Stolz auf seine Streitbarkeit. Gesamtkunstwerker Hermann Nitsch Foto: D. Visnjic/dpa
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Hermann Nitsch wird 80 Ich erlöse euch von euren Sünden

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Vom Bürgerschreck zum Schlossbesitzer: Der Aktionskünstler Hermann Nitsch feiert seinen 80. Geburtstag.

Sie gelten als Berserker, als Kunst- und Körperquäler oder Kriminelle mit Erfahrung im Knast. Fast alle Künstler des Wiener Aktionismus wurden angefeindet, Hermann Nitsch hat es Anfang der 60er Jahre erwischt: Seine Aktionen mit blutigen Eingeweiden und Exkrementen, seltsamen Riten und Kreuzigungsszenen forderten die österreichische Justiz heraus. Mehrfach wurde er festgenommen. Ein Grund, weshalb der gebürtige Wiener damals nach Deutschland zog.

Wenn Nitsch heute seinen 80. Geburtstag feiert, tut er dies unter fast fürstlichen Umständen. Von Schloss Prinzendorf, das er 1971 erwarb und immer noch als Schauplatz seiner Zeremonien nutzt, blickt er über die niederösterreichische Landschaft gen Nitschmuseum. Es wurde 2007 eröffnet und zählt zu den größten monografischen Häusern des Landes. Seine Aufgabe: das Werk des unbequemen Künstlers in großen Themenkomplexen zeigen und erforschen. Bis dahin aber, bis zur landesweiten Anerkennung der Schüttbilder wie auch des sämtliche Sinne berauschenden Orgien-Mysterien-Theaters, war es ein weiter Weg. Dabei hat Hermann Nitsch eigentlich immer nur seine „Aktionsarbeit“ gemacht.

Nitsch wuchs in einer kaputten Welt auf

Es ist das größte Paradox in der Welt der Wiener Aktionisten. Dass sie sich auf Religiöses, Archaisches – auf Traditionen also – bezogen und dennoch vor allem als Zerstörer wahrgenommen wurden. Dabei hatten andere vor ihnen weit schlimmer gewütet. Als Nitsch gerade einmal sieben Jahre alt war, lag Europa in Trümmern. Und wie bei anderen Kindern seiner Generation starb der Vater im Zweiten Weltkrieg. Einschneidende Erlebnisse, auf die der Künstler immer wieder rekurriert. Die Schüttbilder, heute museumswürdig, sehen aus wie mit Blut besudelt – und wurden nach den frühen Arbeiten von 1960 tatsächlich mit Blut bespritzt. Die Tierkadaver lassen einen Schlachtung und dann Schlacht(en) assoziieren, die nackten Performer stehen für Katharsis und Wiedergeburt. Wer wie Nitsch in einer kaputten Welt aufgewachsen ist, hält sich gezwungenermaßen nicht mit ästhetischen Petitessen auf (wobei er ganz wunderbare Zeichnungen macht). Vielmehr treibt ihn die Frage um, wie er die Menschheit mithilfe reinigender Rituale von ihren Sünden erlösen kann. Ob seine Zeitgenossen das wirklich möchten, ist eine andere Frage.

Prominente wie Brigitte Bardot stellten sich aus Gründen des Tierschutzes gegen ihn, das Wiener Burgtheater adelte den Künstler 2005, indem es ihm seine Räume für eine achtstündige Performance zur Verfügung stellte. Wände und Sitze ließ man zuvor allerdings mit Plastik verleiden: Die Schweinerei geht ja nicht wieder aus dem Samt.

Die Aktionisten sahen vor allem sich selbst

So viel Kompromiss lässt Nitschs Fantasie eines im Wortsinn berührenden Gesamtkunstwerks, in dem die Materialien riechen und faulen, der Saft aus tausend Kilo Trauben kommt und die Töne aus den Instrumenten von 60 Musikern, betörend authentisch wirken. Auch wenn die Zurschaustellung und Zurichtung vor allem junger Akteurinnen immer auch den Eindruck macht, dass weibliche Körper im Zentrum männlicher Blicke stehen.

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Die Wiener Aktionisten haben niemanden geschont, auch sich selbst nicht. Günter Brus verletzte sich in seinen Aktionen selbst, Otto Mühl wurde 1991 wegen Kindesmissbrauch zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Man kann, bei aller Suche nach Heilung der Gesellschaft, sagen: Die Künstler sahen vor allem erst einmal sich selbst. Auch Nitsch ist wenig diplomatisch, noch jetzt beharrt er auf der Kontroverse und verweist stolz auf seine Streitbarkeit. Ein runder, schwarz gekleideter, bärtiger Mann, der es sich nie bequem machen wollte. Der aber auch stolz auf ein individuelles, einprägsames Lebenswerk sein kann.

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