Depression ist politisch. Szene aus dem Gewinnerfilm „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich. Foto: DFFB
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Filmfestival Max-Ophüls-Preis Sex-Chats im Schlachthaus

Frischzellenkur des deutschsprachigen Kinos: Der Max Ophüls Preis wird zum 40. Mal verliehen, doch von Midlife-Crisis keine Spur.

Angststörungen, Depressionen, Psychosen, Traumata: Begreift man die Wettbewerbsbeiträge des Max Ophüls Preises als Gradmesser, muss es schlimm stehen um die psychische Gesundheit der Generation Y. Beim wichtigsten Festival für den jungen deutschsprachigen Film sind die Hölle nicht die anderen, sondern die eigenen Dämonen. Was Regisseure und Regisseurinnen aus den Qualen ihrer Helden machen, erweist sich allerdings als erfreulich originell, auch spektakulär. Vor allem im Gewinnerfilm „Das melancholische Mädchen“, dem höchst eigensinnigen Debüt von Susanne Heinrich. Die 33-Jährige war bis 2011 Schriftstellerin, begann aber nach Schreibblockade und Depression ein Regiestudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin; das Drehbuch zu ihrem jetzt prämierten Abschlussfilm schrieb sie in nur vier Tagen.

In 14 Episoden trifft das melancholische, in Wahrheit depressive Mädchen (Marie Rathscheck) auf junge Mütter beim Yoga, einen Existenzialisten oder einen Romantiker in der Badewanne. Das Szenenbild ist äußerst stilisiert: bühnenhafte Tableaus in Pastellfarben. Hinzu kommen kunstvoll formulierte, aber völlig emotionslose Dialoge. Heinrichs Film irritiert und fasziniert durch extreme Künstlichkeit und radikale Verfremdungseffekte. Doch nicht nur Brecht hat die Regisseurin gelesen, auch feministische und kapitalismuskritische Theorie von Laura Mulvey oder Eva Illouz. „Verfilmte Philosophie“ nennt sie ihr Werk und fordert eine Politisierung des Problems. Psychische Krankheiten seien weniger individuelles Versagen als strukturelles Problem der neoliberalen Gesellschaft. Wer sich auf ihr Experiment einlässt, bekommt eine bittersüße Depressionskomödie als audiovisuelles Feuerwerk.

Platz für das Imperfekte, für Anfängerfehler

Ein solches ist auch der österreichische Beitrag „Nevrland“, der den Preis der Jugendjury erhielt. Wie Susanne Heinrich nutzte Gregor Schmidinger, ebenfalls Jahrgang 1985, ein selbst erlebtes Leiden als Ausgangspunkt. Der introvertierte 17-jährige Jakob lebt mit Vater und Großvater in beengten Verhältnissen in Wien, er arbeitet im Schlachthof und träumt vom Kosmologie-Studium, als ihn Panikattacken ereilen. Eine Bekanntschaft aus dem Sexcam-Chat und der Besuch von Technoclubs scheinen heilsame Wirkung zu haben, doch am Ende steht ein existenzieller Trip mit unklarem Ausgang. Nicht nur der ist soghaft inszeniert, der ganze Film besitzt eine so durchgängig bestechende Bildsprache und ein so kongeniales Sounddesign, dass man kaum an ein Spielfilmdebüt glauben mag. Mittendrin: Simon Frühwirth, der mit seiner ersten Rolle überhaupt einen der beiden Preise für den besten Schauspielnachwuchs gewann.

Der andere ging an Joy Alphonsus, Hauptdarstellerin des dokumentarisch anmutenden, düsteren Spielfilms „Joy“ über Nigerianerinnen, die sich in Wien prostituieren. Die Kriterien „jung“ und „deutschsprachig“ wurden hier eher frei interpretiert, Regisseurin Sudabeh Mortezai, Jahrgang 1968, war vor fünf Jahren schon im Wettbewerb der Berlinale vertreten. Ihr zweiter Spielfilm, in dem fast nur Pidgin-Englisch gesprochen wird, gewann nun den Preis für den gesellschaftlich relevanten Film.

Das Nachwuchsfestival selbst darf in seinem 40. Jahr kaum noch als jung gelten, doch von Midlife-Krise keine Spur. Gründer Albrecht Stuby hatte früh den Mut zu provokanten, etwa queeren Filmen, und auch heute, im dritten Jahr unter der Leitung der 30-jährigen Svenja Böttger, versteht man sich beim Ophüls Preis als Frischzellenkur des deutschsprachigen Kinos, nicht zuletzt als Wegbereiter großer Karrieren. Dietrich Brüggemann debütierte 2004 mit dem Kurzfilm „Mehr Licht“, Christian Petzold 1995 mit „Pilotinnen“. Dominik Graf präsentierte 1982 seinen ersten Kinofilm „Das zweite Gesicht“. In einer Jubiläumsreihe zeigte das Festival diese und weitere Perlen, auch wenn Graf seinem Debüt inzwischen eine „quälende Länge“ attestiert. Doch genau dafür ist Platz beim Ophüls: für das Imperfekte, für Anfängerfehler, die man gerne nachsieht, wenn man nur ihre Leidenschaft erkennt.

Eine Art „Das Boot“ im Weltall

Wie im Fall von „Das letzte Land“. Für ihren Traum von einem retrofuturistischen Science-Fiction-Film sammelten Marcel Barion und ein paar Freunde rund 20 000 Euro. Keiner der Macher besuchte je eine Filmhochschule, das nötige Raumschiff entstand unter Anleitung eines Schreiners aus Schrott und Röhrenbildschirmen. Das Ergebnis ist beachtlich und atmosphärisch dicht, eine Art „Das Boot“ im Weltall. Der Wettbewerb Dokumentarfilm entführte derweil in den Kongo, nach Nigeria oder Venezuela. Gewinner „Hi, A.I.“ hingegen blickte in eine mögliche Zukunft: Humanoide Roboter, die einsamen Menschen Gesellschaft leisten, zeigt Isa Willingers Dokumentation, die in der Vorauswahl zum Deutschen Filmpreis steht und pünktlich zum Wissenschaftsjahr „Künstliche Intelligenz“ Anfang März in die Kinos kommt.

Wie vielen Filmen wird der Kinostart vergönnt sein? Beim Panel „Leidenschaft oder Karriereschub – Was reizt junge Filmemacher am Kino?“ geht es um die Unwucht von Nachfrage und Angebot: 2018 wurden in Deutschland 20 Prozent weniger Kinokarten verkauft als 2017, zugleich suchen jährlich rund 100 Absolventen der Filmhochschulen mit Abschlussfilmen einen Verleih. Ein Max Ophüls Preis kann da den Unterschied machen.

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