Die französische Schriftstellerin George Sand, hier auf einem historischen Druck aus dem 19. Jahrhundert. Ihr bürgerlicher Name lautete Amandine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil und sie lebte von 1804 - 1876. Foto: imago stock&people
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George Sands Roman "Gabriel" Widerstand ist keine Utopie

Tobias Schwartz

Gender Trouble im 19. Jahrhundert: George Sands außergewöhnlicher Dialogroman „Gabriel“ erscheint erstmals in einer deutschen Übersetzung.

Die französische Schriftstellerin George Sand war eine der aufsehenerregendsten Gestalten ihrer Zeit. Selbst in einer Weltmetropole wie Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts (Walter Benjamin), in der an extravaganten Menschen kein Mangel herrschte, fiel die Freundin Flauberts und Geliebte Chopins auf.

Das Tragen von „Männerkleidung“ war ihr Markenzeichen und machte sie zu einer Ausnahmeerscheinung – und für viele zu einem Ärgernis. Sand begehrte auf, im Leben wie in ihren Romanen, Novellen, Theaterstücken, Essays, Zeitungsartikeln und Briefen.

Sie kämpfte gegen die Klassengesellschaft samt ihren sozialen Ungerechtigkeiten und gegen die klägliche Rolle, die dem weiblichen Geschlecht darin zugewiesen wurde. Von ihrem ersten Ehemann trennte sie sich, ein Skandalon genauso wie ihre Tätigkeit als Schriftstellerin, da half auch kein männliches Pseudonym.

Das Zeitalter, in das George Sand 1804 als Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil hineingeboren wurde (sie starb 1876), stand im Zeichen des Fortschritts und der Beschleunigung, das heißt, der Industrialisierung und des Ausbaus der Eisenbahn.

Liberal aber ging es nicht zu, von Gleichberechtigung konnte keine Rede sein.

Sie konnte vom Schreiben leben

Der Aufklärer Voltaire, dem die frühe Feministin in Sachen Vorurteilsfreiheit, Respektlosigkeit und Spottlust durchaus das Wasser reichen konnte, schwärmte ein Jahrhundert zuvor in seinen „Philosophischen Briefen“ vom seinerzeit progressiven England, doch selbst dort publizierten Frauen, wenn überhaupt, wieder unter männlichem Pseudonym: George Eliot etwa oder die Brontë-Schwestern. Jane Austens Romane erschienen anonym mit dem Vermerk „by a Lady“.

Männliche Zeitgenossen wie der englische Dichter Coventry Patmore behaupteten grundlegende Unterschiede zwischen den Geschlechtern, Frauen sollten sich für sie lediglich häuslich-privat beschäftigen. In Frankreich sah der Historiker Alexis de Toqueville entsprechend in der weiblichen Schreibtätigkeit generell einen Verstoß gegen die Natur. Flaubert, Hugo und Balzac dagegen schätzten George Sand. Sie war die einzige Frau, die sich im Literaturbetrieb ihrer Epoche erfolgreich behaupten und vom Schreiben leben konnte.

Heute wie damals ist sie keine Unbekannte, weder in Frankreich, noch in Deutschland. Aber wird sie auch gelesen? Das darf bezweifelt werden, obgleich einige ihrer Romane, darunter ihr Debüt „Indiana“, ihr anti-rousseauistischer Erziehungsroman „Mauprat“, der revolutionäre große Erfolgsroman „Lélia“ und ihre Autobiografie „Die Geschichte meines Lebens“ auf Deutsch vorliegen. Doch ist dies nur ein Ausschnitt aus ihrem gewaltigen Werk.

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Einer ihrer interessantesten Texte, der frühe Dialogroman „Gabriel“, der 1839 in Fortsetzungen in der „Revue des Deux Mondes“ und 1840 in Buchform erschien, wurde jetzt erstmals und sehr schön von Elsbeth Ranke ins Deutsche übertragen. (Reclam Verlag, Stuttgart 2022.A 176 Seiten, 18 €)

Von der dialogischen Form sollte sich niemand abschrecken lassen. Es stellt sich beim Lesen schnell das Gefühl ein, es hier mit Prosa zu tun zu haben. Die Handlung ist zeitlich nicht genau verortet – vermutlich befinden wir uns in der Renaissance. Der beinahe volljährige Gabriel erfährt von seinem Großvater, dem Fürsten von Bramante, dass er als Mädchen geboren und zum Mann lediglich erzogen wurde.

Fürst oder Nonne?

Grund dafür ist die männliche Erbfolge und Gabriel/Gabrielle wird vor die Wahl gestellt, entweder Fürst zu werden oder als Nonne ins Kloster zu gehen, ein Keuschheitsgelöbnis wäre in beiden Fällen nötig. Die Krise ist vorprogrammiert, zumal Gabrielle, ein kluger, unabhängiger Geist, die Ungleichheit von Frau und Mann eh nie richtig eingeleuchtet hat. Als sie ihrem Cousin, dem draufgängerischen Astolphe, begegnet, entscheidet sie sich für ein Doppelleben: Auf dem Land ist sie seine Frau, in der Stadt ein junger Mann, der allen gängigen Vorstellungen von Virilität entspricht. Es folgen Eifersuchtsszenen, Intrigen, die Handlung spitzt sich zu.

Das Verwirrspiel mit geschlechtlichen Identitäten war zu Sands Zeit nicht unbedingt neu. Man denke an Balzacs Erzählung „Sarrasine“ oder an Théophile Gautiers schillernden Briefroman „Mademoiselle de Maupin“. George Sand aber geht die Problematik grundsätzlicher, ja, existentieller an. Für sie sind es weniger Spiel und Erotik, auf die es ankommt, sondern vielmehr die radikale Kritik an einer diskriminierenden, frauenfeindlichen Gesellschaft, in der jeglicher Widerstand utopisch anmutet.

Dass sich daran gerade etwas rasant verändert, schmälert nicht die Relevanz dieses außergewöhnlichen Romans. Im Gegenteil.

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