Der israelische Fotograf setzt Kameradschaft rund ums Schlachtfeld in Szene. Foto: Adi Nes
© Adi Nes

Fotoausstellung über Männerbilder Wann ist ein Mann ein Mann?

Zarte Cowboys und kuschelige Soldaten: Die Ausstellung „Masculinities“ im Gropius Bau untersucht die vielen Facetten der Männlichkeit.

Es ist 170 Jahre her, dass Walt Whitman in seinem berühmten Gedicht „Song of Myself“ schrieb: „I am large, I contain multitudes.“ Dass Genderidentität vielfältig und wandelbar ist, bedarf aber auch heute noch vieler Bücher und Songs, obwohl die Rollenbilder seit den 1960er Jahren deutlich aufgebrochen wurden.

Eine Fotoausstellung im Gropius Bau, übernommen aus dem Barbican Centre in London, spürt den vielfältigen Erscheinungsformen des Männlichen nach. „Masculinities: Liberation through Photography“ soll zeigen, wie Männlichkeit „performativ hergestellt und sozial konstruiert“ wird.

Männer kommen nicht im blauen Strampelanzug auf die Welt, so viel ist klar. Schreien tun sie allerdings auch noch im Erwachsenenalter. Dazu gibt es einen lustigen Videofilm in der Ausstellung.

Aber fangen wir mit den Falten an. Denn die stellt Kuratorin Alona Pardo gleich an den Anfang. Eine monumentale Fotografie zeigt ein Selbstporträt des britischen Kurators und Mitbegründers der Zeitschrift „Art Forum“ John Copland, der erst mit 60 Jahren zu fotografieren anfing. Drei Tafeln aus jeweils vier Bildern zeigen den Körper Coplands in klassischer Pose, allerdings mit hängender Brust, schlaffem Hintern und drahtigem Schamhaaren.

Blutbespritze Stierkämpfer

Mit diesem Antihelden taucht man in die Archetypen des Mannes ein. Das erste Kapitel ist Bildern von Soldaten, Cowboys, Bodybuildern und Stierkämpfern gewidmet, hypermaskuline Stereotype, die in den ausgewählten Fotografien allerdings bereits gebrochen werden. Man sieht die Muskeln von Arnold Schwarzenegger, fotografiert von der queeren Ikone Robert Mapplethorpe. Zwischen den Bildern von Arnold hängt allerdings eines einer berühmten Bodybuilderin. Der muskulöse Körper ist also schon mal kein Privileg des Mannes.

Von der 1982 geborenen Amerikanerin Sam Contis ist eine Cowboy-Serie zu sehen, in der statt Stärke eher Verletzlichkeit aufscheint. Ein schwarzer Cowboy kommt hier ebenso vor wie eine Hand, die vielsagend zwei Eier aus einem Korb hochhebt.

Rineke Dijkstras Porträts von Stierkämpfern sind recht bekannt. Die mit Blut bespritzten Gesichter sehen viel zu zart aus, um als Repräsentanten des furchtlosen Mannes durchzugehen. In der Stierkampfarena braucht es den Zusammenhalt der Männer, ebenso auf dem Schlachtfeld.

Die Serie von Adi Nes, einem der renommiertesten Fotografen Israels, zeigt Soldaten beim gemeinsamen Pissen auf dem Feld und in trauter Gemeinschaft. Und während man noch rätselt, warum Nes die Szenen mit Schauspielern inszeniert hat, statt echte Soldaten zu fotografieren, übersieht man fast ein wichtiges Detail: Einem der Männer fehlt ein Arm. Den verletzlichen Soldaten akzeptiert man gern, den verletzten blendet man aus.

Karen Knorr, aus der Serie "Gentlemen". Foto: Karen Knorr Vergrößern
Karen Knorr, aus der Serie "Gentlemen". © Karen Knorr

Ein weiteres Kapitel widmet sich der männlichen Ordnung, hier entern die Fotografen und Fotografinnen die Sphären der Macht und der männlichen Zirkel, Studentenverbindungen und Clubs. Hier ist man am dichtesten dran an der „toxischen Männlichkeit“, die Andrew Moisey in seinem Buch „The American Fraternity: An Illustrated Ritual Manual“ beschrieben hat.

Bilder aus elitären Londoner Männerclubs

Karen Knorr fotografierte ab den 1970er Jahren in elitären Londoner Clubs und untersuchte das patriarchale, konservative Milieu der britischen Upperclass. Die Fotos, schwarz-weiß, quadratisch und in schwarzen Rahmen präsentiert, erstrecken sich über zwei große Wände. Man sieht Herren im Anzug in edlem Ambiente. Hier werden Deals gemacht, Netzwerke gepflegt, Ungleichheit generiert. Frauen haben zu diesen Räumen keinen Zutritt. Nicht einmal die damalige Regierungschefin Magaret Thatcher durfte rein; auch nicht die Queen.

Um den Dünkel dieser Männerwelt vorzuführen, hat Karen Knorr die Bilder mit Original-Statements angereichert. Kleine Kostprobe: „Newspapers are no longer ironed, coins no longer boiled. So far have standards fallen.“ Im fein gebügelten Anzug steckt dann wohl auch ein ängstlicher Mann.

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Auch die Vaterschaft gehört zum Mann. Viele dieser Anzugtypen sind Väter. Den amerikanischen Dad mit Betonscheitel sieht man in der Ausstellung aber nicht. Die berührenden Familienporträts von Masahisha Fukase, Sohn eines Studiofotografen in Japan, zeigen den alternden Vater, der auf dürren Beinen steht, sich mit den anderen Familienmitgliedern für ein skurriles Unterhosenporträt aufstellt; später sein totes, halb zugedecktes Gesicht.

Auch der sesselpupsende, trinkende Vater kommt vor oder in einer mehrdeutig-provokanten Serie der polnischen Fotografin Aneta Bartos der körperbewusste Vater von Putin’scher Statur, zu dem sich die Tochter in Unterwäsche gesellt.

Einen entscheidenden Beitrag zum diversen Männerbild hat die schwule Community geleistet. Einige der Fotos entstanden zu einer Zeit, als Homosexualität noch strafbar war. Rechtliche Beschränkungen gibt es in manchen Ländern bis heute. In den 1970er Jahren fotografierten Künstler wie Peter Hujar, David Wojnarowicz und Sunil Gupta ihre schwule Community und sich selbst und sorgten so für eine neue Wahrnehmung von Männlichkeit.

Der Fotograf Peter Hujar fotografierte in den 1970er Jahren schwule Bekannte. Foto: 1987 The Peter Hujar Archive LLC Vergrößern
Der Fotograf Peter Hujar fotografierte in den 1970er Jahren schwule Bekannte. © 1987 The Peter Hujar Archive LLC

Aber wo Klischees aufbrechen, formen sich auch gleich neue, das zeigt die Arbeit „Gay Semiotics“ von Hal Fischer. Der Fotograf hat in San Francisco eine Art Typologie schwuler Dresscodes erstellt. Man erfährt, was Lederunterhosen oder rote Taschentücher bedeuten. Die Arbeit stammt von 1977 und ist bestimmt schon überholt. Die Nachwelt wird trotzdem vom Tennissocken-Dandy erfahren: Die Serie ist Teil der Sammlung des Museum of Modern Art.

Das Bild vom schwarzen Mann wird neu besetzt

Die Ausstellung schlittert durch den Zeitgeist und die Moden von sechs Jahrzehnten und sie adressiert auch die rassistischen Stereotype vom schönen schwarzen heterosexuellen Mann. Samuel Fosso kokettiert in stylishen Selbstporträts mit seinem Schwulsein.

Die poetischen homoerotischen Bilder des gebürtigen Nigerianers Rotimi Fani-Kayode entstanden auf dem Höhepunkt der Aidskrise und trotzten der Homophobie im damaligen Großbritannien.

[Gropius Bau, Niederkirchnerstr. 7, bis 10. 1. 2021, Sa–Mi 10–19 Uhr, Do+Fr 10 bis 21 Uhr, www.berlinerfestspiele.de]

Ganz am Ende des Parcours geht es um den weiblichen Blick auf den Mann. Hier erlaubt sich Annette Messager den Zoom auf den Schritt. Auch die wundervollen Arbeiten von Marianne Wex sind dabei. Wex hat bereits 1977 patriarchale Machtverhältnisse anhand von Körperhaltungen bei Männern und Frauen analysiert.

In großen Bildtafeln hat sie das breitbeinige Sitzen des Mannes dokumentiert, lange bevor das Wort „Man-Spreading“ zum ersten Mal fiel. Sehr komisch und sehr wahr sind auch ihre Beobachtungen zu den „besitzanzeigenden Griffen“ beim Mann. Ana Mendieta, der 2018 eine große Einzelausstellung im Gropius Bau gewidmet war, klebt sich einen Schnurrbart an.

Es sind großartige Bilderserien, die höchstens subtil streifen, was in der Ausstellung kaum vorkommt: der brutale, dominante, sexistische Mann. Dabei ist der gerade wieder sehr aktuell.

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