Der Stand des Diogenes Verlags auf der Frankfurter Buchmesse. Foto: Arne Dedert/dpa
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Frankfurter Buchmesse Die Buchbranche steckt in einer existenziellen Krise

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Netflix-Serien sind oft literarischer als ein Roman, die Sehnsucht nach Kurztexten ist groß. Es liegt ein Schatten über dem Start der Buchmesse. Ein Kommentar.

Die Frankfurter Buchmesse ist eröffnet, und alles wird dort bis kommenden Sonntag sein wie immer: Viel los auf dem Messegelände, überall Bücher, überall Lesungen, überall Menschen, die über Bücher debattieren. Business as usual, könnte man meinen. Doch nur dem Anschein nach. Denn erstmals seit vielen, vielen Jahren, vielleicht überhaupt zum allerersten Mal, steckt die Branche in einer Krise. Und eben nicht in einer, die aus Geschäftsgründen so bezeichnet wurde, wie so oft in der Vergangenheit, um die Bedeutung des Buches in schönen Reden umso besser herausstreichen zu können, sondern in einer ernsthaften, ja, existenziellen Krise.

Der Buchmarkt hat über einen Zeitraum von knapp fünf Jahren mehr als sechs Millionen Buchkäufer und Buchkäuferinnen verloren. Das hat ihm ökonomisch bislang wenig ausgemacht, weil das verbliebene Lesepublikum mehr Bücher gekauft hat, weil es in Deutschland noch eine Buchpreisbindung gibt und Bücher im Schnitt sogar ein bisschen teurer geworden sind. Dramatisch ist dieser Rückgang deshalb, weil es dieses Mal an die Substanz geht, an das, was den Buchmarkt in seinem Innersten ausmacht, ans Lesen, die Freude am Lesen, am langen, intensiven Lesen.

In der Branche ist man sich relativ einig was die Gründen angeht, aus denen weniger oft zum Buch gegriffen, weniger gelesen wird. Zum einen wegen der schnellen, sozialen Medien, des Smartphones, mit dem sich gerade bei Langeweile die Zeit noch besser vertreiben lässt als beispielsweise mit einem Unterhaltungsroman, und sei dieser ein E-Book.

Die Digitalisierung, die lange eine große Angstmacherin und Krisenverursacherin war, hat die Branche gut im Griff, doch sie schlägt in diesem Fall anders als gedacht zurück. Da sind Streamingdienste wie Netflix, die haufenweise Serien produzieren – und so manche davon ist besser, literarischer als ein Roman. Aber nicht nur das: Wer fünf Staffeln „Breaking Bad“ oder drei Staffeln „Narcos“ schaut, braucht Zeit, und diese Zeit wird in der digitalen Multitasking-Gesellschaft immer knapper.

Inszenierungen und Events als Lösung?

Natürlich ist es zunächst ein Paradox, dass in einer Zeit, die gemeinhin als wahnsinnig unübersichtlich gilt, deren gesellschaftliche Veränderungen als extrem komplex wahrgenommen werden, der Trend zur simplen Twitter-Erklärung geht, zu immer kürzer werdenden Zeitungstexten, zum Häppchenjournalismus. Doch der Erfolg von „Politikern“ wie Trump oder dem Brasilianer Bolsonaro, von Rechtspopulisten in ganz Europa beweist, wie groß die Sehnsucht nach vermeintlichem Klar- und vor allem simplem Kurztext ist.

Ob es wirklich damit getan ist, das Buch, das Lesen mehr zu inszenieren, zu eventisieren, um die Leserschaft zurückzugewinnen? Mit besseren Kauferlebnissen, mit Lesen in Fitness-Clubs, Beachclubs, in Buchhandlungen oder Speed-Dating zu Bücherthemen, wie es der Börsenverein in einem mit dem Buchhandel und den Verlagen erarbeiteten Dossier vorgeschlagen hat? All das klingt nicht nach der Vertiefung, die das Vertiefungsmedium Buch eigentlich braucht.

Krisenverschärfend wirkt überdies, dass im Moment auch literarische Institutionen kein Vertrauen schaffen: Man denke an den Rowohlt Verlag, einer der ersten Adressen in Deutschland für anspruchsvolle Literatur. Der hat doch ziemlich holterdipolter seine verlegerische Geschäftsführerin ausgetauscht, ohne wirklich erkennbare Not. Und noch symbolhafter wirkt es, dass dieses Jahr kein Literaturnobelpreis vergeben worden ist, weil die den Preis vergebende Akademie sich untereinander komplett überworfen hat und sich zu keinem Neuanfang imstande sieht. Wer es bisher nicht getan hat, wird sicher auch in Zukunft keine mit dem Literaturnobelpreis geadelten Bücher lesen.

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Alle Anzeichen jedenfalls deuten darauf hin, dass die Buchbranche sich in einer manifesten Krise einrichten muss – da kann es auf der Frankfurter Buchmesse noch so bunt und vielfältig zugehen.

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