Großes Licht. Die Ostfassade des Humboldt-Forums wurde zum 250. Geburtstag Alexander von Humboldts zu einer riesigen Projektionsfläche. Und das ist das Gebäude immer schon. Foto: imago images / PEMAX
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Forum ohne Humboldt Container am Horizont

Nach dem Humboldt-Jahr: 2020 soll das Humboldt-Forum in Berlin eröffnen. Aber wo bleiben seine Namensgeber?

Wenn im Herbst dieses Jahres der Flughafen BER und das Humboldt-Forum eröffnen, wird Berlin wieder ein Stück mehr Metropole. Aber das ist ein zweifaches und großes Wenn. Am Bau kann sich alles schnell zum Schlechten wenden, vor allem was das Innenleben betrifft: Brandschutz, Klima, Bodenbelag. Beim Humboldt-Forum ist ohnehin von einer teilweisen Eröffnung auszugehen.

Berlin lebte lange von diesem Konditional, von seinen Möglichkeitsformen. Ihre Konkretisierung schafft hier größere Probleme als anderswo, in realistischeren Gegenden.

Nach dem Humboldt-Jahr 2019, in dem der 250. Geburtstag Alexanders ausgiebig gefeiert wurde, steht nun hoffentlich die Einweihung des Riesengebäudes bevor, das die Stadt und das Land seit über zwei Jahrzehnten streiten lässt. Wozu das alte Schloss wiederaufbauen? Und warum um Gottes willen mit einem Kreuz auf der Kuppel? Wie viel Blut klebt an den Objekten der aus Dahlem geholten außereuropäischen Sammlungen? Wie macht man überhaupt Museum im 21. Jahrhundert, und was heißt in dem Zusammenhang Forum?

Das sind die wichtigsten Fragen, die das von der Bundesrepublik Deutschland mit gut 600 Millionen Euro finanzierte Unternehmen Humboldt aufwirft, immer wieder. Und das ist auch seine hauptstädtische Aufgabe – Unruhe zu stiften in einer Kulturszene, die überraschenderweise zur Verfestigung und Selbstgefälligkeit neigt und auch zur Ablehnung von Zeitgenössischem.

Alexander fungiert heute wieder als Vermittler zwischen Kulturen und Kontinenten

Merkwürdig: Franco Stellas Schloss-Fantasielosigkeit wurde leichter akzeptiert als der lichte Herzog-&-de-Meuron-Entwurf für das Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum. Ebenso hat das Humboldt-Forum schon auf dem Papier Misstrauen geweckt. Neugier und Offenheit gehören nicht überall zu den Stärken dieser Hauptstadt.

Man darf es gern einmal gut gelaunt betrachten. 2019 gab es eine Art von mobilem Humboldt-Forum zu erleben. Es geht nun darum, dass sich das Fluide, selbstbestimmt Bewegliche, das Alexander von Humboldts Wesen und Wirken charakterisiert, nicht in einer rückwärtsgewandten Architektur unangenehm verfestigt. Die Veranstaltungen zum eigentlichen Jubeltag um den 14. September herum stimmten optimistisch in ihrer Vielfalt und Skizzenhaftigkeit. Daran konnte man sich reiben.

Ganz wörtlich zeigte sich auf der illuminierten Fassade das Wesen des Forums: Es dient als Projektionsfläche für politisch-historische und künstlerische Diskurse, so wie Humboldt selbst zu einer frühen Beispielfigur der Klimaforschung geworden ist und zum Vorbild eines neuen Austauschs von Natur- und Geisteswissenschaften. Manches wirkt übertrieben, er war kein Supermann. Aber er fungiert heute wieder als Vermittler zwischen Kulturen, Kontinenten und Zeitaltern.

Ohne Wilhelm ist kein Alexander zu haben

Vor wenigen Wochen hat in Havanna die Casa Humboldt mit einer dem Namensgeber gewidmeten Ausstellung eröffnet, zum Ende des Themenjahrs „Humboldt y las Americas“, das Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Februar mit einer Rede in der Universität von Quito eingeläutet hatte. Humboldt hielt sich 1801 und 1804 in Kuba auf und stellte später in dem Essay über die Insel seine Ablehnung der Sklavenwirtschaft deutlich heraus. Die Dauerausstellung in der Altstadt von Havanna trägt die Handschrift von David Blankenstein – der zusammen mit Bénédicte Savoy auch die herausragende Schau im deutschen Historischen Museum Berlin kuratiert hat.

Sie ist beiden Brüdern gewidmet, Wilhelm und Alexander. Gleiches gilt für das Humboldt-Forum, auch wenn das oft vergessen wird. Ohne Wilhelm ist kein Alexander zu haben und umgekehrt: Die beiden waren sich in den entscheidenden Fragen sehr nah, wie man im DHM sieht. Freiheit, Bildung, Weltgefühl, mutige Neugier und profundes Gerechtigkeitsempfinden prägen die Humboldts, die Lust am Spielerischen wird nicht unterschlagen.

Im DHM läuft eine großartige Ausstellung über die Brüder

Die Ausstellung im DHM läuft bis April, danach wird abgebaut. Aber das ist absurd: Spät im Humboldt-Jahr eröffnet, verweist sie auf die Großbaustelle gegenüber. Dort, im Humboldt-Forum selbst, wird man wenig über Wilhelm und Alexander erfahren, ein dicker Planungsfehler.

Die kluge, informative und pointenreiche Präsentation – oder etwas Vergleichbares – müsste eigentlich nur über die Straße hinüber ins Schloss mit dem Humboldt-Forum getragen werden. Dort gehört sie am Ende hin. Dort wollen Besucher sich über den Namen Humboldt informieren. Dort hielt sich Alexander, nicht unbedingt gern und freiwillig, oft als Kammerherr am preußischen Hofe auf. Nur: Dort wird es demnächst eine Berlin-Ausstellung, aber keine genuine Beschäftigung mit den Humboldts geben. Deren Geist die neuen Schlossherrn aber gern bemühen.

Das Haus sieht aus wie ein Containerschiff

„Im Mai 2013 wurde in Hamburg eines der damals größten Containerschiffe auf den Namen Alexander von Humboldt getauft. Es ist 396 Meter lang und bietet Platz für 16 000 Standardcontainer“, schreibt der Historiker Jürgen Osterhammel im DHM-Katalog zum Thema „Globalisierung und Kolonisation“. Die Dimension der Herausforderung, vor der ein Haus der Kulturen steht, das sich mit Humboldt schmückt und tatsächlich aussieht wie ein Containerschiff, ist damit beschrieben.

Welt und Handel sind nicht zu trennen, nicht zufällig hat Alexander von Humboldt in Hamburg an der Handelsakademie studiert. Seine Schriften drehen sich häufig um Ökonomie, so wie Wilhelm sich global mit Sprachen befasste. Ein Humboldt-Forum ohne die Humboldts funktioniert schlecht.

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