Der Architekt der Staatsbibliothek Unter den Linden, Ernst von Ihne, schuf aus Bauformen der Renaissance und des Barock einen eigenen Monumentalstil. Die Haupttreppe führt vom Erdgeschoss ins Vestibül. Über der Haupttreppe wurde das einstige Tonnengewölbe wieder freigelegt und baulich nachempfunden. Foto: Staatsbibliothek zu Berlin
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Eröffnung der Staatsbibliothek Unter den Linden Berlins Schatzhaus der Wissensvermittlung

Atemberaubend schön: Die Staatsbibliothek zeigt sich nach (fast) vollendeter Sanierung mit ihren Treppen und Gewölben als Ort voller Noblesse.

„Heute endet irgendwie die Nachkriegsgeschichte dieses Gebäudes“, beginnt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, seine Rede zur Wiedereröffnung der Staatsbibliothek Unter den Linden. Das „irgendwie“ lässt sich allerdings deutlicher fassen – es genügt ein Spaziergang über den Linden-Boulevard. Im Frühjahr 2004 seufzte der Publizist Jens Bisky: „Wer heute die Straße Unter den Linden entlanggeht, passiert eine chaotisch anmutende Abfolge von Baustellen. Irgendwann wird man auch die Staatsoper sanieren und auf dem Schlossplatz etwas Sinnvolles veranstalten.“ 17 Jahre später hat sich die Szene vollständig gewandelt: Das Schloss ist wiedererstanden, die Staatsoper saniert, die Baugrube der U-Bahn planiert. Und endlich ist seit ein paar Tagen auch der Bauzaun verschwunden, der die Staatsbibliothek vom Lindenboulevard abgetrennt hatte. Endlich könnte die Stadt ihre nobelste Straße wieder in Besitz nehmen – wären da nicht die Pandemie und die Stillstellung des öffentlichen Lebens.

So musste denn auch die Wiedereröffnung der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz am Montag auf die digitale Botschaft beschränkt bleiben. Immerhin geben die Bilder vom virtuellen Rundgang eine Ahnung davon, was Nutzer und Besucher erwartet (im Internet unter www.youtube.com/user/StabiBerlin).

Vieles ist bereits bekannt; vor allem der gläserne Kubus des zentralen Lesesaals, dieser sichtbarste Teil des Neubauvorhabens innerhalb des Altbaus, war bereits seit 2012 in Betrieb. Jetzt aber ist der riesenhafte Altbau, der den Hauptlesesaal von allen Seiten mit seinen zahlreichen Fluren, Zimmern, Versammlungs- und Sonderlesesälen umringt, zur Gänze saniert, ist die ursprüngliche Konzeption wieder in all’ ihrer Logik zu erkennen.

Als der Glaskubus von HG Merz – der Stuttgarter Architekt hat schräg gegenüber auch die Staatsoper saniert – eröffnet wurde und die Altbausubstanz im wesentliche noch so dalag, wie sie durch 40 Jahre DDR gekommen war, mochte das kompromisslos Neue des glasumschlossenen Lesewürfels gegen den gramgrau gewordenen Stein des Alten als Signal eines Aufbruchs gelten – die bekannte Rhetorik von Moderne versus Tradition. Doch jetzt, da der 1914 in den letzten friedlichen Tagen des Kaiserreichs eingeweihte Altbau so atemberaubend schön wiederhergestellt ist, mit so viel Gespür für die Qualitäten der früher stets als steif gescholtenen Architektur von Wilhelms Lieblingsbaumeister Ernst von Ihne, da stellt sich dem Betrachter schon die Frage, ob der gläserne Würfel schon alles ist, was eben diese Moderne zu leisten vermag. Merzens Farbschema, das Teppichböden und Tischplatten grelle Rot- und Orangetöne verordnet, wirkt in seiner Sechziger-Jahre-Aufdringlichkeit im Altbau noch unruhiger und unpassender als im Kubus selbst. Das sollte beim wohl bald fälligen Austausch des schon nach geringer Benutzung schmuddeligen Bodenbelags korrigiert werden.

Denn alles andere ist schiere Noblesse. Der Sandstein der Fassaden, vor allem aber der sorgfältig aufgetragene Kalkputz im Inneren ist bis in die letzte Windung der zahlreichen Nebentreppenhäuser hinein auf eine Weise repariert und aufgehellt, wie er vermutlich nicht einmal 1914 gestrahlt hat. Die Formensprache jenes Staatsstils, den Ihne aus Vorbildern von Renaissance und Barock zu einer möglichst zeitlosen Monumentalität zusammengeführt hat, ist nach Reinigung und weitgehendem Verzicht auf bloße Schmuckteile ihrer Schwere ledig. Der Aufgang vom Lindenkorso zunächst über den Brunnenhof und dann durchs Vestibül die mächtige Treppe hinauf ins Hauptgeschoss, gedeckt vom eleganten Merz’schen Tonnengewölbe und anschließend der mit einem Majolika-Ring geschmückten alten Flachkuppel, ist so erhebend, wie es für das Schatzhaus aller älteren Druckwerke und Handschriften bis etwa 1918 angemessen erscheint. Es ist kein einschüchternder, sondern ein befreiender Aufstieg, und führt über eine weitere, nunmehr heutige Treppe hinauf in den Kubus-Lesesaal. Der ist, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters für die Bibliothek als Ganzes meint: ein „für alle offener Denkraum“.

470 Millionen Euro haben die Baumaßnahmen am Ende gekostet, finanziert vollständig vom Bund; 326 Millionen waren im Jahr 2004 veranschlagt. Damals hieß es berlintypisch salopp, die Sanierung werde bis 2011 abgeschlossen sein. Tatsächlich dauerte sie 16 Jahre. Mittlerweile sind knapp 107 Jahre seit der Erst einweihung vergangen und 77 Jahre seit der Kriegszerstörung, der das Prunkstück des freilich unpraktischen Kuppellesesaals zum Opfer fiel. Dessen Wiederaufbau stand nie zur Debatte; jetzt mag man über diese Entscheidung, die angesichts des Vor-Sanierungszustands des Gebäudes einschließlich der danach abgerissenen Beton-Magazintürme aus DDR-Wiederaufbau getroffen wurde, eine Träne verdrücken. Ein Überrest des Kuppelraums hat sich eher zufällig erhalten: die in Stein eingelassene große Wanduhr. Die zerbeulten Zeiger fanden sich per Zufall; sie sind nun auf 22 Uhr 25 gestellt, die Uhrzeit der heftigsten Bombentreffer im Februar 1944.

Jetzt aber ist die Bibliothekstechnik auf dem neuesten Stand. Die seinerzeit revolutionären, selbsttragenden Buchmagazine sind ertüchtigt, eine bis dato fehlende Buchförderanlage tut im Verbogenen ihren über anderthalb Kilometer verzweigten Dienst. Die IT-Ausrüstung der Institution Staatsbibliothek, neben den Staatlichen Museen eine der beiden Säulen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wurde bei deren Evaluierung durch den Wissenschaftsrat ausdrücklich gelobt. Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf wird ihre dann 18-jährige Amtszeit im Laufe des Jahres beenden, mit dem schönen Gefühl, eine runderneuerte Bibliothek zu hinterlassen – zumal in absehbarer Zeit der Beginn einer mehrjährigen Sanierung des zweiten Hauses ansteht, des erst 1978 eingeweihten goldschimmernden Bücherbergs an der Potsdamer Straße, der die Buchbeständen ab 1918 birgt.

Im herausgeputzten Altbau stehen sechs Sonderlesesäle zur Verfügung, einer so vornehm wie der andere, zwei mit sorgsam restaurierten eisernen Galerien, einer mit allerdings nicht wieder farbig gefasster Kassettendecke. Im Handschriftenlesesaal haben sich sogar die wuchtigen Tische von 1914 erhalten. Alles ist großzügig dimensioniert und atmet die Ernsthaftigkeit einer Historischen Forschungsbibliothek, durchaus unterschieden von der Lebhaftigkeit des Uni-Betriebs im nahen Neubau der HU-Bibliothek.

105 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche misst der imposante Baukomplex; je Quadratmeter fielen 4.480 Euro Baukosten an. Man sieht dem barocken Fassadenaufriss nicht an, dass sich im Inneren auf den Etagen 7 bis 13 (!) die Stahlregale des Magazins verbergen, mit Platz für drei Millionen Bücher, ein Viertel des Gesamtbestands. 660 Leseplätze verteilen sich ungefähr hälftig auf den Hauptsaal und die sechs Sondersäle.

Gruppenarbeitsplätze in eleganten Containern wurden noch nach Beginn der Bauarbeiten eingeplant, dem Trend der Wissenschaften folgend. Was noch fehlt – denn so ganz abgeschlossen ist die Sanierung doch nicht –, ist das Bibliotheksmuseum für die singulären Schätze an Inkunabeln und Handschriften, von denen gleich mehrere zum Unesco-Weltkulturerbe zählen.

Entstanden ist mit der Sanierung ein Haus, das „historisch und hochmodern zugleich“ ist, wie Parzinger betonte, „mit modernster Infrastruktur im Inneren“. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble als Festredner ließ sich davon nicht locken und beharrte in seiner kulturkritischen Festrede darauf, „gerade in einer digitalisierten Öffentlichkeit brauchten wir neutrale und verlässliche Institutionen, die Wissen dokumentieren, vermitteln und zugänglich machen, ja auch filtern“. Und unbeirrt: „Der Höhepunkt der Bibliothek ist das Buch.“

Über der Vorderfassade thront nun wieder die ursprüngliche Flachkuppel. Der Boulevard Unter den Linden ist bereit fürs Flanieren – möglichst bald einschließlich Besuchs der StaBi. Man darf doch auf bessere Zeiten hoffen.

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