Der Kölner Verleger Helge Malchow. Foto: Melanie Grande
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Helge Malchow im Interview KiWi-Chef: „Verlage müssen Magnetpunkte sein“

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Die Digitalisierung, die Planbarkeit von Bestsellern und die Krise des Buchmarkts: ein Gespräch mit Helge Malchow, dem Verleger von Kiepenheuer & Witsch.

Herr Malchow, es gehört zu den Gepflogenheiten der Buchbranche, ein wenig zu klagen – und trotzdem noch ganz gute Geschäfte zu machen. In diesem Jahr ist das anders. Man kann schon von einer Krise sprechen, oder?

Ach, ich wäre da trotzdem vorsichtig. Allerdings gibt es in der Tat in letzter Zeit statistisch nachweisbar weniger Käufer von Büchern, und dieser Einbruch kommt so plötzlich doch abrupt. Warum das in den letzten ein, zwei Jahren stattgefunden hat, ist aber noch nicht ganz klar.

Wie sieht es bei Ihrem Verlag Kiepenheuer & Witsch aus? Verkaufen Sie weniger?
Nein, für uns kann ich das nicht bestätigen. Die Zahl der verkauften Bücher ist auch in dieser Zeit bei KiWi gestiegen, auch die Umsätze. Das Ganze findet aber in einem leicht schrumpfenden Markt statt. Allerdings sind einige Bücher ein wenig teurer geworden, das hat die Umsatzrückgänge etwas kompensiert.

Worin sehen Sie denn die Gründe für den Rückgang der Buchverkäufe?
Im Einfluss der digitalen Medien, dem Siegeszug des Smartphones, gegen das alle anderen Medien verloren haben. Der schnelle Medienkonsum hat zugenommen. Dann die Konjunktur von Serien auf Netflix und Amazon etc.. Das Format hat ja etwas Romanhaftes, all das hat Auswirkungen auf das individuelle Zeitbudget.

Das dürfte in nachwachsenden Generationen noch eklatanter sein als bei denen ab 40 aufwärts.
Ja, vermutlich, obwohl ich auch da kein Katastrophendenker bin. Wenn die Altersgruppe zwischen 20 und 30 weniger liest, muss sich das nicht linear fortsetzen. Die meisten Menschen sind in dieser Zeit damit beschäftigt, ihre Berufswege zu finden, dann kommen Familiengründungen dazu. Das kann sich mit 40, 45 auch wieder ändern und zu einer Rückkehr zum Buch führen, egal ob auf Lesegeräten oder Papier. Und eins muss man auch sagen: Dieser Rückgang findet größtenteils im Feld der auswechselbaren Massen- und Unterhaltungsliteratur statt. Da ist das Smartphone heute die Alternative.

Zur Person

Helge Malchow, Jahrgang 1950, ist seit 2002 Verleger von Kiepenheuer & Witsch in Köln. Im kommenden Jahr beendet er dort seine Tätigkeit als verlegerischer Geschäftsführer und bleibt danach für den Verlag als Editor-at-large aktiv. Geboren in Bad Freienwalde/Oder, geht er mit seiner Familie als Kind in den Westen und wächst in Düsseldorf und Neuss auf. Malchow studiert Germanistik, Sozialwissenschaften, Philosophie, macht eine Ausbildung zum Gymnasiallehrer und arbeitet bis 1981 als Lehrer. 1983 wird er Volontär bei KiWi und noch im selben Jahr Lektor für die Paperbackreihe des Verlags. 1984 geht er als Cheflektor nach New York. Auf der Frankfurter Buchmesse ist Kiepenheuer & Witsch u.a. mit Neuerscheinungen von Adriana Altaras, Robert Habeck, Burghart Klaußner, Michael Kumpfmüller und Frank Schätzing vertreten. Zu den bekanntesten KiWi-Autoren gehören neben Klassikern von Böll über Marquez bis Joseph Roth Maxi Biller, Virginie Despentes, Alice Schwarzer oder Feridun Zaimoglu.

Bei der anspruchsvolleren Literatur oder den relevanten Sachbüchern muss man sich also keine Sorgen machen?
Der Einbruch ist da kleiner, wenn es denn überhaupt einen gibt. Hier rechtfertigen sich Bücher als Medium. Klar, auch hier konkurriert man mit Serien, Filmen oder guten Computerspielen. Aber das Medium Buch hat noch einmal andere Qualitäten, und wenn man die herausstreicht, können sie sich im neuen Konkurrenzumfeld behaupten. Um die Triftigkeit von Büchern geht es. Mich motiviert das, das ist eine schöne Herausforderung.

Wie bekommt man denn die abgewanderten Leser und Leserinnen zurück? Doch wohl nicht mit Beach-Clubs in Buchhandlungen und Lesungen in Fitness-Clubs, wie es neulich in einer Studie erwogen wurde?
Ich habe zumindest prinzipiell nichts gegen sogenannte Events, gegen große Literaturfestivals beispielsweise, es kommt ja auch darauf an, das Medium Buch, die Autoren und Autorinnen in der Öffentlichkeit präsent zu halten. Aber man sollte damit die Stärken des Buchs sichtbar machen, nicht es zurückdrängen. Wichtig ist, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Bücher Qualitäten besitzen können, die andere Medien nicht haben. Es mag sein, dass Cafés in Buchhandlungen helfen. Der Fehler in den letzten Jahren war, dass der Buchhandel etwas zu sehr in Richtung Supermarkt ging: Verkaufsflächen wurden erweitert, das qualifizierte Personal reduziert. Dieser Trend ist aber vorbei. Man hat erkannt, dass es um Beratung und das Wecken von Begeisterung geht.

Mal ketzerisch gefragt: Braucht es im Digitalzeitalter überhaupt noch Bücher?
Aber sicher! Ob auf Papier oder digital, ist mir gar nicht so wichtig. Es muss klar sein, dass ein Buch in der Lage ist, mehr zu vermitteln als ein Zeitungstext, dass ein literarischer Roman wirklich besser ist als ein trivialer Unterhaltungsroman, eine fundierte soziologisch-wissenschaftliche Analyse auf durchschnittlich 300 Buchseiten mehr zu leisten vermag als ein Kommentar auf der Meinungsseite einer Tageszeitung. Bücher sind Vertiefungsmedien. Das Groteske ist doch: In einer Welt, in der alles immer komplizierter und unüberschaubarer wird, kann die Antwort nicht sein, immer schnellere, kürzere Medieninhalte zu produzieren, um diese Welt zu verstehen.

Wie hat sich denn Ihre Arbeit als Verleger in den letzten zehn, 15 Jahren verändert?
Ich spreche tatsächlich mehr über das Buch als Medium, seine Besonderheit jenseits einzelner Inhalte. Das ist vielleicht so wie früher, als das Kino aufkam: da mussten die Theaterleute auch erklären, worin das Besondere am Theater besteht.

Verzichten sie darauf, ein bestimmtes Buch zu drucken, wenn es sich nicht legitimiert?
Ja. Es gab eine Zeit, in der wir Bücher gemacht haben, gerade Sachbücher, deren Inhalte heute in Magazinen auf drei, vier Seiten bestens abgehandelt werden. Wir fragen immer häufiger: Ist das ein Buch?

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Man den Eindruck, es werden immer noch viel zu viele überflüssige Bücher veröffentlicht, gerade in der anspruchsvollen Literatur, der Sach- und Debattenbücher.
Alle in der Branche wissen, dass zu viele Titel veröffentlicht werden. Die Zahl hat sich in den letzten Jahren drastisch reduziert, auch wenn das von außen vielleicht noch nicht auffällt. Aber dann gibt es diese kapitalistische Marktdynamik: Nach einem „schlechteren“ Jahr ist die Verführung groß, mehr Titel zu veröffentlichen, um eben diesen einen Topseller zu finden, der die Lücke schließt.

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