Günther Eich blättert in einem Buch. 1953. Foto: dpa
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Günter Eich und Rainer Brambach Der Erdarbeiter und der Maulwurf

Eine Dichterfreundschaft ohne Futterneid – der Briefwechsel zwischen Günter Eich und Rainer Brambach ist nach vielen Jahren endlich erschienen.

Der Dichter Günter Eich (1907-1972) steht schon lange nicht mehr auf der Agenda des Literaturbetriebs. Er firmiert heute in Lexika als „Kahlschlag“-Literat und erfolgreicher Hörspielautor der Nachkriegszeit, der sich im Spätwerk hinter immer kürzeren Gedichten und kryptischen „Maulwürfen“ verbarrikadierte.

Das literaturgeschichtliche Nachleben des schwermütigen Skeptikers Eich schien sich zu verdunkeln, als es 1993 zu einem Zerwürfnis zwischen dem Suhrkamp Verlag und dem designierten Herausgeber der Eich-Briefausgabe, dem kürzlich verstorbenen Literaturwissenschaftler Axel Vieregg kam.

Vieregg hatte bei seiner Archivarbeit den Antrag auf Eintritt in die NSDAP entdeckt, den Eich am 1. Mai 1933 gestellt hatte, am gleichen Tag übrigens wie Herbert von Karajan und Martin Heidegger. Er wurde damals aber nicht in die Nazi-Partei aufgenommen, möglicherweise weil der Andrang so groß war.

Bei seinen weiteren Forschungen kam Vieregg zu einem sehr kritischen Befund. Er wies nach, dass die Jahre 1933 bis 1940 die produktivsten des Dichters waren, da Eich eine immense Zahl von Beiträgen und Hörspielen für den deutschen Rundfunk verfasst hatte, nicht ohne markante Annäherungen an den Volkstumsgedanken der NS-Kulturpolitik.

Viereggs Aufsatz dazu konnte in einem bei Suhrkamp konzipierten Materialienband nicht erscheinen, auch die geplante Briefausgabe wurde auf Eis gelegt. Der Berliner Emeritus Hans Dieter Zimmermann hat im aktuellen Heft von „Sinn und Form“ daran erinnert. Viereggs brisanter Essay über „Günter Eichs Realitäten 1933-1945“ wurde damals in der kleinen Edition Isele publiziert und ist heute nur als bibliophile Rarität zu einem stolzen Preis zu erwerben.

Die naturfrohe Poetik der frühen Jahre hatte er abgehakt

Nach 30 Jahren wird nun endlich die Blockade um die Briefe Eichs aufgehoben. Der kleine Schweizer Nimbus Verlag hat die Tür zu den verschlossenen Briefschaften Eichs geöffnet. Der wohl umfangreichste Briefwechsel Eichs, nämlich der mit seinem Schweizer Dichterfreund Rainer Brambach (1917-1983), liegt jetzt in einer akribisch kommentierten Ausgabe vor. Als Herausgeber fungiert der Literaturwissenschaftler Roland Berbig, dem wir bereits eine profunde Eich-Biographie („Am Rande der Welt“) verdanken, die 2013 bei Wallstein erschienen ist.

Der Briefwechsel zwischen Eich und Brambach erstreckt sich von 1950 bis zu Eichs Tod und umfasst 293 Briefe, Telegramme und Postkarten. Als er 1950 einsetzt, etabliert Eich sich gerade wieder als Hörspielautor im sich langsam konturierenden westdeutschen Literaturbetrieb. Die naturfromme Poetik seiner frühen Jahre, als er sich um 1930 noch im Kreis der Dresdner Zeitschrift „Kolonne“ bewegte, hatte er da längst abgehakt.

Im November 1947 hatte er allen Legenden um seine widerständige Position im „Dritten Reich“ widersprochen, als er in einem Brief an Willi Fehse festhielt: „In den Aufsatz ,Das heimliche Deutschland’ passe ich nicht recht herein. Ich habe dem Nationalsozialismus keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt. Jetzt so zu tun als ob, liegt mir nicht.“ Dennoch kam sein literarisches Comeback rasch voran. Eich nahm Kontakt zu den westdeutschen Rundfunkanstalten auf und schloss mit ihnen von 1950 bis 1952 Verträge ab, die ihm ein gutes Einkommen sicherten.

In den ersten Jahren zeigte sich eine Asymmetrie

In dem poetischen Autodidakten Brambach, der 1917 in Basel in prekären Verhältnissen geboren wurde und sich viele Jahre als staatenloser Hilfsarbeiter, Torfstecher, Gartenbauarbeiter und Privatchauffeur durchschlug, fand Eich einen Seelenverwandten. Hinter der Aura des Vagabunden und „trinkfesten Landbärs und Regionalisten“ (Christoph Meckel) verbarg sich ein lernwilliger Poet, der in dem zehn Jahre älteren Eich sein Vorbild sah. In den ersten Jahren der Freundschaft zeigt sich eine gewisse Asymmetrie.

[Rainer Brambach/ Günter Eich: Nichts und niemand kann dich ersetzen. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Roland Berbig. Nimbus Verlag, Wädenswil 2021. 544 Seiten, 44 €.]

Eich schlüpfte in die Rolle des Lehrers, der mit viel Empathie die Gedichte des poetischen Novizen kommentierte, Brambach seinerseits ließ keine Gelegenheit aus, für Eichs Werke in seinem Schweizer Umfeld zu werben. Bevor für Brambach das „Eich-Maß“ zur obersten Instanz seines Schreibens wurde, hatte er sich einen problematischen Mentor erwählt.

Ausgerechnet Armin Mohler, der Prophet der „Konservativen Revolution“, der 1942 aus der Schweizer Armee desertiert und illegal über die deutsche Grenze gegangen war, um sich der Waffen-SS anzuschließen, war nach Kriegsende der engste Freund Brambachs, der seinerseits zum Deserteur geworden war, als man ihn in den Deutschen Reicharbeitsdienst zwingen wollte. Nach einer ersten Begegnung mit Eich im niederbayerischen Geisenhausen im Mai 1951 festigte sich eine Lebensfreundschaft, die bis zu Eichs Tod im Dezember 1972 anhielt.

Die Rolle des Erdarbeiters ist ein zentrales Thema

In einem Brief an Brambach an Weihnachten 1950 hatte Eich mit einer Rilke-Kritik die Richtung vorgegeben: „Wie kann man auch von einem Dichter ausgehen, der selber ein später Abglanz war! Am unausstehlichsten finde ich die Ästhetik seiner nach Ewigkeit schielenden Briefe. Da tut einem der Magen weh wie nach zuviel Konditorware. Man soll Kunst nicht so humorlos ernst nehmen. Wenn sie sich nichts vom Spiel bewahrt hat, ist es schlecht mit ihr zu leben.“

Die erste Möglichkeit, den Poeten Brambach einem größeren Publikum bekannt zu machen, nutzte Eich, als 1953 die Gründung der Literaturzeitschrift „Akzente“ bevorstand. Eich war mit Walter Höllerer als Herausgeber vorgesehen, zog sich aber wegen Überlastung zurück, seine Position übernahm Hans Bender. Das erste Heft war da schon geplant – zugleich der erste große Auftritt Rainer Brambachs: „In jener Zeit von der ich dir erzähle,/ war ich ein Erdarbeiter, aß mein Brot am Zaun,/ trug grobes Hemd, Manchesterhose, Garibaldihut/ und schneuzte meine Nase mit der bloßen Hand.“

Die Rolle des "Erdarbeiters" wider Willen ist ein zentrales Thema im Briefwechsel. Während es Brambach nie gelang, ausschließlich von seinen literarischen Veröffentlichungen zu leben, erreichte Eich mit der Verleihung des Büchner-Preises 1959 den Zenit seines Ruhms. Ab Mitte der Sechziger Jahre werden die Briefe Eichs einsilbig und seine Gedichte immer lakonischer, sein Ohrenleiden und weitere Krankheiten setzten ihm zu. Brambach hatte da nach einigen Lebenskrisen und zwei Scheidungen seinen poetischen Weg gefunden, aber den Zuspruch seines Freundes brauchte er immer noch.

Dieser Briefwechsel ist ein faszinierendes Dokument aus der Frühgeschichte des Literaturbetriebs und bietet einen aufschlussreichen Einblick in die Produktionsbedingungen für Lyriker in der Bundesrepublik nach 1945. Die Dichterfreundschaft zwischen Eich und Brambach hatte Bestand, weil sie frei blieb von Futterneid, Intrige und Allüre. Sie endete auch nicht, als Eichs Ehefrau und poetische Verbündete Ilse Aichinger im Dezember 1972 ein Trauerzirkular mit den letzten Worten des verstorbenen Dichters verschickte: „Ich will gar nichts mehr, ich will anfangen zu spielen.“

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