Tasten-Mephisto. Chilly Gonzales hat das Klavierspiel nie gelernt. Foto: Rapid Eye Movies
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Doku über Chilly Gonzales Als Berlin noch ein Spielplatz war

Universalgenie: Philipp Jedickes Doku über den kanadischen Piano-Berserker Chilly Gonzales und seine Zeit in Berlin.

Er wisse nicht, ob Gonzales an einer Musikhochschule die Klavier-Aufnahmeprüfung bestehen würde. Cornelius Meister hat 2011 als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Wien den kanadischen Piano-Berserker bei mehreren Konzerten begleitet. Dabei könnte der Gegensatz zwischen den konzentriert musizierenden Sinfonikern und dem schweißtriefenden, auf die Tasten des Bösendorfer-Flügels einhämmernden Gonzales kaum größer sein. Der Auftritt endet mit Crowd- surfing: Gonzales lässt sich rücklings auf die – sitzenden! – Zuschauer fallen. Ein klassisches Rockkonzertritual, das sich Gonzales für diesen Auffahrunfall zwischen E und U aneignet.

Wie aus Jason Beck der gefeierte Universalentertainer Chilly Gonzales wurde, zeichnet Philipp Jedicke in seinem Dokumentarfilm „Shut Up and Play the Piano“ über die wendungsreiche Karriere des heute 46-Jährigen nach. Jedicke hat aus dessen Archiv wunderbares Material zu einer tränentreibenden Zeitreise in eine kurze Ära montiert, in der Berlin der größte Erwachsenenspielplatz der Welt war – Gonzales immer mittenmang.

Der Mensch hinter der Persona bleibt ein Mysterium

Die ältesten Schnipsel zeigen ihn Anfang der Neunziger glatzköpfig als Sänger einer Collegerock-Band in Toronto, wo sich später in der kurzlebigen Combo The Shit („because we were the shit“) die Protagonisten zusammenfanden, die für die Berliner Popmusik des neuen Millenniums entscheidend wurden: Mit Peaches, Feist, Mocky und Taylor Savvy bildete Gonzales in Berlin eine hyperaktive Zelle von Expats, deren zwischen Electroclash, Rap und Disco mäandernde Konzertperformances die Szene aufmischten. Das Material wirkt wie aus einer anderen Epoche: Gonzales im Tanga, Melodica tutend, mit Peaches battlerappend im WMF, als Möchtegern-Pimp mit den Puppetmastaz, als „President of the Berlin Underground“ bei einer tumultuösen Pressekonferenz, im Pullunder als Barpianist – von etwas muss man ja leben.

Denn seine manischen Selbstinszenierungen, all die Entgrenzung und Verausgabung, machten ihn zwar bekannt wie einen bunten Hund, kommerzieller Erfolg blieb indes aus. Er stellte sich erst ein, als Gonzales nach Paris ging und ein Album mit ganz einfachen, an Satie erinnernden Klavierstücken aufnahm. „Solo Piano“ erschien 2004 und initiierte die Neuerfindung des Künstlers, der seither als über den Zeitläuften schwebender Klavierflüsterer weltweit die Konzertsäle füllt.

Bei allem Materialreichtum bleibt der Mensch hinter der Persona Chilly Gonzales ein Mysterium. Dass er in Montreal als Sohn jüdischer Immigranten geboren wurde, dass sein Vater einen Baukonzern leitete und dass er zum Bruder, dem Filmkomponisten Christophe Beck („Hangover“), ein Konkurrenzverhältnis pflegt, sind die wenigen Fakten einer nebulösen Biografie. Sibylle Berg, die im Film als Interviewerin fungiert, verzichtet gemäß Absprache auf Fragen privater Natur. So bleibt der Erkenntnisgewinn jenseits des nicht lückenlosen (was ist mit dem tollen Rock-Nebenprojekt Feedom?), aber kurzweiligen Karriereüberblicks limitiert. Da ist noch Raum für Dokumentaristen mit investigativerem Ansatz.

In 11 Berliner Kinos

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