Epochales Panoptikum. Szene von einer Probe der Karl-Kraus-Inszenierung, die in der Halle der Spandauer „Insel Gartenfeld“ stattfindet Foto: Sebastian Kreuzberger
© Sebastian Kreuzberger

"Die letzten Tage der Menschheit" in Spandau Das Futter aller Schlachten

Peter von Becker

Das Karl-Kraus-Spektakel „Die letzten Tage der Menschheit“ ist jetzt auch in Berlin zu sehen. Ein Treffen mit Regisseur Paulus Manker.

Da ertönt es wieder, das anschwellende Crescendo aus Richard Strauss’ „Zarathustra“-Sinfonie. Fast jeder kennt den Auftakt aus Stanley Kubricks „Odyssee 2001“, die von der Morgendämmerung der Menschheit in den Weltraum führt.

Jetzt, in einer riesigen ehemaligen Werkhalle des Siemensareals in Berlin-Spandau, begleitet der „Zarathustra“-Beginn die Einfahrt der Schauspieler auf einem realen Eisenbahnwagen. Eröffnet so eine mehr als siebenstündige Raumtheaterversion von Karl Kraus’ vor hundert Jahren verfasster Weltkriegsapokalypse „Die letzten Tage der Menschheit“.

Die dramatische Dämmerung unserer Spezies hielt der Wiener Dichter und Publizist („Die Fackel“) selbst für unaufführbar. Unter dem Eindruck der Schlachten 1915 begonnen, glaubte Kraus für seine am Ende 220 Szenen mit über tausend Rollen an zahllosen Schauplätzen, von Wien bis Berlin, von Russland bis Frankreich, nur an ein „Marstheater“.

Also passt die Kubrick-Erinnerung samt Strauss ganz gut. Ein Monsterdrama als Welt- und Weltraumtheater.

Premiere in Spandau ist an diesem Freitag. (Vom 20. 8. bis 12. 9., jeweils Fr/Sa/So um 18 Uhr in der Belgienhalle, Gartenfelder Str. 28 in Berlin-Spandau (Siemensstadt). Tickets: produktion@letztetage.com oder über eventim.com und Tel. 01806-570070)

Das Panoptikum kommt aus Wien, wurde dort ab 2018 vom Publikum und der Presse bejubelt. Bald darauf hatte Regisseur Paulus Manker auch eine mehr auf Berlin zielende Fassung entworfen. Geplant für Sommer 2020, musste das Spektakel wegen der Pandemie jedoch abgesagt werden.

Auf dem Gartenfeld sollen 3000 Wohnungen entstehen

Weshalb die schon auf 16 000 Quadratmeter verteilten und auch vom Publikum im Laufe der Handlung begehbaren Szenerien mit Salons, Cafés, einem Theater im Theater, einer Krankenstation aus Weltkriegszeiten und den eigens durch die Haupthalle verlegten Bahngleisen ein Jahr auf ihre Erweckung gewartet haben.

Vom Transport und dem Aufwand zeugen direkt vor der Halle elf Riesencontainer und eine Diesellok. Sie gehören mit zum Spiel: Die Lok wird dröhnend, dampfend ein- und ausfahren, und Episoden an der Front spielen zum Teil in Sandgruben (Schützengräben) oder im Bauland rund um die große Backsteinhalle.

Der Wiener Theaterregisseur, Filmemacher und Schauspieler Paulus Manker Foto: Sebastian Kreuzberger Vergrößern
Der Wiener Theaterregisseur, Filmemacher und Schauspieler Paulus Manker © Sebastian Kreuzberger

Das Gelände auf der Spandauer „Insel Gartenfeld“ gehört dem Investor Thomas Bestgen. Er hatte in Wien die „Letzten Tage der Menschheit“ gesehen und als Fan die Halle samt Umfeld dem Theatermacher Paulus Manker kostenlos überlassen.

Manker sagt jetzt, vor einem Probedurchlauf: „Ohne diese Großzügigkeit wäre unsere Berliner Unternehmung kaum möglich gewesen!“ Bestgen will hier über 3000 Wohnungen bauen, die historische Industriearchitektur mit einbeziehen und für die Truppe der Choreografin Constanza Macras ein eigenes neues Theater schaffen.

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Wobei es im Fall der „Letzten Tage“ noch eine Pointe gibt. Denn der Name der Spielstätte lautet „Belgienhalle“. Zwar wurde die Konstruktion von den Deutschen im Ersten Weltkrieg in Nordfrankreich als Beutegut demontiert. Aber Belgien war beim Durchmarsch 1914 das Land des ersten deutschen Kriegsüberfalls.

"Die Wahnsinnshalle ist jetzt der Star"

Und, doppelte Pointe, in Österreich spielte man in der „Serbenhalle“. Sie diente den Nazis in ihrem Weltkrieg für Massenmorde und als Waffenschmiede. Im Stück aber wird nach dem Attentat auf den habsburgischen Thronfolger 1914 in Sarajewo das authentische „Serbien muss sterbien!“ herausgeschrien. „Erst die Serbenhalle und jetzt die Belgienhalle, das hätte Karl Kraus gefallen“, merkt Manker sarkastisch lächelnd an.

Dieser Mundzug, der vom charmant Gewinnenden jäh ins herrisch Grantelnde wechseln kann – wenn auf den Proben ein szenisches Detail nicht stimmt oder ein Akteur einen Handschuh vergessen hat: Er gehört zu den Gesichtern von Paulus Manker.

Der 63-jährige Wiener aus einer alten Künstlerfamilie ist Regisseur, Autor und als Schauspieler mit dem Image des genialischen Enfant terrible voller Erfahrungen mit Theater- und Filmregisseuren wie Peter Zadek, Luc Bondy, Christoph Schlingensief, Michael Haneke, Alexander Kluge. Oder zuletzt Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) und Dani Levy („Die Känguru-Chroniken“).

Selbst war er mit Anfang zwanzig schon bei Hans Hollmanns Wiener Version dabei, die 1980 an zwei Abenden Teile der „Letzten Tage“ noch vergleichsweise konventionell vom Marstheater auf die irdischen Bretter brachte.

Als Filmregisseur hat Manker in Cannes debütiert („Schmutz“), hatte mit „Weiningers Nacht“ nach der Vorlage des israelischen Autors Joshua Sobol im Theater und Kino großen Erfolg (Regie und Titelrolle) und verhalf 1995 in „Der Kopf des Mohren“, nach einem Drehbuch von Michael Haneke, dem Theatergranden Gert Voss zu dessen spätem Filmdebüt.

Mankers Talent für interaktives Raumtheater hat man in Berlin 2006 auf allen Etagen des Kronprinzenpalais Unter den Linden erlebt: bei der aus einem morbiden Schloss nahe Wien importierten Megashow „Alma“. Da ging es um das furiose Leben der Künstlermuse Alma Mahler-Werfel.

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In der Produktion spielte Manker den Maler Oskar Kokoschka, einen von Almas berühmten Geliebten. Diesmal aber tritt der Maestro in dem gut 20 Schauspielerinnen und Schauspieler plus fünf Berliner Kinder umfassenden Ensemble nur am Rande auf.

„Die Wahnsinnshalle ist jetzt der Star – und der angesichts von neuem Nationalismus und Militanz bestürzend hellsichtige Text“, betont Manker. Hauptdarsteller sind freilich auch einige von ihm erst entdeckte jüngere Akteure: Benedikt Häfner, der wie ein Tier in einem Käfig über den Zuschauerköpfen schwebt und gegenüber den abweisenden Militärärzten des Habsburgerreichs die wahren Schrecken des Krieges beschwört.

Oder Iris Schmid als stahlhelmbewehrte, auch mal probeschießwütige Wiener Kriegsberichterstatterin Alice Schalek. Karl Kraus hat in der historischen Figur vor allem die militante „Hyäne“ gesehen.

„Da widerspreche ich Kraus ein wenig, die junge jüdische Journalistin war als erste schreibende Frau an der Front wohl auch eine ziemlich mutige, emanzipierte Person.“ Neu wurde zudem der Berliner Schauspieler Nikolaus Arnold für die Auftritte Kaiser Wilhelms II. engagiert. „Das kann in Berlin doch kein Österreicher spielen!“

Es gibt unbeschränkt Getränke zum Dinner

Wie aber stellt man in Corona-Zeiten und ohne Subventionstheater im Rücken solch eine Großproduktion auf die Beine? Manker lacht wieder sarkastisch: „Mit Fremd- und Selbstausbeutung! Wo es im Staatstheater 50 Techniker, Requisiteure und Hilfskräfte gibt, haben wir mit sechs Mann gearbeitet. Sogar den schweren Eisenbahnwagen ziehen die Schauspieler in der Aufführung selbst. Leider kann ich auch keine großen Gagen zahlen.“

Manker investiert bei rund 400 000 Euro Kosten für das Berliner Gastspiel zunächst seine eigenen Film- und Theaterhonorare.

„Gerettet aber haben uns 70 000 Euro von der Berliner Lottostiftung, nachdem der Hauptstadtkulturfonds, dessen Kriterien wir komplett erfüllen, eine Förderung überraschend abgelehnt hat. Die österreichische Botschaft in Berlin schießt ganze 4000 Euro zu und der Bezirk Spandau keinen Cent.“

Immerhin haben die Wiener Theater Kostüme aus dem Fundus gestiftet, die unbeschränkt freien Getränke zum Drei-Gang-Dinner, das in der Pause als Leichenschmaus nach Kaiser Franz-Josephs Tod (1916) für das Publikum im Kartenpreis von 115 Euro enthalten ist, wird wie die Hallenmiete gleichfalls gesponsort. „Aber“, meint Manker in Anspielung auf Werner Herzogs Film „Fitzcarraldo“, „es bleibt ein fitzcarraldischer Wahnsinn! Wir schleppen ein Schiff übers Gebirge.“

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