Der Potsdamer Bahnhof in Berlin-Mitte war 1838 als Endpunkt der ältesten Eisenbahnlinie Berlins zwischen Berlin und Potsdam eröffnet worden. Farblithografie von 1845.  Foto: akg-images
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Ernst Dronkes „Berlin“ von 1846 Der erste Berlin-Buch-Klassiker

Jäger und Sammler des Zeitgeschehens: Wie der Journalist und Revolutionär Ernst Dronke im Jahr 1846 mit seinem furiosen „Berlin“ das Panorama der Moderne zeichnete.

Wie viele Bücher über Berlin mag es schon geben? Ausgenommen London seit dem Elisabethanismus, Paris seit der Revolution und Rom seit der Antike ist kaum eine andere Stadt häufiger erzählt, erdichtet, beschrieben worden. 

Sind es tausend oder (gefühlt) zehntausend Berlin-Bücher: voller Verklärung und Erklärung, Hohn oder Hellsicht? Jedenfalls steht eines mit am Anfang und markiert gleich einen genialischen Höhepunkt.

Es stammt aus dem Jahr 1846, durfte in Berlin und ganz Preußen nicht erscheinen und wurde, zwei Jahre vor der Paulskirchenversammlung, im freieren Frankfurt am Main gedruckt. Sein Verfasser Ernst Dronke ist bis heute den wenigsten ein Begriff. 

Vorläufer von Tucholsky, Döblin und Regener

Allenfalls ein paar Historiker und Marxismus-Forscher sind bisweilen auf den Namen Dronke gestoßen, weil der Autor des schlicht und stolz nur „Berlin“ genannten Werks nach der fehlgeschlagenen 1848er-März-Revolution zusammen mit Friedrich Engels und anderen Frühkommunisten an der von Karl Marx dirigierten „Neuen Rheinischen Zeitung“ (Untertitel: „Organ der Demokratie“) in Köln mitwirkte.

Jetzt endlich ist Ernst Dronkes „Berlin“ in der Anderen Bibliothek in einer reich illustrierten, kommentierten und mit einer exzellenten Einführung von Hans Christoph Buch versehenen Prachtausgabe wiederzuentdecken (Ernst Dronke „Berlin“, Die Andere Bibliothek Berlin 2019, 416 Seiten, 58,- Euro). Ein Ereignis.

Denn all das nimmt hier einen frühen Anlauf, was an Phänomenen und Phantomen der Spree-Metropole in späteren Büchern eingefangen wurde: die Stadtgesellschaftsszenen Fontanes, die Feuilletons eines Kerr oder Tucholsky, die Welt der Romane von Döblins „Berlin Alexanderplatz“ über Peter Schneiders „Mauerspringer“ bis zu Sven Regeners „Herr Lehmann“ und zahllosen Berliner (Nach-)Wende-Erzählungen.

Dronke wirft den Vorschein auch zu den Stadt-Bildern eines Walter Benjamin und den Flanierstücken Franz Hessels, bis hin zu dem Gesamtpanorama, das jüngst Jens Bisky mit seiner gleichfalls nur „Berlin“ genannten „Biographie einer großen Stadt“ entworfen hat.

Ernst Dronke, 1822 geboren in Koblenz am Rhein, ist 1891 in Liverpool gestorben. Im englischen Exil, wie seine fast gleichaltrigen Mentoren Karl Marx und Friedrich Engels. Er hat ab 1839 Jura studiert, begonnen in Bonn und 1844 abgeschlossen mit einer Promotion an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität, der heutigen Humboldt-Uni. 

Danach arbeitete er als Journalist, war eine Art Polizei- und Gerichtsreporter. Vor allem aber ein Rechercheur, ein scharfsinniger Beobachter jedweder Gesellschaftsschichten, offenbar Tag und Nacht unterwegs in vornehmen Cafés oder niedersten Kaschemmen, in Ballhäusern, Theatern und Opern, in Palais wie in Armensiedlungen, in Salons oder Bordellen. 

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Ein Jäger und Sammler des Zeitgeschehens, dieser beißende Kritiker des restaurativen, monarchischen Preußentums. Ein Mann des Vormärz, der 1845 aus Berlin verwiesen wird und nach der Publikation von „Berlin“ wegen Beleidigung des Königs und des Polizeipräsidenten verfolgt, angeklagt und zu zwei Jahren Festungshaft im niederrheinischen Wesel verurteilt wird. 

Von dort gelingt ihm während der (missglückten) 1848er-Revolution die Flucht nach Brüssel, wo er mit Engels und Marx zusammentrifft und Mitglied im Bund der Kommunisten ist.

Aber schon 1849, nach zunehmenden ideologischen Spannungen mit Marx und Engels, wechselt er in die Schweiz und später nach England. „Berlin“ bleibt sein literarisches Hauptwerk, im britischen Exil wird aus dem Radikalsozialisten ein bürgerlicher Kaufmann und Vertreter einer in den Überseekolonien operierenden Kupferminengesellschaft.

Erste Symphonie der Großstadt

„Die Lokomotive pfeift. Von Trebbin, der letzten Station der Anhaltinischen Eisenbahn, zieht es sich noch beinahe fünf Meilen lang gleichförmig, ununterbrochen fort, aber schon hier zeigt uns die Gegend die Nähe des großen, traurigen Sandmeeres, in dessen Mitte die große Stadt gleichsam als Oase liegt.“

Als 21-jähriger Student kommt Dronke 1843 am erst zwei Jahre zuvor eröffneten Anhalter Bahnhof an. Von hier südwärts geht der Blick noch ins Grüne und weit hinüber zum Kreuzberg, vor den Toren der Stadt.

Am Bahnhof jedoch nimmt der frühe, junge Reisende sofort das Gewimmel von Dienstmännern, Polizisten, sich so verhohlen wie offen anbietenden Mädchen und so etwas wie die erst ein Menschenalter später beschriebene Symphonie der Großstadt wahr. Nur die militärisch ausgerichteten Magistralen „werden euch sagen, dass in ihnen eine Revolution nicht möglich ist“. 

„Stadt der Entartung“

Zugleich erkennt Dronke mitten im Biedermeier schon den Anbruch der Moderne: „Das Leben ist kurz, die Schnelligkeit der heutigen Reisen noch viel zu langsam. Heute Paris, morgen London; jetzt Rom, dann Berlin; darauf Petersburg und von dort nach Texas; zugvögeln im Norden und gähnend zurückkehren aus Ägypten …“ Das schreibt er vor 175 Jahren, und das lesen wir heute!

Mit seinem feuilletonistischen Temperament, seiner soziologischen Schärfe und politischen Rage betrachtet Dronke in einzelnen Kapiteln das „Öffentliche Leben“, „Moral und Sitten“, „Die Staatsregierung“, „Die liberale Geldaristokratie“, „Das Proletariat“, dazu die Parteien, den Polizeistaat, die Universität oder Kunst und Theater. 

Doch vor den Einzelheiten inszeniert er den widerstreitenden Chor der Pietisten, Freisinnigen, Katholiken oder von auswärts Zugezogenen. Sie beschwören Berlin als „das moderne Babel“, den „Herd der Reaktion“ oder „die Stadt der Entartung“. Worauf der Autor antwortet: „Es ist – es ist – Ja, es ist Vieles, es ist die große Stadt.“

Das unfertig Werdende Berlins

Tatsächlich lebten in Berlin damals gerade 400.000 Menschen. Wenig im Vergleich zu knapp zweieinhalb Millionen in London oder der Million, die Paris just 1846 überschritt. Die Habsburger-Metropole Wien zählte eine halbe Million, doch die deutsche Kleinstaaterei kannte ansonsten nur Hamburg, Breslau und München als Großstädte, deren Einwohnerzahlen nicht einmal ein Drittel der immer schneller boomenden künftigen Reichshauptstadt betrugen. 

Das Gärende, immerzu unfertig Werdende, das dann Karl Scheffler kurz vor dem Ersten Weltkrieg als viel zitiertes „Schicksal“ Berlins beschreibt, hat der urbanistische Reporter Dronke jedenfalls schon erfasst.

Er schaut genau hin. Im Café Kranzler (damals noch) Unter den Linden achtet er nicht bloß auf die Konversation der „Offiziere und jungen Fashionables“ („nichts anderes als Pferde, Hunde und junge Tänzerinnen“), ihm fällt auch auf, dass Militärs sich in Berliner Lokalitäten auch ohne Bestellung hinsetzen dürfen, so lange sie wollen, während Zivilisten umgehend von Kellnern zur Order gedrängt werden. 

Formen der Prostitution auf allen gesellschaftlichen Ebenen

Den vermeintlichen „Berliner Witz“ nennt Dronke tot oder grob, ein letzter Rest, nämlich „der keckste und ungezogenste in ganz Deutschland“, finde sich allein noch bei der Gassenjugend, vornehmlich bei jungen Kaminfegern. 

Das hängt zusammen mit „der barbarischen Sitte der neueren Zeit, schmale und enge Schornsteine zu bauen, in die man nur Kinder hineinschicken kann“. Diese „kleine schwarze Brut“ der Armut und Ausbeutung versucht dann halt durchzuhalten: mit buchstäblich schwarzem Humor.

Es gibt viele solcher sprechenden Details: ob Dronke die Leserzuschriften in der Rubrik „Eingesandt“ der Berliner Zeitungen als Versuche erkennt, mit Volkes Stimme die offizielle Pressezensur zu umgehen; ob er den durch Agenten betriebenen Heirats-, Bekanntschaft- und schieren Sexmarkt untersucht, die bürgerliche Ehe in ihren Brüchen seziert oder die unterschiedlichen Formen der Prostitution auf allen gesellschaftlichen Ebenen analysiert. 

Inspektion der Hungerquartiere

Materielle Not, Unbildung und Missbrauch zwingen ungefähr jede zehnte Berlinerin zu dem, was Dronke ohne Prüderie oder religiöse Doppelmoral als „Eiterbeule einer krankhaften, in ihrer Organisation total zerrütteten Gesellschaft“ bezeichnet. Er studiert dazu das tägliche, nächtliche Leben und liest eher Gerichtsakten als sentimentale Kurtisanenromane.

Den nämlichen Blick hat der juristisch promovierte Sozialist auch auf die Rolle des „Verbrechers“ gerichtet, von denen Berlins Gefängnisse offenbar 12 000 zählen, zu ihnen gehören selbst Obdachlose.

Dronke inspiziert die Elendsquartiere der Hungerleider im „Voigtland“, einem Areal entlang der heutigen Tor-, Invaliden- und Gartenstraße (Rosenthaler Vorstadt), wo 2500 Menschen unter katastrophalen hygienischen Verhältnissen in 400 engen Zimmern leben, deren Miete allein ihre Hungerlöhne frisst.

Friedrich Engels' Sozialreportage als Vorbild

„Der Begriff des Moralischen liegt hier offenkundig in dem Privilegium der Reichen und Mächtigen“, ist des Autors Fazit zu Gesetz und sittlicher Ordnung. Fast die Hälfte der damals 66 000 schulpflichtigen Kinder in der aufstrebenden Kapitale kann aus Armut keine Schule besuchen, ist somit „der größten Unwissenheit und Demoralisation preisgegeben“.

Ein Vorbild Dronkes war Friedrich Engels’ 1845 erschienene, völlig erschütternde Sozialreportage zur „Lage der arbeitenden Klasse in England“. 

Und zwei Jahre zuvor hatte Bettine von Arnim, die wunderbar unromantische Romantikerin, ihren Band „Dies Buch gehört dem König“ veröffentlicht und ihm als „Beilage“ einen Bericht über das erwähnte Voigtland-Viertel angefügt: mit drastisch detailreichen Schilderungen über das Vegetieren der Ärmsten der Armen Berlins, basierend auf der Nachforschung eines Schweizer (!) Lehrers.

Von Zensur verfolgt

Das dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. gewidmete Buch aber hat als Vormärz-Manifest außer Bettines persönlicher Gefährdung, vor der sie auch Alexander von Humboldt warnte, bei Hof und Regierung wenig bewirkt. Dronke zitiert die Verfasserin mehrmals, indes an einer brisanten Stelle zur Briefzensur nur verdeckt.

Selbst von der Zensur verfolgt, gerät in Dronkes „Berlin“ ein hundertseitiger Exkurs zur preußischen Staatsgeschichte um 1840 recht lang. Fast amüsant wirkt dagegen, wie dieser hochgebildete, mitunter genialisch altkluge Jungjurist nahezu alle Fakultäten der Berliner Universität samt Koryphäen wie Friedrich Wilhelm Schelling („philosophischer Possenreißer“) oder den Historiker Leopold von Ranke als geistige Hochstapler runterputzt. 

Ebenso selbstbewusst verreißt Dronke auch Theater und Oper der damals schon neben Wien führenden Bühnenmetropole, wobei hier der Anmerkungsteil ausnahmsweise mit einigen nötigen Erklärungen geizt.

Beim Verfassen 23 Jahre alt

Dronke war beim Verfassen seines Buchs erst 23 Jahre alt, genau wie der bei seinem Ende neun Jahre zuvor im Züricher Exil als Verfolgter so früh verstorbene Dramatiker Georg Büchner. Büchner, den die Nachwelt erst Jahrzehnte später entdecken wird, fehlt Dronke bereits jetzt auf dem Berliner Spielplan!

Und wie Büchner ist Dronke ein egalitärer, idealsozialistischer Vertreter der allgemeinen Menschenrechte, nicht zuletzt in der für ihn eigentlich fraglosen „Frage der Gleichberechtigung von Juden“.

Kein Wunder also, dass sein großes Buch, ein Dokument der Bewunderung, Verachtung und Sehnsucht, im Geist auch von Büchners revolutionärem „Hessischen Landboten“ befeuert ist. Es markiert die erste preußische, berlinische Stadtbotschaft.


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