschluss. Darin ist viel auch vom Schreiben die Rede. Eins von Aprils Büchern ist gerade erschienen und hat gute Kritiken bekommen. Ein Erfolg, der sie aber misstrauisch, sich ihres Borderline-Charakters abermals bewusst werden lässt, denn „irgendwann kommt die wahre April wieder zum Vorschein, hässlich und heimatlos“. Oder sie schreibt: „Was ihr im Leben nicht gelingt, gelingt ihr auch im Schreiben nicht: die genauen Worte zu finden, für das, was sie zu wissen glaubt“. Dabei hatte ihr Verleger gerade erst vorgeschlagen, sie solle über ihr Leben schreiben. Nur: „Sie hat Angst, die Räume zu betreten, in denen die Gespenster lauern“.

Eins dieser Gespenster, mit dem sie sich nun aber doch erfolgreich auseinandersetzt nach den Eltern und den Freunden aus den Bänden zuvor, ist in „Jahre später“ der Mann, mit dem sie viele Jahre verheiratet war.  Ludwig heißt er, ein erfolgreicher, machtbewusster Chirurg, der irgendwann Chefarzt wird. April lernt ihn kurz vor dem Mauerfall bei einer Lesung auf der Hamburger Reeperbahn kennen, von Klüssendorf so beschrieben: „Weit auseinanderliegende Augen in einem Kindergesicht – er sieht einfach nicht weg.“

Klüssendorf war mit Frank Schirrmacher verheiratet

Wer Angelika Klüssendorfs Lebensgeschichte kennt, weiß, dass sie lange Jahre mit dem 2014 verstorbenen „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher verheiratet war, dass sie einen Sohn aus dieser Ehe hat und dass Schirrmacher das Vorbild aus dem wirklichen Leben für Aprils Ehemann Ludwig ist. Natürlich soll „Jahre später“ vor allem Fiktion sein, und natürlich ist Klüssendorf eine etablierte Schriftstellerin, die es beispielsweise mit „Das Mädchen“ und „April“ jeweils auf die Shortlist des Buchpreises geschafft hat. Trotzdem dürfte die große öffentliche Aufmerksamkeit für Klüssendorfs Roman allein schon in dieser Woche (von Denis Schecks Büchersendung „Druckfrisch“ , über den „Spiegel“ bis zur 3-Sat-„Kulturzeit“) sicher mit der Schirrmacher-Verbindung zu tun haben.

Es fällt aber auch schwer, explizit nicht an Frank Schirrmacher zu denken, selbst wenn man ihn nur oberflächlich kannte, als mediale Figur. Schon als April und Ludwig sich kennenlernen und feststellen, dass sie beide Fans von Samuel Beckett sind, brüstet der Chirurg sich damit, jederzeit ein Treffen mit Beckett arrangieren zu können, er habe ihn gerade erst besucht. Klar, die Ärzteschaft, immer kulturell höchst interessiert. Oder später, da ist Klüssendorfs Paar mitten im Ehealltag:  „Er will – scheiß drauf – am Computer sitzen, Mezzo Mix trinken, Zigaretten rauchen und seine Feinde vom Himmel holen“. Oder: „Ludwig kann Feuer entfachen, aber nicht am Brennen halten.“ Und: „Ludwigs sprunghafter Charakter verunsichert April nach wie vor. Wenn sein Pieper ertönt, muss er los, völlig klar – aber sie versteht nicht, warum er plötzlich ihre Pläne vom Vortag über den Haufen wirft.“

Man kann „Jahre später“ als Schlüsselroman lesen, bei aller Mühe, die Klüssendorf sich mit der Fiktionalisierung gegeben hat. Dabei hat man heutzutage ja sowieso genug Erfahrung mit all den Romanmemoirs von Karl Ove Knausgard, Peter Kurzeck oder Andreas Maier, einer Ich-Literatur, in der das Autobiografische nahegelegt wird, das Ich sich jedoch trotzdem seine fiktive Freiheit vorbehält. Warum hat Angelika Klüssendorf eigentlich nicht von Beginn an ich gesagt? Und: Wer interessiert sich außerhalb des Kulturbetriebs schon für Schirrmacher?

April findet die Rettung in der Literatur

Als Eheroman lässt sich „Jahre später“ genauso problemlos ohne die Schirrmacher-Assoziation lesen, als Roman, in dem eine psychisch deformierte Frau, eine nach wie vor antisoziale Persönlichkeit, auf einen gewinnend-überschwänglichen, unsteten und vor allem narzisstischen Mann und passionierten Krieger trifft. Zumal April überdies viel um sich selbst kreist und sie sich in Ludwig spiegelt. Sie ist kein anderer Mensch geworden, ihre Dämonen schlummern weiter in ihr, häufig hält sie Zwiesprache mit Faye Dunaway alias Laura Mars oder Riff Raff aus der Rocky Horror Picture Show. Als „beschädigten Menschen“ bezeichnet sie sich und arbeitet intensiv daran, diese Beschädigungen anzunehmen, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Naturgemäß streift sie dabei „durch die versteckten Winkel ihrer Kindheit“ und erkennt, dass sich hier Muster wiederholen. Zum Beispiel bei der Schwierigkeit, tragfähige Beziehungen zu den eigenen Kindern aufzubauen. Fast erleichtert ist April, als ihr älterer Sohn Julius zum Vater ziehen will.

Klüssendorfs durchweg im Präsens gehaltene Prosa besticht durch ihre Genauigkeit, ihre Nüchternheit. Sie vermag es, das Leben gerade der beiden Hauptfigruen des Romans in seiner ganzen Widersprüchlichkeit auch psychologisch detailliert wiederzugeben. Klüssendorf schreibt viele kurze Sätze, und überhaupt findet sich das Vorbild für diese Art des Schreibens bei Agota Kristof. Deren Roman „Das große Heft“ bekommt April von einem befreundeten Literaturkritiker geschenkt und liest ihn gleich mehrmals.

„Jahre später“ ist so die konsequente Fortsetzung von „Das Mädchen“ und „April“. Dieser dritte Teil fällt etwas ab, weil das gesellschaftliche Ambiente, zuvor das eines grauen, düsteren Landes, sich hier nicht entfaltet. Nur schwer lässt sich aus „Jahre später“ als Surplus eine Geschichte Deutschlands nach der Wiedervereinigung herauslesen. Dafür wird der Roman zu sehr von dieser problematischen Ehe bestimmt. Sie mündet in einen Scheidungskrieg, in dem es um verschwundene Unterlagen und den gemeinsamen Sohn geht, vor allem geführt von einem Mann, der kein Problem damit hat, was er seinen Feinden antut, auch seinen Freunden anzutun, „er muss sie nur zu seinen Feinden erklären“.

April aber übersteht das. Sie hat viel Schlimmeres überstanden – und schließlich die Rettung in der Literatur gefunden, im Schreiben.

Angelika Klüssendorf: Jahre später. Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018. 157 Seiten, 17 €.

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