Die einzige Herrscherin des Geschlechts.Maria Theresia regierte die Monarchie von 1740 bis 1780. Am Wiener Burgring erinnert seit 1888 ein Denkmal an sie. Foto: picture alliance / Herbert Neuba
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Geschichte, fesselnd erzählt Überlebenskünstler mit Talent zur Intrige

Der Historiker Martyn Rady erzählt vom Aufstieg und Fall der Weltmacht Habsburg.

Die weltweite Anteilnahme am Tun und Treiben des britischen Königshauses zeigt, wie unverwüstlich die Faszination adliger Familien ist. Das Haus Windsor womöglich überstrahlen würde das Haus Habsburg – doch 1918 war’s mit den Habsburgern zu Ende: Unter den drei großen Dynastien, die im Strudel des Ersten Weltkriegs untergingen, hatten sie die wohl erstaunlichste Geschichte.

Martyn Rady, der lange Jahre am Londoner University College lehrte, hat das Wagnis unternommen, die ganze Geschichte der Habsburger zu erzählen. Schon im Untertitel seines voluminösen und dennoch für das Thema eher kurzen Buches steckt eine These: „Aufstieg und Fall einer Weltmacht“. Gewiss, legendär ist der Ausspruch des Habsburger-Kaisers Karl V., dass in seinem Reich die Sonne nicht untergehe. Aber das galt für einen historisch vergleichsweise kurzen Abschnitt, eigentlich schon nicht mehr nach seiner Abdankung 1555.

[Martyn Rady: Die Habsburger. Aufstieg und Fall einer Weltmacht. Aus dem Englischen von Henning Thies. Rowohlt Berlin, Berlin 2021. 624 S., 34 €.]

„Das Ergebnis war“, schreibt Rady lakonisch, „dass ausgerechnet zum Zeitpunkt seiner größten territorialen Ausdehnung das Habsburger Imperium in zwei Teile zerfiel – einen spanischen, in dem Karls Sohn Philipp regieren sollte, und einen mitteleuropäischen, der Karls Bruder Ferdinand gehörte.“

Galopp durch die Jahrhunderte

Solche Lakonie ist der Preis für den Galopp, den der Autor durch die Jahrhunderte unternimmt; bis zu Karls Abdankung sind gerade einmal 129 Seiten gefüllt.

Größeren Raum als Karls Ringen um die Einheit der Religion im Zeitalter der Reformation nimmt zum Auftakt des Buches die Schilderung des Stammsitzes der „Habichtsburg“ im – später schweizerischen – Aargau ein. Es bleibt die Erwähnung nicht aus, dass „die Habsburger Überlebenskünstler waren“: „Von Generation zu Generation produzierten sie zuverlässig männliche Erben; und wenn eigene Söhne fehlten, standen stets Brüder., Cousins und Neffen bereit.“

„Tu felix Austria“ also? Rady erzählt eine ebenso gewaltige wie gewaltreiche Familiengeschichte. Königswahlen, Intrigen, Heiraten, Bruderzwiste und Mordtaten folgen aufeinander. Es ist der geduldige Aufstieg unter Wahrnehmung historischer Chancen wie der Umwandlung Österreichs von der Grenzmark zum neuen Kernland der Familiendynastie im 14. Jahrhundert.

Das war ausgerechnet die Glanzzeit eines anderen Clans, der Luxemburger mit Kaiser Karl IV., der auf der Prager Burg residierte und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation mit der Goldenen Bulle ein Grundgesetz gab, das den Habsburger anfangs schwer zu schaffen machte.

Seeschlacht in literarischem Cinemascope

Man wünschte solche Konstellationen ausgreifender dargelegt bekommen, aber die ersten paar Jahrhunderte Habsburg müssen wie gesagt im Schnelldurchgang abgehandelt werden. Erst mit dem Beginn der Neuzeit erlaubt sich Rady ein Innehalten bei einzelnen Themen.

Die müssen nicht unbedingt die wichtigsten sein: So ist etwa die Schilderung der Seeschlacht von Lepanto im Jahr 1571, den die Zeitgenossen überschwänglich als epochalen Sieg über das Osmanische Reich feierten, in bester englischer Tradition ein Meisterstück der Geschichtserzählung. Ähnlich stark gelingt die Darstellung der Religionsspaltung, wobei Rady den Habsburgern im Reich taktisch motivierte Toleranz zugesteht, die Unduldsamkeit in Philipps Spanien dafür umso krasser hervortreten lässt.

Vernichtend fällt Radys Urteil über die inzestuöse Heiratspolitik beim spanischen Zweig der Habsburger aus. Die „Folgen waren Geisteskrankheiten, Epilepsie, Fehlgeburten und kränkelnde Kinder“: Die Kindersterblichkeit im Königshaus erreichte 80 Prozent, das Vierfache des damaligen Durchschnitts. Dann wieder überlagern Themen die Familienchronik, darunter das der kolonialen Unternehmungen zu der Zeit, da der Dreißigjährige Krieg tatsächlich zum allerersten Weltkrieg wurde.

Menetekel Westfälischer Friede

Noch der Westfälische Frieden erweist sich für Außereuropa als Menetekel, denn „mit dem Friedensvertrag im Rücken gelang es der Niederländischen Westindien-Kompanie schnell, den zentralafrikanischen Sklavenhandel zu übernehmen und auszubauen“.

Nach dem Ende der spanischen Habsburger im Jahr 1700 breitet Rady die Blütezeit Österreichs unter Maria Theresia und Joseph II. aus. Dessen „großes kameralistisches, physiokratisches Experiment“ genießt alle Sympathie des Autors. Zudem betont Rady die Rolle, die die Frauen der Habsburger oftmals spielen konnten, von der Kaiserin bis zu den Statthalterinnen der österreichischen Niederlande. Allerdings „leiteten sich Macht und Legitimität aus ihrer Dynastie her“ – das biologische Geschlecht erschien demgegenüber „irrelevant“.

In der Darstellung des 19. Jahrhunderts mit dem Beinahe-Zusammenbruch der Habsburger-Herrschaft in den Revolutionen von 1848ff. spart Rady nicht an Kritik am „Neoabsolutismus“ des jugendlichen Kaisers Franz Joseph – im Unterschied etwa zu der von Pieter M. Judson in dessen vorzüglichem Habsburg-Buch getroffenen Charakterisierung als „liberales Imperium“.

Mit der Kaiserin Sisi und dem unglückseligen Bruder Maximilian, der als importierter Kaiser von Mexiko sein Leben lassen musste, ist dann wieder reichlich Stoff für die Familiengeschichte vorhanden. Der von Bismarck erzwungene Abgang Österreichs aus der deutschen Politik nach immerhin 600 Jahren beansprucht demgegenüber nicht mehr als zwei Druckseiten.

Selbstmord und Mord

Die schleichende Auflösung der – mit dem Reichsausgleich von 1867 ein letztes Mal stabilisierten – Doppelmonarchie ist oft beschrieben worden. Sie führt notwendigerweise von der Familienchronik weg und hin zu Modernisierungsprozessen, die sich der Steuerung durch das Herrscherhaus entzogen. Kronprinz Rudolfs Selbstmord 1889 ist nur noch eine Randnotiz, und die Ermordung des nächsten Thronfolgers in Sarajevo 1914 Auftakt zu einem Krieg, der das Habsburgerreich auslöscht.

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„Das Ende der Kämpfe kam schnell“, heißt es wieder kurz und knapp, und Karl I., der letzte Kaiser nach Franz Josephs Tod nach 68-jähriger Regentschaft, wird am 11. November 1918 mit den Worten aus Schloss Schönbrunn hinausgewiesen, „Herr Habsburg, das Taxi wartet“.

Ansonsten wartete niemand. „Unter den ehemaligen Untertanen herrschte kaum Bedauern über das Dahinscheiden des Habsburgerreichs“, konstatiert Martyn Rady am Ende seines Buches, das seinen Stoff wirkungsvoll verdichtet, Thesen und Zuspitzungen nicht scheut und vor allem eines ist: eine fesselnde Lektüre.

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