Zoe Wees Foto: Megan Courtis
© Megan Courtis

Interview mit Zoe Wees „Musik ist immer ein Ausweg“

Aida Baghernejad

Vor zwei Jahren veröffentliche die Hamburger Sängerin Zoe Wees ihren ersten Song. Heute hat sie Fans in Großbritannien und den USA. Ein Gespräch über Ruhm, Energie und Heimat.

Zoe Wees, vor zwei Jahren veröffentlichten Sie Ihre Debütsingle, nun sind sie das erste Mal auf Tour. Sind Sie aufgeregt?

Natürlich bin ich aufgeregt, auf jeden Fall. Aber ich denke tatsächlich noch gar nicht so viel drüber nach, das macht mich nämlich nur verrückt. Ich mache einfach meine Vorbereitung und wenn’s dann so weit ist, dann wird es erst richtig ernst.

Vor rund drei Wochen erschien gerade erst Ihre Single, „Lonely“.

Der Song ist tatsächlich ziemlich neu und frisch. Ich war Anfang des Jahres krank und habe deswegen nicht viel gemacht. Als ich dann wieder im Studio war, ist es einfach passiert und wir haben den Song geschrieben.

Der Text auf „Lonely“ ist traurig und herzzerreißend: Sie sprechen über die Schattenseiten des Erfolgs, über Menschen, die in Ihnen nur noch Dollarzeichen sehen, darüber, nie so richtig sicher zu sein, ob Sie jemand liebt oder es Ihnen nur vorspielt.

Natürlich schreibe ich alle meine Songs aus eigener Erfahrung, sonst kann ich sie leider nicht fühlen. Besonders die Zeit nach „Girls Like Us“, das war schon alles sehr intensiv für mich. Auch, weil ich die ganze Zeit andere Menschen um mich herum hatte, immer mehr und immer mehr. Ich wusste nicht, wer die sind und ich wusste nicht, was sie wollen. Man weiß nie, was eine Person von dir möchte. Es hat wehgetan, dass so viele Leute auf einmal so viel Kontakt zu mir gesucht und bekommen haben und ich gar nicht wusste, wer sie alle sind. Sie waren vorher nie in meinem Leben, warum sind sie es jetzt?

Wie sind Sie damit umgegangen, haben Sie die Menschen dann wieder aus Ihrem Leben verbannt?

Ich habe meine Energie in Menschen investiert, von denen ich wusste, dass sie schon vorher da waren und immer da sein werden, wenn ich sie brauche. Auch Leute, die mit mir arbeiten oder Freund*innen, ich habe tatsächlich angefangen um mich herum jeden zu ignorieren, der mich nicht interessiert. Das war wirklich das Einzige, was funktioniert. Ich habe genau drei richtige Freund*innen, bei denen ich sagen kann: Sie bleiben immer da und ich tu alles, um sie glücklich zu machen. Auf die habe ich mich konzentriert. Das Wichtigste ist Zeit und Energie: wenn du Zeit hast und keine Energie, funktioniert das Leben nicht, aber wenn du Energie hast und keine Zeit, auch nicht. Also musst du die richtige Energie zur richtigen Zeit in die richtigen Menschen investieren.

In den letzten zwei Jahren sind Sie in Großbritannien und den USA aufgetreten. Wie steckt man so einen schnellen Aufstieg weg?

Das hat sich nicht so schnell angefühlt. Zwei Jahre sind ja trotzdem eine lange Zeit. Natürlich ist verrückt, was alles passiert ist, aber für mich hat sich das tatsächlich nicht so schnell angefühlt. Aber ich lebe. Ich denke, ich hab’s irgendwie überstanden.

Auf der ganzen Welt scheinen sich Menschen mit Ihren Stücken identifizieren zu können, woher kommt das?

Erstens weiß ich, dass wenn ich etwas durchmache, bessere Tage kommen und dass viele Menschen auf der Welt genau das gleiche spüren und durchleben müssen. Und weil ich über Sachen schreibe, die persönlich ist – damit können sich Menschen identifizieren.

Für Künstler*innen aus Deutschland ist es nicht leicht, international wahrgenommen zu werden und plötzlich bei den Late-Night-Hosts James Corden und Jimmy Fallon oder den American Music Awards aufzutreten, wie Sie im letzten Jahr.

Das war Dope! Ich kann nicht sagen, wie das passieren konnte. Aber ich bin auf jeden Fall gesegnet und ich weiß das. Ich schätze es und ich bin sehr dankbar dafür, dass ich so etwas machen durfte.

Nach all diesen Erfahrungen – wie blicken Sie zurück auf Hamburg und Deutschland, auf dieses Konzept der „Heimat“?

Ich sage mal so: Als ich in den USA und in England war, habe ich mich dort mehr zuhause gefühlt als hier. Aber ich wusste, dass ich hier in Deutschland großgeworden bin und es immer mein Zuhause sein wird. Vor allem, weil mein Zuhause nicht da ist, wo ich wohne, sondern die Menschen. Und meine Mutter, meine Familie und meine besten Freund*innen wohnen hier. Und so wie es aussieht, bleiben die auch erst einmal hier. Deswegen wird es hier immer mein Zuhause bleiben, auch wenn ich mich hier nicht so wohl fühle wie dort drüben.

Warum haben Sie im Ausland dieses Gefühl von „Zuhause“ stärker gespürt?

Die Menschen sind tatsächlich ein bisschen anders. Ich kam in England am Flughafen an und habe direkt Komplimente für meine bunten Haare erhalten. In Hamburg werde ich dafür schief angeschaut. Wenn ich grüne Haare habe, eine rote Jacke und eine gelbe Hose – in Deutschland würde niemand zu mir kommen und sagen: Du siehst super aus. In England sagten Leute, uh, ich mag deine Hose, ich liebe deine Frisur. Die Leute sind dort einfach etwas offener, was Farben angeht. Ich bin hier auch gar nicht so richtig inspiriert, ich laufe durch die Straßen und ich sehe nur schwarze Kleidung, graue Kleidung, weiße Kleidung. Das gibt mir nichts, das inspiriert mich nicht.

Ist Musik für Sie eine Form von Empowerment?

Musik ist für mich eine Lebenskraft, Musik heilt, Musik ist immer ein Ausweg. Wenn du dem Alltag entfliehen willst, zieh einfach deine Kopfhörer auf und du bist in einer ganz anderen Welt.

Musik zu machen, war das so ein Ausweg für Sie, wie Sie ihn schildern?

Auf jeden Fall. Wenn ich Musik schreibe im Studio, dann bin ich an einem Ort, wo mich niemals jemand für die Sachen, die ich fühle, verurteilen wird. Und ich schreibe Songs zusammen mit Leuten, die ich liebe, die das gleiche lieben.

Gab es einen Moment, wo Ihnen klar geworden ist: mein Leben ist nicht mehr so wie es vorher mal war?

Jedes Mal, wenn mich Leute auf der Straße ansprechen! Wenn ich jetzt rausgehe, vor allem mit grünen Haaren, werde ich angeguckt und kann nicht mehr tun, was ich will, ohne dass Leute dich kennen und auf dich zukommen. Aber zum größten Teil ist das cool.

[Zoe Wees, 2002 in Hamburg geboren, wurde bekannt mit Coverversionen von Songs von Lewis Capaldi, James Bay oder Leonard Cohen, die sie bei TikTok und auf Instagram veröffentlichte. Im März 2020 brachte Wees ihre Debütsingle "Control" heraus, die sich unter anderem in den deutschen, österreichischen, belgischen und italienischen Charts platzieren konnte. Am Samstag, 9. April 2022, tritt die Sängerin im Berliner Metropol auf (19 Uhr).]

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