Der lettische Geiger Gidon Kremer. Foto: REUTERS/Laszlo Balogh
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Gidon Kremer spielt im Boulez Saal Die unstillbare Trauer der Musik

Planänderung: Im Berliner Pierre Boulez Saal nimmt der lettische Violinist Gidon Kremer Werke ukrainischer Komponisten in sein Programm auf.

Programmänderungen sind derzeit an der Tagesordnung, und es verwundert nicht, dass Gidon Kremer kurzfristig Werke ukrainischer Komponisten auf sein Programm im Boulez-Saal setzt. Der lettische Ausnahmegeiger hat sich stets durch seine Humanität ausgezeichnet und sich sowohl für vergessene, benachteiligte oder Repressalien ausgesetzte Künstler eingesetzt wie gegen politisches Unrecht ausgesprochen.

Auf den sich zuspitzenden Ukraine-Konflikt machte er bereits 2013 aufmerksam, und so kann dieser Abend nicht besser beginnen als mit dem „Requiem“, für Violine solo, das Igor Loboda 2014 allen seitdem in diesem Konflikt ums Leben Gekommenen widmete. Der 1956 geborene Komponist, Georgier mit ukrainischen Wurzeln, exponiert nach scharf aufspringenden Akzenten die Melodie eines ukrainischen Volksliedes, lässt es aus reicher virtuoser Figuration so melancholisch wie angriffslustig auftauchen und in pochenden Pizzikato, einem Herzschlag ähnlich, ausklingen.

Silvestrov ist gerade erst aus Kiew nach Berlin geflohen

Wie dieses mit starkem Beifall bedachte Werk versieht Kremer auch das Solostück „Serenade“ von Valentin Silvestrov mit niemals abreißender, zuweilen ganz nach innen gewandter Spannung – der 84jährige Komponist konnte erst kürzlich dazu bewogen werden, seine Heimatstadt Kiew zu verlassen und in Berlin Zuflucht zu suchen.

In seinem Schaffen ist er maßgeblich an einer Hinwendung osteuropäischer Musik zu einer „Postmoderne“ beteiligt, die sich vom Fortschrittsglauben der „Avantgarde“ verabschiedet und bewusst mit verschiedensten Traditionen auseinandersetzt – radikaler als in Silvestrovs „Hommage à J.S.Bach“ für Violine und Klavier von 2009 scheint das kaum möglich. Scharf angerissenen Doppelgriffen der Violine, die entfernt an Klänge aus Bachs berühmter „Chaconne“ erinnern, verschafft Georgijs Osokins mit stumm gedrückten, pedalisierten Klaviertasten ein subtiles, intensiv nachschwingendes Echo. Später tritt das Klavier mit verträumten, sehr differenziert gefärbten Melodietönen in Dialog mit der Violine.

Wie Kremer will auch Silvestrov russische Kultur nicht ausgrenzen, die er als „Teil der europäischen Kultur“ sieht. Bedauerlich bleibt, dass dem gerechnet das Klaviertrio von Mieczysław Weinberg zum Opfer fallen musste – dem polnisch-jüdischen, auf der Flucht vor den Nazis unter stalinistischen Terror geratenen Komponisten.

Akustische Schwächen des Saals werden deutlich

Die beiden verbleibenden Klaviertrios stehen unter weniger gutem Stern als die Solostücke: Schumanns leidenschaftliches Trio Nr. 3 in g-Moll offenbart vor allem die akustischen Schwächen der „location“: Wer das Pech hat, auf der Rückseite des Aufführungsgeschehens zu sitzen, kann kaum mehr wahrnehmen als ein übermächtiges Klavier, das die Geige und auch den an sich warmen, vollen Ton der Cellistin Giedrė Dirvanauskaitė erdrückt.

Mit Balanceproblemen hat aber auch Sergej Rachmaninows „Trio élégiaque“ Nr.2 zu kämpfen. Gegen das fast immer vollgriffige Klavier können bei allem Bemühen um Piano-Nuancen die Streicher kaum die nötige Kraft aufbringen. Heraus kommt ein dynamisch extremes Spiel, das die Zusammenhänge dieses ausladenden Werkes zersplittern lässt. Doch die unstillbare Trauer der Musik – sie entstand zum Gedenken an den Tod Peter Tschaikowskys – fügt sich gut zu den einleitenden Werken und scheint den Zuhörenden aus dem Herzen zu sprechen.

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