Von Goekhan Erdgan stammen die unbetitelten "Steine" aus Papier, Leim und Wachs Foto: Haus des Papiers
© Haus des Papiers

Im Haus des Papiers Eidingers Taschentuch

Gabriela Walde

Das private Berliner Museum für Papierkunst ergänzt seine Ausstellung um neue skulpturale Arbeiten.

Die Szene muss filmreif gewesen sein. Das steht Lars Eidinger mit einer Box in der Hand, öffnet sie ganz, ganz langsam. Sein typisches Eidinger-Grinsen in diesem Moment können wir uns gut vorstellen. Im Karton steht ein Desserttellerchen, darauf: ein zerknülltes Papiertaschentuch, gelblich in der Mitte. Eidingers Beitrag für die Ausstellung „Papier im Raum“ des Hauses des Papiers, das es nun knapp ein Jahr gibt. Ein Museum mit kleiner Galerie, in dem sich alles um das Medium Papier dreht, nicht etwa als Träger von Malerei oder Zeichnung, sondern als eigenständiger skulpturaler Werkstoff. Und Eidinger, Deutschlands derzeit wohl eigenwilligster Schauspieler, hat diesen Auftrag wörtlich genommen, den schnupfigen Tempo-Alltag einfach in die Sphären der Kunst erhoben. Marcel Duchamp lässt grüßen!

Nun liegt das weiße Knitterstück in einer edlen Vitrine. Darüber mokieren sich nicht wenig Besucher. Und so ist Eidingers Werk schnell zum umstrittensten im Papierkunst-Museum geworden, erzählt Annette Berr, die zusammen mit Ulrike Vohrer das Museumsprojekt aus eigenen Mitteln am Spittelmarkt stemmt. Beiden Initiatorinnen liegt daran, Papier zu einem starken Medium zu machen. Daher gibt es den jährlich mit 36 000 Euro dotierten Papierkunstpreis, der Ende April auf der Messe Paper Positions verliehen wird. Zusätzlich werden Stipendien ausgelobt, die es Künstler:innen ermöglichen, mit Papier bis in die Grenzbereiche hinein zu experimentieren. „Wir sagen, zerstört es, zerschneidet es, zerreißt es, verbrennt es!“, meint Annette Berr.


[Haus des Papiers, Seydelstr. 30/Ecke Elisabeth-Mara-Str., Fr–So 10–17 Uhr]

Wer durch die lichten Ausstellungsräume im Erdgeschoss wandelt, ist nicht nur verblüfft über die Vielfältigkeit von Papier, sondern genauso über den ungeheuren Ideenreichtum der ausstellenden Künstler:innen. Egal ob fragil, ätherisch oder kompakt, die Spielarten von und mit Papier sind faszinierend. Der in Frankfurt am Main arbeitende Goekhan Erdogan präsentiert drei verschieden große, echt aussehende Steine. Er hat sie aus massiven Blöcken herausgeschliffen, die aus Tausenden verleimten Papierbögen bestehen und anschließend gewachst, so dass sie eine wunderbar glatte Oberfläche haben. Auf den einzelnen Bögen sind seine Porträts gedruckt, die sich nun in den „Steinen“ als feinste Linien eingeschrieben haben und um das Thema Identität kreisen. Angela Glajcar, studierte Bildhauerin, hat Büttenpapier aneinandergereiht, durch grobe Einrisse in der Mitte entsteht eine skulpturale Struktur mit architektonischer Tiefe, die je nach Einfall des Lichtes ihre Umrisse verändert. Die zweite Schau des Hauses zeigt daneben etablierte Künstler:innen wie Rosemarie Trockel, Monica Bonvicini, Günther Uecker oder Erwin Wurm, der „Wortskulpturen“ in zwei Heften realisiert hat. Sie kommen nur zum Klingen, wenn man die einzelnen Texte vorliest.

Die Entdeckung ist Guy Lougashi aus Israel, der aus der Bühnen- und Kostümbildnerei kommt. Mit akribischen Mini-Stichen zaubert er fremde wuchernde Universen auf Papier, Mondlandschaften ähnlich. Am Schönsten leuchtet an diesem frühen Mittag seine glitzernde Salzscheibe, aus der Kristalle „wachsen“. Ende Februar gibt es noch einen Neuzugang: fragile Skulpturen von Tanja Major. Die Künstlerin hat tatsächlich aus Speisepilzen Papier entworfen. Ein nachhaltiges Konzept, davon gehen wir aus.

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