Der Haupttempel. 2015 wurde er bis auf das Tor vom IS gesprengt. Foto: Zentralpark
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Essayfilm über zerstörte Ruinenstadt Palmyra, die Seele der syrischen Nation

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Hans Puttnies ergründet die Geschichte der zerstörten Wüstenmetropole in einem Essayfilm. Er macht wehmütig und gleichzeitig ratlos.

Palmyra – ein magischer Name, der betörend schöne Bilder hervorruft. Hans Puttnies hat 2008 die einstige multikulturelle Metropole in der syrischen Wüste besucht und angesichts der Zerstörungen durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) 2015 seine Bilder von damals in einem Essayfilm verarbeitet. Sein Ziel ist es dabei, Palmyra als ideologisches Konstrukt der Europäer zu zeigen.

Mit wackelnder Kamera zeigt er den Baalshamin-Tempel, den der IS inzwischen gesprengt hat. Palmyra habe als römische Grenzprovinz Handel mit Luxusgütern betrieben, mehr erfahren wir nicht über die Metropole, die als Puffer zwischen den Reichen der Römer und Perser diente.

Puttnies filmt Stiche und Dokumente der Entdeckung Palmyras. Aber auch die ersten Fotos zeigen, das inzwischen viel restauriert und rekonstruiert wurde. Der Regisseur beklagt, dass die arabischen Bewohner 1930 von den Franzosen vertrieben wurden und keine Spuren hinterlassen hätten. Sie wurden in der Neustadt Tadmor angesiedelt. Die Franzosen taten dies zum Schutz der Ruinen und um dort in Ruhe forschen zu können. Das kann man diskutieren, aber die jordanische Antikenverwaltung hat auch die Beduinen aus Petra umgesiedelt, um die Ruinen zu schützen – und touristisch zu erschließen. Im dritten Kapitel widmet sich Puttnies dem gesprengten Baal-Tempel, erklärt die Gottheiten der Palmyrener, weist aber nicht auf die altorientalische Ornamentik am Tempel hin, die Palmyra als Ort zwischen den Kulturen ausweist.

Puttnies erzählt von der archäologischen Erschließung Palmyras, von Theodor Wiegand, der als einer der Ersten dort grub, sowie von den rivalisierenden Franzosen, die Objekte für den Louvre brauchten. Der Regisseur bedauert, dass die Archäologen Palmyra für Touristen erschlossen haben, die in immer größerer Zahl kamen. Das Weltkulturerbe von 1980 sei ein rekonstruiertes gewesen.

Puttnies geht auch auf die Zerstörungen durch den IS ein. Da er kein eigenes Bildmaterial hat, übernimmt er unkritisch IS-Propagandavideos aus dem Internet. Er zeigt das berüchtigte Foltergefängnis von Tadmor und seine Sprengung, zeigt die inszenierte Vorbereitung der Hinrichtung von syrischen Soldaten im Theater von Palmyra. Die IS-Kamera schaut den Soldaten in Nahaufnahme ins Gesicht, und wir wissen, dass sie im nächsten Moment erschossen werden. Puttnies baut sogar das Video eines deutschsprachigen Dschihadisten mit zwei Todeskandidaten ein. Das ist unerträglich und unverzeihlich.

Die britische Propaganda-Expertin Jo Fox hat in einem Interview mit dem Wissenschaftspodcast sciencepie.org gesagt, man dürfe weder Standfotos noch Videos des IS verbreiten. Die Website des IS habe eine geringe Reichweite, doch durch die Übernahme in den Medien vergrößere sich ihre Reichweite, und damit erfülle man den Job der Terroristen. Puttnies beklagt in einer Steinigungsszene durch den IS, dass sich die Kulturredaktionen nicht um die namenlosen Opfer kümmerten, er selbst zeigt ihre Mörder.

Ebenso werden Propagandabilder von der Vorbereitung der Beltempel-Sprengung sowie der Zerstörung der Grabtürme benutzt. Der Essayfilm, der kein Dokumentarfilm sein will, reiht Eindrücke aneinander. Allein die Bilder des alten Palmyra sind wunderschön, und es schmerzt der Verlust.

Interessant ist die Fahrt mit dem Händler Hassan auf dem Moped durch das moderne Tadmor, das kaum ein Tourist besucht, eine anonyme Stadt ohne Zentrum. Diese Fahrt und das anschließende Gespräch mit dem 15-jährigen Souvenirhändler Mohamad über „seine Ruinen“ hätten gereicht, die Menschen von Tadmor ins Bild zu bringen. Und es ist Mohamad, der am Ende seine These von Palmyra als europäischem Konstrukt kontert: „Die Ruinen sind in meinem Herzen. Ich kann von hier nicht weggehen.“

Die Ruinenstadt Palmyra verkörpert die Seele der syrischen Nation, und deswegen wollte der IS sie zerstören.

Hackesche Höfe Kino 1-5 (teilw. OmU)

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